Thüringen FDP-Angebot an die Linke: Was hinter dem falschen Kemmerich-Anruf steckt

Die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten in Thüringen hatte wenige Stunden zuvor stattgefunden und ein politisches Beben im Freistaat ausgelöst, als bei Susanne Hennig-Wellsow in der Nacht das Telefon klingelte. Ein Mann, der sich als Kemmerich ausgab, bot der Linken-Chefin einen Posten als Ministerin an. Wie sich jetzt herausstellt, handelte es sich um einen Scherz.

Das vermeintliche Ministeriums-Angebot an die Landesvorsitzende der Linken in Thüringen soll ein Telefonstreich gewesen sein. Ein Youtuber bekannte sich dazu. Demnach habe Klemens Kilic in der Nacht zum Donnerstag bei Susanne Hennig-Wellsow angerufen und sich als Ministerpräsident Thomas Kemmerich ausgegeben. Im Namen des FDP-Politikers bot er ihr den Posten der Innenministerin in einer Allparteienregierung an. Das erklärte Kilic in einem Video vom Sonnabend auf Youtube.

Kilic-Anruf: Hennig-Wellsow und der Blumenstrauß für Kemmerich

Hennig-Wellsow habe bei dem Anruf angekündigt, mit den Parteigremien darüber sprechen zu wollen. Sein Eindruck sei gewesen, dass die Linken-Politikerin einer Allparteienregierung gegenüber aufgeschlossen gewesen sei.

Als Anlass für seinen Streich nennt Kilic das Verhalten der Linke-Chefin nach der Wahl von Kemmerich zum Ministerpräsidenten. Hennig-Wellsow hatte Kemmerich im Landtag einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen. Damit habe die Politikerin zum Ausdruck gebracht, "was sie von demokratischen Wahlen hält, wenn sie nicht so ausgehen wie von ihr gewünscht".

Susanne Hennig-Wellsow (r., Die Linke) hat Thomas Kemmerich (l., FDP), dem neuen Thüringer Ministerpräsident, die Blumen vor die Füße geworfen und wendet sich ab.
#Flowerdrop: Susanne Hennig-Wellsow warf Thomas Kemmerich im Landtag einen Blumenstrauß vor die Füße. Youtuber Klemens Kilic kritisierte das Verhalten. Bildrechte: dpa

Hennig-Wellsow berichtet von Fake-Anruf

Hennig-Wellsow hatte offenbar keine Zweifel an der Echtheit des Telefonats. Am Samstag hatte sie einen entsprechenden Anruf mit dem Regierungschef auf MDR THÜRINGEN-Anfrage bestätigt. Kemmerich, der mittlerweile als Ministerpräsident zurückgetreten ist, und die FDP hatten ein solches Gespräch dagegen dementiert. Am Sonntag schrieb die Linken-Vorsitzende auf Facebook: "Ich habe den Anruf zur Kenntnis genommen und meine Gremien von dem Anruf informiert, den ich fälschlicherweise tatsächlich Thomas Kemmerich zugeordnet habe. Wer das ohne mein Einverständnis mitgeschnittene Telefonat, das nun auf YouTube steht, anhört, wird bestätigen können, dass ich dieses 'Angebot' weder angenommen habe, noch mit dem Anrufer darüber 'verhandelt' habe."

Hennig-Wellsow: Nichts für unmöglich gehalten

Ein paar Tage später habe sie einem Journalisten von dem Anruf erzählt, so Hennig-Wellsow weiter, "ohne vorher Thomas Kemmerich zu fragen, ob er so was Seltsames wirklich tun würde". Dies sei nicht in Ordnung gewesen, sie entschuldige sich dafür. "Ich habe in diesen absurden Zeiten nichts für unmöglich gehalten."

Kilic hatte bereits Ende 2019 mit einem Telefonscherz für Aufsehen gesorgt. Vor dem Bundesparteitag der Sozialdemokraten gab er sich als designierter SPD-Chef Norbert Walter-Borjans aus. Er rief beim ehemaligen SPD-Vizevorsitzenden Ralf Stegner an und stellte ihm den Posten von Finanzminister Olaf Scholz in Aussicht.

Rechtsradikalen-Vorwurf gegen Klemens Kilic

Vor der Landtagswahl Anfang September in Sachsen hatte Kilic bereits die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock genarrt, indem er ein kurzes Video mit ihr drehte, das er mit der AfD-Empfehlung beendete: "Blau wählen für Sachsen".

Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz hatte dem Youtuber später attestiert, "ganz eindeutig der rechtsradikalen Szene" anzugehören. Kilic wies den Vorwurf zurück: "Diese bizarre Anschuldigung ist nachweislich falsch." Er sei "patriotisch-konservativ", würde sich aber "nicht als rechts bezeichnen".

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 09. Februar 2020 | 13:00 Uhr

147 Kommentare

Anita L. vor 35 Wochen

Hallo *martin*, Sie haben in Ihrem Unbehagen über das Vorgehen einiger Beteiligter das Problem schon benannt: Aus der Erfahrung der Weimarer Republik heraus, die eine rein formale war und durch ihre eigenen Mittel zu Fall gebracht wurde, wurde bereits 1956 in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes festgehalten, dass alle Mittel - also auch demokratische - die eingesetzt werden, um die Demokratie zu unterlaufen und zu beschädigen, bekämpft werden müssen. Eine rein taktische Wahl, wie von der AfD mit Herrn Kemmerichs Schützenhilfe durchgezogen, kann man schon als demokratiefeindlich bezeichnen. Ich bin zwar trotzdem auch der Meinung, dass man in den sauren Apfel hätte beißen müssen, aber demokratischer wird diese Wahl damit nicht.

Anita L. vor 35 Wochen

"Die Bedeutung der Formulierung 'nehme zur Kenntnis' liegt irgendwo zwischen einer höflichen Verklausulierung von 'Leck mich am A....' und 'ich bin mit dem Inhalt nicht einverstanden'."
Das trifft es passend!

martin vor 35 Wochen

@ekkehard: Ob derartige Kommentare "plump" sind oder nicht, entscheiden erfreulicherweise nicht Sie. Sie dürfen gern Ihre Meinung dazu äußern. Aber der Unterschied zwischen einer Tatsachenbehauptung und einer Meinung sollte einem derart intelligenten Menschen schon geläufig sein ....

Mit Ihrem Beitrag reduzieren Sie den Demokratiebegriff auf die Einhaltung gesetzlicher Regeln. Das greift schon allein deshalb zu kurz, weil für eine korrekt durchgeführte Wahl darüber hinaus auch noch die Regeln der Geschäftsordnung (die kein Gesetz ist) einzuhalten sind. Darüber hinaus haben viele Menschen ein Demokratieverständnis, was deutlich über die formale Einhaltung von (Wahl-)Regeln hinaus geht. Weil dieses Verständnis unterschiedlich ist, ist "anita" zuzustimmen, dass man genau darüber durchaus streiten kann.

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