Prävention durch Abschreckung

Kritik am Anti-Drogen-Zug "Revolution Train" in Thüringen wächst

von Juliane Maier-Lorenz

Stand: 04. Oktober 2019, 20:50 Uhr

Ein Monat lang war der "Revolution Train" in Thüringen unterwegs, um Schüler vor Drogenmissbrauch zu warnen. Was bei den einen für Begeisterung sorgt, stößt bei den anderen auf harte Kritik. Eine Zusammenfassung.

Es ist dunkel, das wenige Licht lässt die Wände gefährlich rot erscheinen, Aus den Lautsprechern eines Bildschirms hallt eine düstere Stimme. Die Luft - mal warm, mal kalt. Die Szenerie, vor allem eines - abschreckend.

Eine Gruppe von Schülern sitzt tuschelnd auf Sitzbänken. Am Ende des 150 Meter langen Eisenbahnzuges, den sie jetzt gleich von vorn nach hinten durchlaufen, sind die meisten von ihnen still und in sich gekehrt. Das ist Absicht. Denn das Thema ist durchaus ein ernstes: Drogen. Wie und was sie bewirken können, was mit Drogenjunkies und Dealern passiert, das will ihnen "Revolution Train" vermitteln. Im Idealfall, und das ist die Wunschvorstellung der Macher des Anti-Drogen-Zuges aus Tschechien, steigen die Kinder und Jugendlichen am Ende aus dem Zug und lassen die Finger von jeglichen Suchtmitteln - auch von Alkohol und Zigaretten.

Einen Monat lang rollte das multimediale Projekt jetzt auf Schienen durch Thüringen. Mehr als 10.000 Kinder stiegen allein in diesem Jahr ein. 

Projekt soll alle Sinne ansprechen

In sechs Wagons durchlaufen die Schüler verschiedene Stationen, sehen aufwühlende und verstörende Filmsequenzen. Kurz danach finden sie sich in genau der gezeigten Szenerie wieder. In der Bar, in der sie aufgeklärt werden, was man sich vom gesparten Zigarettengeld alles kaufen kann. Vor einem völlig zerstörten Auto, mit dem die betrunkenen und von Drogen berauschten Film-Protagonisten einen Unfall bauten, der ein Menschenleben kostet. In einer "Drogenhölle", einer völlig verwahrlosten Wohnung eines Abhängigen, der am Ende seine Sucht mit dem Leben bezahlt.

Die Idee für das Projekt stammt von Pavel Tuma, der nach eigenen Angaben einen Freund verloren hat, der wegen Drogenmissbrauchs starb. Tumas Ziel: Vor dem Missbrauch von Drogen zu warnen und abzuschrecken. Sein Projekt sei einzigartig, es gebe nichts derart vergleichbares, was das Thema Drogen so anspricht, erklärt der Tscheche. Schüler im Alter von zwölf bis 17 Jahren würde ein sicherer Raum geboten, in dem sie möglichst realistisch erfahren, was passiert, wenn man süchtig ist. Nur so könne man heute noch Jugendliche erreichen, ist er überzeugt. Mit der Theorie hat Tuma viele Anhänger gefunden.

Begeisterung und Bauchschmerzen

Nicht umsonst hielt der Zug in diesem Jahr in gleich mehreren Städten in Thüringen. Polizisten, Ärzte, Staatsanwälte - viele sind davon überzeugt, dass der Zug ein Baustein in der Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen sein muss. Auch, weil sie selbst erlebt haben, wie Menschen ihr Leben durch die Sucht weggeworfen und verloren haben.

Doch genau die Art und Weise, wie der Zug dem Missbrauch von Drogen vorbeugen möchte, bereitet Verantwortlichen von Thüringer Fachstellen für Suchtprävention Bauchschmerzen. Allen voran Dörte Peter, die Koordinatorin der Landesstelle für Suchtfragen. Allein auf Abschreckung zu setzen, sei der falsche Weg und in der Prävention längst nicht mehr zeitgemäß, sagt sie. Die Bilder im Zug hätten nichts mit der Lebensrealität der Kinder zu tun. Das Erlebte sei nur wenig nachhaltig.  "Ich halte diesen Zug für gefährlich, weil er Drogensüchtige stigmatisiert. Wir gehen doch auch nicht auf Obdachlose und Prostituierte auf der Straße los, zeigen mit dem Finger auf sie und sagen unseren Kindern: Macht das nicht!", schüttelt Peter mit dem Kopf. Wie und warum Menschen in die Sucht geraten, vor allem, wie ihnen daraus geholfen werden kann, all das spiele im Zug keine Rolle. Stattdessen sei der "Revolution Train" laut und bunt, habe Event-Charakter und spreche natürlich auch deshalb die Schüler an.

Drogenprävention Genial oder krass? Der "Revolution Train"

2.250 Schüler haben den Zug allein in Erfurt im September besucht. Die Stimmung im Zug ist düster, es gibt nur wenig Licht und die Wände sind wie das Innere eines Körpers verziehrt. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Die Schüler durchlaufen mehrere Räume. Zunächst sehen sie eine Filmsequenz, um sich dann genau in der Szene wieder zu finden, in welcher die Sequenz geendet hat. Hier in einer Bar, in der Schnaps und Bier getrunken sowie Zigaretten geraucht werden. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Der Film geht weiter: Betrunken und von Drogen berauscht steigen vier Jugendliche nach der Disko ins Auto, fahren zu schnell und unangeschnallt auf der Straße, überholen und krachen mit ihrem Wagen in ein Motorrad. Dessen Fahrer stirbt, eine Mitfahrerin verliert ihr Auge, die anderen überleben schwer verletzt. Das verunglückte Auto ist Teil der Szenerie im Zug. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Der Fahrer des Wagens wird kurze Zeit später verurteilt, muss hinter Gitter. Wie es dort, nach den Vorstellungen der Zug-Initiatoren aussehen kann, bekommen die Schüler im "Revolution Train" ebenfalls zu sehen. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Und auch das ist Teil der Szenerie, die nach Ansicht von Sucht-Experten auf Abschreckung beruht: Eine verdreckte Toilette in einem Gefängnis. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Die "Wohnung" eines Abhängigen, nach tschechischem Vorbild. Dreckige Matratzen, alte Spritzen, Müll... Mit "Kuscheltour" erreiche man heutzutage niemand mehr, so Marion Eich-Born, Vorsitzende des Erfurter Suchtpräventionvereins Super e.V und Verfechterin des Anti-Drogen-Zugs. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Und zum Schluss endet alles mit dem Tod ... Die Fundstelle der Leiche eines Junkies im Zug. Das multimediale Projekt wurde von Pavel Tuma ins Leben gerufen und beruht seinen Angaben zufolge auf einer wahren Begebenheit. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Sechs Wagons zeigen im "Revolution Train" verschiedene Szenen, wie Jugendliche an Drogen kommen, was durch deren Konsum passieren kann und wie dieser im schlimmsten Fall endet. Die Jugendliche begeben sich so an Orte, die sie, so die Initiatoren, sonst nicht zu sehen bekommen würden. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Befürworterin: "Kuscheltour" wenig erfolgreich

Das wissen auch die Macher und Unterstützer. Allen voran Marion Eich-Born, die Vorsitzende des Suchtpräventionvereins Super in Erfurt. Sie setzte alle Hebel in Gang, damit der Zug auch in diesem Jahr im Erfurter Zugbahnhof hält.

Mit der Kuscheltour der Fachstellen erreichen wir doch die Kinder nicht mehr. Über das Programm, das in den Schulen angeboten wird, lachen sie doch.

Marion Eich-Born, Vorsitzendes Suchtpräventionsvereins Super in Erfurt

Eich-Born sagt, die Kritik der Fachstellen verstehe sie nur bedingt, besser dieses Programm als gar keines. Aber, das gibt sie zu, der Besuch des Zuges bedarf bei den Jugendlichen einer Vor- und eine Nachbereitung. Nur dann könne das Gesehene eingeordnet werden.

Kritikerin: Gleichzeitig fehlt Geld für Sozialarbeiter

Doch genau das ist nicht überall der Fall. Nicht an jeder Schule sei dafür ausreichend Personal, so Dörte Peter. In den Kommunen mangele es an Sozialarbeitern und -pädagogen.  Auch ein Thema, das Dörte Peter sauer aufstößt: Für den Zug, dessen Aufenthalt in Thüringen mehr als 170.000 Euro gekostet hat, würden bereitwillig und gern Spenden oder wie in manchen Landkreisen Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt. "Von dem Geld könnte ich ein, zwei, drei Sozialarbeiter gut ein Jahr lang bezahlen und Projekte ausführen lassen", sagt die Koordinatorin. 

Dass Thüringen ein Drogenproblem hat und vor allem Erfurter Schulen damit zu kämpfen haben, davon ist Armin Däuwel von der Kreiselternvertretung in Erfurt überzeugt. Und auch davon, dass darüber nicht gern geredet wird und endlich etwas dagegen getan werden muss. "Der Revolution Train kann nur ein Baustein in der Prävention sein. Den Schülern, Lehrern und auch Eltern muss aber noch viel mehr geboten werden“, sagt der Vorsitzender der Elternvertretung. 

Und die Schüler? Bei denen gehen die Meinungen über den Zug auseinander. Ja, viele sind ruhig nach dem 70-minütigen Gang durchs Leben eines Abhängigen. Die einen sind tief betroffen und finden es "mega". Die anderen sind wenig interessiert. Die meisten jedoch, so zeigen es die Auswertung der Fragebögen nach dem Besuch des Zuges, sind mit Drogen längst in Kontakt gekommen. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

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