Arafats Thüringer "General" - Wo ist Udo Albrecht? Festnahme in Hamburg

von Jan Schönfelder

Im Sommer 1976 führt Ekkehard Weil "Dr. Schreck", alias Albrecht, in Hamburger Neonazi- und DDR-Gegner-Kreise ein. Albrecht präsentiert dort Waffen, Falschgeld, Fälscher-Werkzeug, Blanko-Dokumente und Schalldämpfer. 1,3 Millionen Mark habe er bei sich, prahlt er angeblich. Joachim Wünscher, ein Schiffsreiniger, der zu dem Kreis gehört, wird hellhörig. Der Waffennarr stammt aus Weimar und saß in der DDR im Knast. Wünscher, so sagt er später unter dem Decknamen "Pirat I" der Staatssicherheit, kommt die Idee, "Schreck" umzubringen, um an das Geld zu kommen. "Mein Gedanke damals war, dass man mit einem Fingerdruck einen 6. im Lotto machen könnte." Dann kommen Zweifel: "Aber dann überkam mich der Gedanke, dass ich nicht Auto fahren kann und auch zur Zeit kein Fahrzeug zur Verfügung hatte." Deshalb habe er bei seinem Freund Lothar Lienicke angerufen. Dieser riet von einem Mord ab. "Er sagte", so Wünscher, "wenn Schreck von der PLO sei, wisse diese, dass Schreck sich bei ihm aufhalte." Der Plan wird fallengelassen.

Angeblich versucht "Schreck", seine Gastgeber auszuhorchen. Die sind jedoch misstrauisch, weil der Antikommunist und DDR-Hasser Albrecht über Ost-Berlin in den Nahen Osten fliegt. Lienicke, erinnert sich später, dass ihn im Oktober "Schreck" in seiner Hamburger Wohnung besucht habe. Drei Koffer hätte der dabei gehabt. "Schreck" habe sich als Mitglied der palästinensischen Widerstandsbewegung ausgegeben und ihm 20.000 Mark geboten, wenn er für ihn arbeite. Außerdem habe der Mann eine Maschinenpistole besessen. Die rechtsradikalen DDR-Hasser vermuten eine Falle der Stasi. Nach eigenen Angaben lehnt Lienicke das Angebot ab - und informiert die Hamburger Polizei.

Verdacht: eine terroristische Vereinigung

Pass Hermann Schreiber bzw. Udo Albrecht
Der Führerschein von "Hermann Schreiber" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 21. Oktober 1976 geht bei der Hamburger Polizei der Hinweis ein, dass in der Wohnung des Schiffsreinigers Joachim Wünscher Waffen und Munition lagern sollen. Polizisten suchen deshalb Wünscher bei der Deutschen Werft auf und befragen ihn. Wünscher gibt an, dass in seiner Wohnung der Aktenkoffer eines Mannes stehe, den er namentlich nicht genau kenne. Die Beamten kommen mit in Wünschers Wohnung, und nehmen den Koffer mit. Am Flughafen lassen sie den Koffer durchleuchten: Deutlich sind eine Maschinenpistole und Munition zu erkennen. Die Beamten observieren anschließend Wünschers Wohnung und warten auf die Rückkehr des unbekannten Mannes. Gegen 19 Uhr erscheint er in der Wohnung und wird ohne Gegenwehr festgenommen. Laut einer ersten Überprüfung handelt es sich um "Dr. Gerhard Jäger". Später wird klar: Es ist der flüchtige Udo Albrecht.

In dem Koffer werden eine Ingram-Maschinenpistole, eine Star-Pistole, eine Handgranate und 543 Schuss Munition gefunden. Außerdem entdecken die Ermittler einen auf den Aliasnamen "Hermann Schreiber" ausgestellten Ausweis der "Palästinensischen Befreiungsfront - der Vereinigte Apparat für die Sicherheit der Revolution". In dem Papier wird Albrecht als "Bruder, der in dem Vereinigten Apparat für die Sicherheit der Revolution tätig ist", bezeichnet. In einer ersten Vernehmung erklärt Albrecht, dass der Koffer zwar von ihm bei Wünscher abgestellt worden sei, aber weder der Koffer noch der Inhalt gehörten ihm. Zum Eigentümer wolle er keine Angaben machen. Er habe allerdings gewusst, was in dem Koffer sei. Das Amtsgericht Hamburg erlässt am nächsten Tag einen Haftbefehl wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Es bestehe Fluchtgefahr. Da bei der Festnahme auch ein palästinensischer Ausweis entdeckt wird und nicht ausgeschlossen werden kann, dass Albrecht die Terrororganisation in der Bundesrepublik mit Waffen unterstützt, übernimmt der Generalbundesanwalt das Verfahren. Es geht jetzt auch um Terrorismus. Es besteht der Verdacht, dass Albrecht eine terroristische Vereinigung anführt, die Banküberfälle und Sprengstoffanschläge verübt, um die PLO mit Geld, Waffen und Fahrzeugen auszurüsten. Auch Albrechts Mitstreiter geraten nun ins Visier der Behörden. Es gibt Durchsuchungen, Vernehmungen und Festnahmen. Eine Zeugin, die mit Albrecht im Nahen Osten unterwegs war, gibt zu Protokoll, dass sie Angst vor Albrecht habe: "Er hat mir immer wieder gedroht, dass er mich und jeden anderen umbringen würde, der Verrat an ihm beginge." Albrecht habe ihr auch mal erzählt, dass er einen Verräter in Deutschland erschossen habe. Einzelheiten habe er nicht erzählt. "Er sagte nur, dass mehrere Leute auf seiner 'Abschussliste' stehen würden."

Ein Foto von Udo Albrecht
Udo Albrecht: Festnahme 1976 in Hamburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da nun das BKA ermittelt, wird Albrecht von Hamburg nach Rheinbach bei Bonn verlegt. Umgehend meldet sich Anwalt Schöttler und legt Beschwerde gegen den Haftbefehl ein. Sein Mandant bestreite "entschieden" die Vorwürfe. Seine Beschwerde hat keinen Erfolg. Der Bundesgerichtshof sieht Fluchtgefahr. Gleichzeitig wird die Untersuchungshaft formell unterbrochen: Albrecht muss von Ende November 1976 bis Anfang Dezember 1977 seine noch offene Haftstrafe absitzen. Albrecht sitzt in Einzelhaft.

Der Anschlag auf US-Botschafter Meloy

Anfang November 1976 bekommt Albrecht Besuch von zwei BKA-Beamten. Albrecht bietet Aussagebereitschaft an, wenn er im Gegenzug Strafminderung bekommt. Die Beamten lehnen ab. Sie protokollieren außerdem: "Albrecht glaubt aufgrund der derzeitigen Situation der Palästinenser im Libanon an neue internationale Aktionen der PLO. Im Zusammenhang damit rechnet er fest mit seiner Befreiung aus der Haftanstalt." In einer späteren Vernehmung gibt Albrecht an, dass er im Auftrag "einer palästinensischen Organisation" nach Deutschland gekommen sei. "Über diesen Auftrag möchte ich im Augenblick nichts sagen." Dann spricht er stockend und nach Worten ringend über den Anschlag auf den US-Botschafter Meloy in Beirut im Juni 1976.

In der Stadt herrscht Bürgerkrieg. An einem Nachmittag sei der Fatah-Major Atif in seinem Büro erschienen. Er habe Albrecht und seinen Kompagnon Wolany gebeten mitzukommen, ein Kfz-Fachmann werde gebraucht. Atif habe sie in eine Tiefgarage gebracht, wo unter Planen ein großer amerikanischer Personenwagen, ein Chevrolet, gestanden habe. Da das Auto nicht mehr fahren konnte, sei Wolany in das Fahrzeug geklettert und habe es repariert. Auf einer abgesperrten Straße habe Wolany mit Albrecht auf dem Beifahrersitz das Botschafter-Auto am Abend zum "Nasser Building" gefahren und in der Tiefgarage des Hochhauses abgestellt. Auch zu dem Mord an dem Botschafter macht Albrecht Aussagen: Innerhalb der Fatah habe es Diskussionen über den Anschlag gegeben. Es habe die Meinung gegeben, dass der Anschlag der palästinensischen Sache schade. Die Morde habe schließlich eine "Habasch-Gruppe" durchgeführt und geplant: "Die drei Täter kommen aus einer kleinen kommunistischen, libanesischen Gruppe, die unter dem Einfluss der Habasch-Leute steht." Die Namen der drei von der PLO festgenommenen Täter und der Name der vorgenannten kommunistischen Gruppe habe er allerdings vergessen. Albrecht stellt ausdrücklich klar: "Ich selbst und die Fatah-Organisation haben mit dem Mord an den Amerikanern nicht das Geringste zu tun. Aus diesem Grunde kann ich auch keine authentischen Angaben darüber machen, wie die Morde geplant und durchgeführt worden sind."

Mit seiner Aussage, so Albrecht, wolle er beweisen, dass er detaillierte Aussagen über die Palästinenser machen könne. Er deutet außerdem an, dass auch über einen Raketenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut oder über bevorstehende Aktionen gegen amerikanische Militäreinrichtungen in Europa sprechen könne. Er sei sich völlig darüber im Klaren, dass die gemachten Angaben für ihn riskant und gefährlich seien. "Falls die Palästinenser von diesen Aussagen erfahren, bin ich ein toter Mann." Deshalb bitte er um Vertraulichkeit seiner Aussagen. In einem anschließenden Vermerk bezweifeln die Vernehmer, ob Albrecht ihnen wirklich die volle Wahrheit über den Anschlag gesagt habe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, an der Mord-Aktion aktiv beteiligt gewesen sei.

Bei einer Vernehmung kurz vor Weihnachten 1976 packt Albrecht weiter aus. In einem Züricher Appartementhaus habe er Waffen und Sprengstoff deponiert. Umgehend werden die Schweizer Kollegen informiert. Albrecht ist laut Anwalt Schöttler grundsätzlich bereit, all seine Waffen-Depots preiszugeben. Allerdings wolle er zuvor die feste Zusage für einen Strafnachlass.

Im Oktober 1976, nach Albrechts Festnahme, schickt das Bundesamt für Verfassungsschutz ein Fernschreiben - "amtlich geheimgehalten - Quellenschutz" - an das Bundeskriminalamt. Aus einer geheimen Quelle hat das Amt erfahren, welche Waffen, Ausweise und Reiseschecks Albrecht besitzt. Alles ist in dem Fernschreiben detailliert aufgelistet.

Der Fall Michael Gartenschläger

Michael Gartenschläger, undatiertes Archivbild
DDR-Gegner Michael Gartenschläger Bildrechte: dpa

Albrecht ist sich sicher, dass er verraten wurde. Die Staatssicherheit notiert, dass er durch den Verrat "rechter Kräfte" festgenommen worden sei. Ihr Verdacht: Es war Lothar Lienicke. Ein Freund des DDR-Feindes Michael Gartenschläger.

Tatsächlich waren Lienicke und Gartenschläger miteinander befreundet. Beide waren in der DDR inhaftiert, beide wurden von der Bundesrepublik "freigekauft", beide waren in der Fluchthilfe aktiv - und Lienicke unterstützte Gartenschläger bei dessen Demontage-Aktionen von Selbstschussanlagen an der Grenze. Ende April 1976 war Gartenschläger an der innerdeutschen Grenze von einem Stasi-Kommando ohne Vorwarnung erschossen worden. Lienicke und sein Mitstreiter der Schiffsreiniger Joachim Wünscher haben einen Verdacht: Jemand aus dem Westen musste Gartenschläger verraten haben. Um den Verräter zu finden, knüpfen beide Kontakte zu Geheimdiensten in Ost und West. Albrecht verdächtigt dagegen Wünschen, ihn verraten zu haben und versucht sich zu rächen. Er denunziert ihn bei den Behörden: "Wünscher soll auch den Gartenschläger mit in die tödl. Falle an der Zonengrenze gelockt haben". Albrecht gibt eine vertrauliche Erklärung zu seinem Hamburger Haftbefehl ab: Der Waffenkoffer gehöre ihm nicht. Er sei in der Wohnung Wünschers abgestellt und er später in die Wohnung gelockt und dort festgenommen worden. Wünscher sei ein Polizeispitzel und agent provocateur. "Wünscher und Lienicke haben auch den Gartenschläger in die tödliche Falle an der Zonengrenze gelockt, bzw. an die Ostzone Hinweise gegeben!"

Offiziell im Visier des Verfassungsschutzes

Albrecht taucht nun im Verfassungsschutzbericht für 1976 auf: "Albrecht hielt sich häufig im Nahen Osten, insbesondere Libanon, auf. Schon in den 60er Jahren hatte er versucht, rechtsextremistische Jugendliche zum Einsatz in arabischen Ländern zu gewinnen." Besonders wird auf "militante neonazistische Aktivitäten" verwiesen. Bei Albrecht und anderen Mitgliedern der Szene sei deutlich "Bereitschaft und Sympathie für gewaltsame Aktivitäten" deutlich geworden.

Im September 1977 legt die für Terrorismusbekämpfung zuständige Abteilung des Bundeskriminalamtes eine mehr als einhundertseitige Analyse zum Fall Albrecht vor. Die Ermittler bescheinigen Albrecht, dass er bereits als Jugendlicher "eine bemerkenswerte kriminelle Energie" entwickelt habe. Seine Motivation wird allerdings eindeutig politisch gedeutet: "Sämtliche Albrecht seit 1966 angelasteten Straftaten und sonstigen Aktivitäten wurden von ihm mit seinem Bestreben erklärt, für ein vom Zionismus befreites, wiedervereinigtes Deutschland kämpfen zu wollen.[...] Nach dem Verständnis von Albrecht ist der Kampf gegen einen internationalen Gegner wie den Zionismus nur international zu führen. Deshalb ist er auch für die Unterstützung der Palästinenser."

Bereits im Oktober 1977 gibt die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Albrecht und seine Mitstreiter wieder ab. Ein hinreichender Tatverdacht für die Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sei nicht erkennbar. Albrecht sitzt in Einzelhaft. Er darf keinen Besuch empfangen und seine Post wird kontrolliert. Das soll sich nach einem Jahr ändern. Zwar hat die Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf grundsätzlich nichts gegen eine Aufhebung der Trennung zu anderen Inhaftierten. Doch es gibt auch Bedenken: "Ich weise jedoch darauf hin, dass der Beschuldigte in der Vergangenheit mehrfach aus der Untersuchungs- und Strafhaft entwichen ist und bitte deshalb, dem Leiter der Justizvollzugsanstalt aufzugeben, dass die erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden."

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. März 2019, 05:00 Uhr

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