Arafats Thüringer "General" - Wo ist Udo Albrecht? Vierte Flucht

von Jan Schönfelder

Am 9. April 1970 gelingt ihm die Flucht aus dem Gefängnis in Werl - im LKW versteckt. Später sagt er aus, dass er bei der Flucht "Hilfe von alten Freunden vom 'Bund'" gehabt habe. Der Staatssicherheit sagt er, dass ihm Willi Pohl geholfen habe. Beide hatten sich 1969 im Gefängnis in Werl kennengelernt. Pohl ist in der Szene kein Unbekannter. Er wird zwei Jahre später dem "Schwarzen September" bei der Vorbereitung des Münchner Olympia-Attentats helfen. Wie es nach Albrechts Flucht weiter geht, ist unklar. Monate später sagt Albrecht aus, dass er noch im April mit einem fremden Pass von Brüssel nach Amman geflogen sei. Zwei Jahre später beschreibt Albrecht seinen Weg in den Nahen Osten aufwändiger: Zunächst sei er im Raum Krefeld - Köln geblieben. Nach ein paar Tagen sei er über Luxemburg - wo er am 19. April einen Mercedes 280 SL stiehlt - nach Paris gegangen.

Nach eigenen Angaben bleibt er etwa zwei Wochen in der französischen Hauptstadt. Dann reist er als "Hermann Steiner" über Andorra nach Spanien. In Andorra habe es allerdings Schwierigkeiten mit der Polizei gegeben: Er sei mit dem in Luxemburg gestohlenen Wagen erwischt worden. Tatsächlich fliegt der Diebstahl am 20. Mai in einer Mercedes-Werkstatt auf. Die Mitarbeiter identifizieren Albrecht auf vorgelegten Fotos. Von Spanien aus sei er schließlich nach Beirut gegangen. Von dort geht es nach Amman. Dort sucht er Verbündete für seinen "Kampf". Die "Organisation" richte sich vor allem "gegen den übermäßigen zionistischen Einfluss in Westdeutschland". Als natürlichen Verbündeten für seine "antizionistische" Einstellung sieht Albrecht die Araber, speziell die Palästinenser, die gegen "den militanten Zionismus um ihre Heimat kämpfen".

Kampfname: "Hermann Hell"

Mit der Fatah habe er "zahlreiche Gespräche" über seine "grundsätzliche Haltung zum Kampf gegen den Zionismus" geführt. Blanko-Ausweise habe er an Ali Hassan Salameh übergeben. Salameh ist ein führender Kopf der Fatah und später Chef der Terrorgruppe "Schwarzer September". Das Münchner Olympia-Attentat geht auf sein Konto. Salameh gibt Albrecht einen Kampfnamen: "Hermann Hell". Offenbar gelingt es Albrecht, das Vertrauen der Palästinenser zu gewinnen und mit ihnen einen Deal abzuschließen. Nach eigenen Angaben hält er sich die gesamte Zeit bei den Freischärlern auf. Er lässt sich an Waffen und Sprengstoff ausbilden und beginnt mit dem Aufbau einer "Zentrale" in Beirut, "die dem Zugriff der deutschen Polizei entzogen sein sollte".

Im Juli 1970 sei er dann unter falschem Namen nach Europa geflogen. Er habe sich in Rom, Zürich, Paris, Luxemburg und Innsbruck aufgehalten. Offenbar gerät er dabei auch ins Visier der Schweizer Behörden. Denn sie verhängen am 16. Juli gegen ihn eine Einreisesperre. Die Schweiz ist in dieser Zeit ein wichtiger Staat im Koordinatensystem des palästinensischen Terrorismus. Das Land ist Reise- und Transitknotenpunkt mit Direktverbindungen in den Nahen Osten. Hier gibt es viele diskrete Banken.

"Die Reise", so Albrecht später, "machte ich im Auftrage der Organisation mit präzisen einzelnen Aufträgen und natürlich mit finanzieller Unterstützung der Organisation." Konkreter wird Albrecht nicht. Ging es darum, Terroranschläge vorzubereiten? Albrecht hält dicht: "Die Namen meiner Verbindungsleute aus Westdeutschland will ich nicht angeben." Anfang September sei er über Italien und Jugoslawien nach Amman zurückgekehrt. Nach seiner Ankunft habe er sich am Bürgerkrieg der Freischärler beteiligt. Offenbar erwirbt sich damit Albrecht Respekt und zusätzliches Vertrauen bei der Fatah. Künftig setzen sie auf ihn.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. März 2019, 05:00 Uhr

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