Dutzende IM auf und am Platz Stasi war im Thüringer Fußball aktiver als bekannt

Die DDR-Staatssicherheit hat im Thüringer Fußball deutlich mehr Spitzel geführt als bislang bekannt. Umfangreiche Recherchen von MDR THÜRINGEN zeigen, dass Dutzende Sportler, Club-Verantwortliche, Ärzte und Fans der Oberliga-Clubs von Erfurt und Jena für die Stasi arbeiteten.

Neugier von Fluchtplänen bis Bestechungsversuche

Die Staatssicherheit verpflichtete die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM), um stets über die Stimmungslage in den Mannschaften informiert zu sein. Republikfluchten oder auch DDR-feindliches Verhalten im Ausland sollten verhindert werden. Die Stasi erhielt außerdem einen Einblick in Sponsorentätigkeit, Ablösesummen, Bestechungsversuche, Verbandspolitik, Fanleben sowie Neonazi-Gewalt in Stadien.

Die Berichte, besonders von Spielern, enthalten dabei sowohl triviale als auch sehr persönliche Informationen. Vermerkt ist beispielsweise, ob alle Club-Mitglieder pünktlich zur Wahl gingen, wer bei Auslandsspielen "krumme Geschäfte" machte oder wer welche Beziehungen hatte. Besonders interessierte sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) für Informationen zu Spielen gegen bundesdeutsche Mannschaften und zu republikflüchtigen Trainern und Fußballern wie Jörg Berger und Lutz Eigendorf.

Zuträger aus Überzeugung und unter Druck

Die Zuträger arbeiteten teils aus Überzeugung, teils nur unter Druck mit dem MfS zusammen. Einige Angeworbene waren aufgrund ihrer Weigerung Repressalien ausgesetzt und wurden selbst zum Opfer. Die Stasi hatte beispielsweise im Vorfeld der Fußball-WM 1974 gegen DDR-Nationalspieler ermittelt. Im Fokus stand auch der Spieler Gerd Brauer, der erst als IM angeworben und später als "unzuverlässig" eingestuft wurde. Einem Jenaer Spieler drohte das MfS mit dem Rausschmiss aus dem Club. Jörg Burow wiederum wurde vor seiner Anwerbung zum IM wegen seiner Westkontakte unter Druck gesetzt.

"Unzuverlässigkeit" konnte Abschöpfung stoppen

Rüdiger Schnuphase
Wegen "Unzuverlässigkeit" beendete die Stasi schließlich die Zusammenarbeit mit Rüdiger Schnuphase. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit anderen brach das MfS dagegen die Zusammenarbeit ab: Harald Irmscher galt als „unzuverlässiger IM" und Rüdiger Schnuphase wurde "mehrfache Unehrlichkeit" und "Desinteresse" attestiert. Viele Informationen erhielt die Stasi auch von außerhalb der Clubs, unter anderem von Trainern anderer Sportarten, Fördermitgliedern, Partei- oder FDJ-Sekretären. Beispielsweise gab der Leichtathletiktrainer von Turbine Erfurt, Werner Hoppe (IM Marion), 30 Jahre lang Informationen aus dem Vorstand von Rot-Weiß Erfurt an die Stasi. Etliche Berichte gab auch die Motor-Jena-Trainerin Brigitte Schenke (IM Brit Wenske) ab, beispielsweise zu illegalen Tauschgeschäften oder Frauenbeziehungen der Fußballer. Bände füllen auch Berichte von Angestellten in besonderen "Schwerpunktobjekten" wie Interhotels.

Die Liste ist lang

In den Clubs selbst pflegte die Stasi ein dichtes Informationsnetz. Unter den Fußballspielern gehörten neben dem schließlich als "unzuverlässig" eingestuften Rüdiger Schnuphase (IM Gunther), und Jörg Burow (IM Walter Schmidt, Walter Thomas) auch Ralf Sträßer (IM Felix), Jürgen Heun (IM Robert), Gerd Brauer (IM Bernd Heinze) und Jürgen Raab (IM Helmut Drechsler, Hartmut Elster) zu den Quellen.

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN waren auch die meisten Fußballtrainer über Jahre Stasizuträger. Namentlich belegen das Akten für Hans Meyer (IM Hans Schaxel), Georg Buschner (IM Georg), Bernd Stange (IM Kurt Wegner), Harald Irmscher (IM Fischer) und Wolfgang Schakau (IM Robert Schaller).

Unter den Clubverantwortlichen lieferten Hilmar Ahnert (IM Arnolt), Herbert Keßler (IM Paul Linse), Karl-Heinz Friedrich (IM Karl-Heinz Löns), Dieter Scheitler (IM Dieter Schild), Wolfgang Blochwitz (IM Werner Jähn), Hans-Günter Hänsel (IM Kurt), Günther Wolfrum (IM Günther Eisler), Volkmar Pfuhz (IM Enrico Werner), Regina Küthe (IM Uwe Theiß), Harry Weiland (IM Uwe Garten), Alfred Huth (IM Herbert Liebert) und Hartmut Ohlig (IM Dieter Glock) vertrauliche Informationen. Des Weiteren spitzelten Mannschaftsärzte, Physiotherapeuten sowie Journalisten und Förderer im Umfeld der Thüringer Fußballclubs. Akten existieren für Werner Keyling (IM Karl-Andreas), Johannes Roth (IM Prade), Dieter Zipfel (IM Müller), Tankred Helmbold (IM Thomas Häfner), Matthias Dressel (IM Michael Matthias), Dieter Ehlert (IM Alexander), Harry Felsch (IM Wartburg), Peter Palitzsch (IM Peter Rudolph) und Jörg Leißling (IMB Jörg).

* IM IM steht für Inoffizieller Mitarbeiter und bezeichnet Personen, die in der DDR verdeckt Informationen an das Ministerium für Staatssicherheit lieferten oder im Sinne dieser Behörde tätig wurden. IM waren keine "Festangestellten", wenngleich sie zuweilen auch Geldgeschenke für ihre Spitzeldienste bekamen. IM ist ein Sammelbegriff für verschiedene Rollen, die das MfS seine Zuträgern zuwies.

** GMS GMS ist die Abkürzung für Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit. In diese IM-Kategorie teilte die Stasi Zuträger ein, die besonders loyal zum DDR-System und der SED-Herrschaft standen.

*** FIM Als Führungs-IM bezeichnete das MfS inoffizielle Mitarbeiter, die ihrerseits mehrere inoffizielle Mitarbeiter weitgehend selbstständig anleiteten. FIM wurden dabei von einem hauptamtlichen Mitarbeiter beauftragt und kontrolliert.

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2014, 15:42 Uhr

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8 Kommentare

13.06.2014 10:55 joachim lissner 8

@MDR!: Fühlt Euch bitte nicht angesprochen,als ich geschrieben habe,das ich seit vielen Jahre warte ,was vor 1990 bei den Fussball -Profis in der BRD alles so abgelaufen ist. Denn eine Aufklärung erwarte ich nur von Politikern ,dem DFB und allen Bundesligamannschaften. Ich kann mir nähmlich gut vorstellen das Geheimdienste in der damaligen BRD ,viele Profis von Bundesligamannschaften nicht nur für sich missbraucht haben. Denn fast alle Bundeligamannschaft haben viel mehr ,als unsere DDR- Oberliga in anderen Ländern nicht nur bei Freundschaftsspielen gespielt .Das dies ja gerade für westliche Geheimdienste ein willkommenesGeschenk gewesen sein muss ,zu erfahren,was in solchen Ländern wie die UdSSR ,Ungarn ,CSSR,Rumänien,Polen,Jugoslawien und natürlich auch Bulgarien,alles so politisch und auch wirtschaftlich abläuft. !

12.06.2014 18:12 hmüller 7

Nun bin ich gespannt, wann unsere Sportreporter drankommen. Oder war das schon und ich habe es verpasst. Trauen sich diese Hetzer der Ex Gauckbehörde nicht ran? Eine Hexenjagd sondergleichen in der Weltgeschichte...