Arafats Thüringer "General" - Wo ist Udo Albrecht? Die "Operation Ulrich"

von Jan Schönfelder

Im Februar 1982 bietet der umtriebige Privatdetektiv Werner Mauss dem niedersächsischen Verfassungsschutz an, den Aufenthaltsort von Albrecht und seiner griechischstämmigen Geliebten herauszufinden und einen Kontakt zu ihm herzustellen. Es geht darum, Erkenntnisse über Verbindungen deutscher Rechtsextremisten in den arabischen Raum zu erhalten.

Die Staatsanwaltschaft Dortmund stimmt zu, obwohl es unterschiedliche Interessen gibt: Die Staatsanwaltschaft will Albrecht, der Verfassungsschutz will Informationen. Beide Seiten einigen sie schließlich darauf, dass Albrecht zunächst vom Verfassungsschutz vernommen wird, erst dann sollte er festgenommen werden. Die Staatsanwaltschaft will die Kosten für den Mauss-Einsatz nicht übernehmen, der Verfassungsschutz vereinbart schließlich einen Tagessatz von 1.800 DM.

Mauss ist "Jung"

Werner Mauss, undatiertes Archivbild.
"Rolf Jung" ist Werner Mauss Bildrechte: dpa

Mauss ist für die Sicherheitsbehörden kein Unbekannter. Er arbeitet auch für das Bundeskriminalamt und den Bundesnachrichtendienst. Mauss ist mit mehreren Tarnidentitäten unterwegs. Er soll bei Geiselbefreiungen, Terrorbekämpfung und Friedensmissionen tätig gewesen sein. Albrecht ist für den früheren Landwirt, der sich in den 1960er-Jahren zum Kriminalsachverständigen umschulen ließ und dann als Privatdetektiv arbeitete, kein Unbekannter. Unter dem Tarnnamen "Jung" hatte Mauss Albrecht Ende der 70er-Jahre kontaktiert. Wer ihm damals den Auftrag dafür gegeben hat, ist unklar. War es der BND, der eine Verbindung in den Nahen Osten zu den Palästinensern aufbauen wollte? Auf alle Fälle ist Mauss der geheimnisvolle "Jung", den die Stasi nicht identifizieren konnte. Immer wenn Behörden an ihre rechtsstaatlichen Grenzen stoßen, holen sie Mauss. Er kann tun, was Beamte nicht dürfen. Die Niedersachsen starten die Operation "Ulrich". Mauss will in Damaskus oder Beirut Albrecht befragen. Zunächst will er allerdings in Athen Passagierlisten auswerten. Nach seinen Recherchen hatte nämlich die griechischstämmige Geliebte Albrechts im Herbst 1981 mehrmals ihre Mutter in Griechenland aufgesucht. An ihrer Seite sei ein Mann gewesen, dessen Beschreibung auf Albrecht passe. Das Unterfangen scheitert. Mauss teilt mit: Er könne "den Mann einfach nicht erreichen. Der sei irgendwie im Krieg verschollen." Es wird vermutet, dass Albrecht im Nahen Osten umgekommen oder untergetaucht sei. Die Operation wird im Frühjahr 1983 abgebrochen. Mauss kassiert 5.640 D-Mark. Ans Licht kommt die Aktion durch zwei Untersuchungsausschüsse im niedersächsischen Landtag, die sich mit anderen Einsätzen von Mauss im Auftrag von Landesbehörden befassen.

Neue Spur

Am 15. Juli 1983 wird auf den Paris Flughafen Orly ein schwerer Sprengstoffanschlag verübt. Am Abfertigungsschalter von Turkish Airlines explodiert in der wartenden Menge eine Bombe. Acht Menschen sterben, mehr als 50 werden verletzt. Hinter dem Anschlag stehen drei armenische Terroristen. Sie werden festgenommen. Die Ermittler finden bei einem den Reisepass des deutschen Rechtsextremisten Uwe Mainka. Mainka sagt später aus, dass ihm Albrecht den Pass 1981 in Beirut abgenommen habe. Damit haben die Fahnder einen Hinweis, dass sich Albrecht in Beirut aufgehalten hat. Und es gibt eine weitere Spur: Der festgenommene Attentäter hat 20 Ausweise und Siegel dabei. Die Papiere hatte Albrecht 1968 aus dem Landratsamt Springe gestohlen. Erst im Sommer 1989 bemühen sich die deutschen Fahnder um eine Vernehmung des inhaftierten Attentäters. Sie wollen wissen, von wem er unter welchen Umständen die Papiere bekommen hat. Neue Erkenntnisse über den Aufenthalt Albrecht gewinnen die Ermittler nicht.

Bundeskriminalamt Haftbefehl, Auszüge aus der Akte MfS AOPK 25579/91 vom BStU
Fahndung durch das BKA nach Albrecht Bildrechte: BStU

Am 11. Juni 1985 gibt das Bundeskriminalamt die Beilage zum Bundeskriminalblatt Nr. 109 heraus. Ein Exemplar gelangt zur DDR-Staatssicherheit. Auf den vier Seiten wird der "rechtsextremistische Gewalttäter" Udo Albrecht gesucht. Die Belohnung für sachdienliche Hinweise: 20.000 D-Mark. Haftbefehle von drei Staatsanwaltschaften werden in dem Fahndungsblatt aufgeführt: Dortmund (Strafverfolgung), Nürnberg-Fürth (Geldfälschung) und Krefeld (Strafvollstreckung). In dem Blatt heißt es, dass sich Albrecht konspirativ verhalte. "Seine Zusammenkünfte mit Personen finden in renommierten Hotels statt." Die Ermittler listen fast 60 Aliasidentitäten auf. Darunter Freiherr Allberg, Graf Brandenburg, Freiherr Treusch und Graf von Hellmar. Die meisten genannten angeblichen Geburtsorte liegen in Thüringen. Außerdem werden zwölf verschiedene Fotos von Albrecht veröffentlicht: mit und ohne Brille, mit Oberlippenbart und mit Vollbart. Dazu gibt es den Abdruck des rechten Daumens. Das Bundeskriminalamt warnt: "Vorsicht, Schusswaffen!" Albrecht werden Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch, Russisch, Griechisch und Arabisch bescheinigt. Außerdem spreche er Hochdeutsch und "Thüringer Mundart". Er wirke seriös, trete sicher und überzeugend auf. Der Nichtraucher habe gute Umgangsformen und bevorzuge "harte Getränke".

Ein Gebäude in Beirut im Libanon
Lebt hier in Beirut Udo Albrecht? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit August 1984 hat das Bundeskriminalamt rund 150 Spuren im In- und Ausland überprüft. Eine heiße Spur haben die Fahnder zwar nicht, aber: "Ermittlungen belegen anhaltende Kontakte Albrechts in die Bundesrepublik, Einreisen mit Falschpapieren, Verbindungen ins kriminelle Milieu." Die Fahnder haben unter anderem Spuren in Spanien, Portugal, Griechenland und der Schweiz überprüft. Auch in Beirut wird heimlich nach Albrecht gesucht. In einem Schreiben ohne Absender - von einem Geheimdienst? - vom 24. Juli 1985 heißt es, dass der frühere Wohnsitz Albrechts aufgesucht worden sei. Bei dem Gebäude handele es sich um ein Eckhaus mit sieben Etagen und einem Penthouse. Teile des Gebäudes seien zerstört. Auch ein Haus in der Rue Nations Uni sei besichtigt worden. Beide Häuser wurden fotografiert. Hinweise auf Albrecht finden sich nicht.

Auch nach seiner Ausreise in den Nahen Osten bleibt Albrecht im Visier der DDR-Staatssicherheit. Die Akten werden weiter geführt. Auch wenn es keinen direkten Kontakt gibt, werden alle verfügbaren Informationen über ihn gesammelt: bundesdeutsche Zeitungsartikel und Informationen aus den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden. Am 26. Juli 1985 erreicht die DDR-Staatssicherheit die Information, dass in der Bundesrepublik weiter nach Albrecht gefahndet werde. Das Bundeskriminalamt habe Erkenntnisse, dass sich Albrecht vermutlich in Beirut aufhalte. Dort lebe er mit seiner in Griechenland geborenen Lebensgefährtin, die deshalb zur "polizeilichen Beobachtung" ausgeschrieben sei. Es sei davon auszugehen, dass Albrecht in ihrer "unmittelbaren Umgebung" sei, wenn sie in der Bundesrepublik komme. Gleichzeitig gebe es die Warnung, so die Staatssicherheit, dass Albrecht nur "unter Anwendung besonderer Sicherungsmaßnahmen" festgenommen werden könne. Er sei ein gefährlicher Ausbrecher.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. März 2019, 05:00 Uhr

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