Die BND-Akte Politbüro Willi Stoph

* 9.7.1914 - † 13.4.1999

Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Vorsitzender des Ministerrats u. des Staatsrats

Unter den Politbüro-Mitglieder flößte dem BND vor allem Willi Stoph als Politiker mit "enormen Erfahrungen" Respekt ein. Stoph war innerhalb des "DDR-Kabinetts" wegen seiner Kompetenz von den meisten geachtet,  jedoch nicht sonderlich beliebt. Vielleicht lag das auch dran, dass Stoph nicht auf eine reine antifaschistische Vergangenheit verweisen konnte: Er hatte am auf der Seite der Wehrmacht am Krieg gegen die Sowjetunion teilgenommen, war verwundet und mit dem Eisernen Kreuz Zweiter Klasse ausgezeichnet worden. Am Ende des Krieges war Stoph Stabsgefreiter. Dem BND war das Vorleben Stophs zwar nur bruchstückhaft bekannt. Aber er wusste mehr, als in der DDR veröffentlicht wurde.

Nahezu lobend schrieb der BND in einem Bericht von 1967, Stoph habe eine "bemerkenswerte" "steile Karriere" hingelegt. Er sei für Wirtschaft, dann für den Aufbau von Polizei und Armee zuständig gewesen, und hätte sich dann als stellvertretender Staatsratsvorsitzender bewährt – eigentlich eine "Schleudersitzfunktion". Seine Intelligenz und sein "rastloser Arbeitseifer" hätten ihn vor Schlimmem bewahrt. Dabei werde ihm von einigen Funktionären eine "tiefe Menschenverachtung" nachgesagt, er sei ein schlechter Redner und seine abgelesenen Ausführungen wirkten ermüdend, jedoch sei seine distanzierte und einfache Lebensführung offensichtlich ehrlich. Er sei sich und seiner Familie gegenüber anspruchslos und zeige "große Härte gegen sich selbst" – alles in Allem ein "überzeugter und leidenschaftsloser kommunistischer Apparatschik" mit Organisationstalent. Von sowjetischen Gesprächspartnern werde Stoph den bundesdeutschen Politikern als „unbelastet“ und „damit als verhandlungswürdig empfohlen“. Gelegentlich gab es zu dieser Zeit Konflikte mit Walter Ulbricht. Der BND vermutete, dass Stoph von der sowjetischen Führung als Gegengewicht zum ungeliebten Staatschef installiert wurde. Insgesamt, so zog der BND Ende der 1960er-Jahre sein Fazit, gehöre Stoph eindeutig zur "Spitzengarnitur der dünn gesäten jüngeren Führungselite des kommunistischen Systems der SBZ".

Wertschätzend schrieb der BND auch später über Stoph. Stoph galt zwar als "knochentrocken" und "steif", reserviert und unpersönlich, wurde aber auch als ein verlässlicher und entscheidungsfreudiger Politiker eingeschätzt – er vertage Probleme nicht. Auch wenn er sich in seiner Mentalität völlig von Erich Honecker unterscheide, verhalte sich Stoph ihm gegenüber völlig loyal, arbeite "kühl und sachbezogen". BND-Quellen berichteten, dass er auf Russisch verhandeln konnte – eine Fähigkeit, die Honecker oder auch Walter Ulbricht völlig abging. Über Konflikte innerhalb des Politbüros wusste der BND wenig, lediglich gegen Günter Mittag, den DDR-Wirtschaftslenker, zeige Stoph eine "unverkennbare Abneigung".

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2017, 16:24 Uhr