Mehr als ein Hobby Wild im Wald: Warum zwei Thüringerinnen auf die Jagd gehen

Die neue Jägerschaft ist jung und zunehmend weiblich. In den Kursen für den Jagdschein sitzen inzwischen 25 Prozent Frauen. Wird Jagen zum Trend? Die Thüringerin Lisa Eisoldt machte vor drei Jahren ihre Prüfung.

Wild im Wald - Was treibt die Jäger an?
Abschlusspläne reglementieren, was und wieviel gejagt wird. Dennoch ist das Thema Jagd hoch umstritten. Bildrechte: MDR/Frank Menzel

Jäger sind alte Männer mit Feder am Hut? Ja, auch. Aber immer mehr junge Frauen und Männer machen den Jagdschein. Sie interessiert nicht nur das Schießen.

Neue Generation auf dem Hochsitz: Zwischen Passion und Pflicht

Neben Brauchtum und Naturerlebnis rückt zunehmend der Artenschutz ins Visier. "Vor meinem ersten Schuss auf ein Tier, ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Das war ein Rehbock. Ich überlege auch heute lange, bevor ich schieße. Denn ich will sauber treffen, damit das Tier nicht leiden muss", erzählt Lisa Eisoldt.

Ich spüre auch die Verantwortung gegenüber Wald und Wild. Hege gehört unbedingt dazu.

Lisa Eisoldt Jägerin
Wild im Wald - Was treibt die Jäger an?
Madeleine Sieler jagt bereits seit 20 Jahren, an ihrer Seite auf dem Hochsitz : Lisa Eisoldt (r.) Bildrechte: MDR/Frank Menzel

Die Pößneckerin hat vor drei Jahren ihren Jagschein gemacht. Seitdem geht die Jungjägerin mindestens einmal die Woche ins Revier, um Wildtiere zu beobachten oder ihnen auch nachzustellen. Das kann dauern: "Im Sommer 2019 habe ich drei Monate auf einen Bock 'angesessen', ehe ich ihn schießen konnte. Er stand auf der Abschussliste, weil er nahe einer Straße lebte. Wir hatten Angst, dass ein Auto ihn erwischt. Solche gefährlichen Unfälle wollen wir vermeiden."

Fast täglich streift Madeleine Sieler durch ihr Revier: "Für mich ist das mehr als ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft, mit der Hingabe gegenüber jeder einzelnen Kreatur im Wald. Und es ist viel Verantwortung." Die Jägerin pachtet zusammen mit ihrem Mann ein Revier nahe Neustadt/Orla, das 280 Hektar umfasst. Vor allem Wildschweine und Rehe leben hier, auch Damwild kommt vor. Wenn diese Tiere Felder umwühlen oder kleine Bäumchen anknabbern, kann die Jägerin von Waldbesitzern und Bauern dafür verantwortlich gemacht werden, sagt sie: "Wir hatten das einmal mit Wildschweinen, die im Weizen gefressen haben. So ein Schaden kann eine vierstellige Summe bedeuten. Aber weil die Felder groß sind, lässt sich dort schwer jagen."

Für mich ist das mehr als ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft, mit der Hingabe gegenüber jeder einzelnen Kreatur im Wald.

Madeleine Sieler, Jägerin

Wieso muss der Mensch in den Wald eingreifen?

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Die Jagd als Gebot von Natur- und Artenschutz? Bildrechte: MDR/Frank Menzel

Lisa Eisoldt und Madeleine Sieler sind miteinander befreundet und gehen auch zusammen auf Jagd. Das bedeutet nicht, unbedingt zu schießen. Vielmehr genießen sie es, die Lebensweisen des Wilds kennenzulernen. Ziel aber muss es schließlich sein, die verschiedenen Tierarten und den Charakter ihres Reviers auszubalancieren, wie Lisa Eisoldt erklärt:

"Es nutzt nichts, beispielsweise das Rehwild zu schonen, wenn die große Population dann nicht ausreichend Futter findet. Dann stressen sich die Tiere gegenseitig, werden krank und verkümmern. Deshalb greifen wir ein." Für sie ist das ein Gebot von Natur- und Artenschutz. Aber weil Jäger dafür auch töten, müssen sich die beiden öfter Kritik stellen. Wenn sie im Revier von Spaziergängern dazu befragt werden, führt das jedoch nicht selten zu einem angeregten Gespräch über die heimische Natur.   

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Matthias Neumann, Jäger und Forstwissenschaftler Bildrechte: MDR/Frank Menzel

"Jagd muss sein", sagt auch Matthias Neumann entschieden. Der Forstwissenschaftler aus Thüringen arbeitet für das Thünen-Institut des Bundes und ist selbst Jäger. Er stellt klar: "Der Wald ist eine Kulturlandschaft. Würden wir auf die Bejagung verzichten, würden sich die Bestände innerhalb kürzester Zeit vervielfachen. Mit all den negativen Konsequenzen: Wir haben die Gefahr viel größerer Wildschäden durch Krankheiten, Seuchen, vermehrte Verkehrsunfälle." Neumann untersucht, wie die Interessen von Wald, Waldbauern, Jägern und Wild zusammen gehen können:

Tiere knabbern an Knospen um zu überleben. Dass das ein Schaden für den Wald ist, definiert der Mensch! Manches Problem mit Verbiss und Schälung an Bäumen ist hausgemacht, weil die Jagd Tiere an diese Stellen treibt, fern von ihren eigentlichen natürlichen Futterquellen. Wir brauchen Ruhezonen für das Wild, und wir müssen Jagdzonen einrichten. Ohne Jagd geht es in unserem Wald als Kulturlandschaft nicht.

Matthias Neumann Jäger und Forstwissenschaftler, Thünen-Institut

Wildtier-Management in Frauenwald

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Wildtierfütterung, um Fraßschäden an Bäumen zu vermeiden Bildrechte: MDR/Frank Menzel

Einen solchen Ort, wo der Interessensausgleich gelingt, hat Neumann in Frauenwald am Rennsteig gefunden. Dort wird Rotwild im Winter mit Rüben, Heu und leckeren Kastanien gefüttert. Dutzende Tiere kommen dafür Tag für Tag her. Für Matthias Neumann ein Beispiel für mustergültiges Wildtier-Management: "Mit so einer Futterstelle werden die Tiere konzentriert und quasi auch gelenkt. So können sie von gefährdeten Flächen ferngehalten werden."

Der Waldökologe sieht in der cleveren Kombination von Jagd- und Ruhezeiten die Zukunft: "Das Entscheidende bei Wildtieren ist der Faktor Ruhe. Insofern sollten Jagdkonzepte entwickelt werden, um in kurzen Zeiträumen effektiv zu jagen. Und dann aber den Wildtieren lange Ruhe zu gönnen. Sie zeigen es, indem sie sich dann wieder mehr auf offenen Flächen aufhalten und dann logischerweise auch viel weniger Schäden verursachen." In Thüringen würden solche Konzepte bereits umgesetzt.

Mit Ehrfurcht vor der Natur

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Unterwegs im Revier Bildrechte: MDR/Frank Menzel

In ihrem Revier sorgt Madeleine Sieler dafür, dass die Wildtiere ruhige Plätze finden. Sie erkennt an den Fährten und Wechseln auf dem Boden, welche Tiere sich wo aufhalten. Manche Gebiete meidet sie dann bewusst. Hier können Wildtiere sich aufhalten, schlafen und Kraft tanken ohne bejagt oder gestört zu werden. Manchen Hochsitz hat sie nur aufgebaut, um die Lebensgewohnheiten der Tiere studieren zu können. Geschossen wird jedoch nicht. Auch nach 20 Jahren Jagd ist Madeleine Sieler von ihren Erlebnissen im Wald beseelt, von den Geräuschen, Gerüchen, Bildern: "Das ist ein Wow-Effekt, davon zehre ich eine ganze Weile. Perfekt, um von Arbeit, Familie und Alltag abzuschalten."

Änderung im Bundesjagdgesetz geplant

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Das Ziel beim Schießtraining: "Ins Leben" treffen, also den Brustbereich, damit das Tier mit einem Schuss getötet wird, ohne unnötig leiden zu müssen. Bildrechte: MDR/Frank Menzel

Um für die anstrengende hastige Drückjagd gewappnet zu sein, trainieren Lisa Eisoldt und Madeleine Sieler regelmäßig auf dem Schießstand ihrer Jägerschaft. Dort wird mit bewegten Zielescheiben simuliert, wie Tiere, beispielsweise Wildschweine rasend schnell flüchten. Dann gezielt zu treffen, muss geübt werden. Selbst Madeleine Sieler, als erfahrene Schützin, hat davor Respekt: "Wir wollen ja treffsicher in den Brustbereich schießen, damit die Tiere sofort tot sind. Das ist hier viel schwieriger als bei einer Ansitzjagd, wo ich die Tiere lange beobachten kann." Bisher war regelmäßiges Schießtraining freiwillig. Die Landesanstalt Thüringenforst verlangt zwar einen Schießnachweis, der allerdings nur besagt, dass Jäger oder Jägerin auf dem Schießstand geübt hat. In diesem Jahr soll das Bundesjagdgesetz geändert werden. Es sieht vor, dass Jäger nun ihre tatsächliche Treffsicherheit nachweisen müssen, ehe sie zu Drückjagden gehen dürfen. Damit soll das Jagen sicherer werden.

Die Beute? Gutes Wildbret

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Ein Zweig als letzte Ehrbezeugung Bildrechte: MDR / Frank Menzel

Es ist nicht nur ein Klischee: Viele Jäger sammeln Trophäen, hängen sich Schädel und Geweih erlegter Tiere über die Couch. So etwas ist den jungen Jägerinnen eher fremd. Auch die Jagd nach exotischen oder besonders großen Tieren, wie sie von Reiseveranstaltern angeboten wird, reizt sie nicht. Aber sie schätzen das gute Fleisch, das sie durch das Jagen nutzen dürfen. Es wird von ihnen beispielsweise zu Würsten verarbeitet. "Es freut mich, wenn ich meiner Familie ein nachhaltig gejagtes Stück Wild auf den Teller legen kann. Ein gesundes Stück Fleisch, das eben nicht aus der Massentierhaltung kam. Sondern das bewusst erlegt worden ist und auch bewusst konsumiert wird", fasst Lisa Eisoldt ihre Einstellung zusammen. In ihrer Familie wird fast nur noch Fleisch gegessen, das aus dem heimischen Wald stammt. Und höchstens einmal die Woche.

Programmtipp

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Mi, 27.01.2021 21:15 21:45

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Wild im Wald - Was treibt die Jäger an?

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | ECHT | 27. Januar 2021 | 21:15 Uhr

25 Kommentare

Alfons vor 4 Wochen

Es wird hier viel zu wenig eingegangen auf die Notwendigkeit zu Jagen, um das Schalenwild im Wald zu reduzieren. Durch das wärmere Klima, Nährstoffeinträge und immer mehr Äsung explodieren die Bestände von Reh-, Rot-, Damm- und Sikawild in unseren Wäldern regelrecht. Die Abschüsse müssen noch wesentlich höher werden!! Die einzige Alternative wäre Wolf und Luchs in angemessenen Dichten ...... aber das ist ein geselschaftliches, kulturlandschaftliches und vor allem Beute-neid-problem der Jäger.

Peter 2007 vor 4 Wochen

Ach und einige Anmerkungen noch zur Frage Jäger müssen reich sein, ich bin ein ganz normaler Arbeitnehmer und liebe die Jagd. Natürlich gibt es finanzielle Ausgaben, ich habe mir am Anfang eine Waffe geliehen dann für 300€ eine BBF gekauft, Ausrüstung von der Stange. Nach und nach hochwertige Optik und nun Nachtsicht und WBK zur Beobachtung und Suche. Alles erspart weil für mich die Jagd kein Hobby sondern Passion ist

Peter 2007 vor 4 Wochen

Horrido aus Brandenburg, ich gehöre auch zur Jägerschaft und finde den Beitrag nicht nur für Jäger sehr interessant und informativ. Die Aussage mit dem Hegeabschuss an der Strasse wirft zwar Diskussionen auf und auch mit Recht, dann müsste ich bei uns im Revier 1/3 des Bestandes erlegen! Der Bericht ist gut und sollte an solchen Aussagen nicht zerredet werden. An alle Nicht Jäger, Jäger unterstützen und helfen der Natur Überbestände zu dezimieren, Krankheiten und Seuchen zu verhindern, einen daraus folgenden gesunden Bestand zu Hegen. Der Abschuss ist kein Spaß am Töten sondern ergibt sich aus der Hege, siehe auch Paragraph 1 Jagdgesetz.

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