Matthias Hey, Fraktionsvorsitzender der SPD im Thüringer Landtag, sitzt vor der Sitzung des Thüringer Landtages im Plenarsaal.
Matthias Hey ist Vorsitzender der SPD-Fraktion in Thüringen. In seinem Wahlkreis in Gotha holte er ein überdurchschnittles Ergebnis bei der Landtagswahl. Bildrechte: dpa

Reportage zur Landtagswahl SPD-Hochburg: Warum ist Hey in Gotha so erfolgreich?

Matthias Hey hat den größten Erfolg für die SPD bei der Landtagswahl erringen können. Mehr als 38 Prozent der Wähler aus seinem Wahlkreis haben ihm die Stimme gegeben. Wieso ist Gotha trotz anhaltend schlechter Wahlergebnisse so eine SPD-Bastion? Eine Spurensuche.

von Robin Hartmann

Matthias Hey, Fraktionsvorsitzender der SPD im Thüringer Landtag, sitzt vor der Sitzung des Thüringer Landtages im Plenarsaal.
Matthias Hey ist Vorsitzender der SPD-Fraktion in Thüringen. In seinem Wahlkreis in Gotha holte er ein überdurchschnittles Ergebnis bei der Landtagswahl. Bildrechte: dpa

"Wenn ich ein Patent hätte, wie man sowas macht und ein Direktmandat erringt, dann würde ich es in Dosen abfüllen und würde es ans Willy-Brandt-Haus schicken", sagt Matthias Hey leicht verschmitzt. Was ist passiert? 38,2 Prozent der Wähler und Wählerinnen haben für ihn gestimmt, den Gothaer SPD-Kandidaten. Das bedeutet die Verteidigung des Wahlkreises für Hey und die SPD, ein Achtungserfolg für die sonst landesweit schwachen Sozialdemokraten. Entsprechend gemischt sind auch Heys Gefühle nach der turbulenten Wahlnacht. Es gehe ihm ganz gut mit dem Ergebnis in Gotha, aber als SPD-Fraktionsvorsitzender ist das Landesergebnis für ihn natürlich zum Heulen. Nur 8,2 Prozent der thüringischen Wähler haben seiner Partei die Treue gehalten. Das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Landtagswahl in Thüringen - und sogar das zweitschlechteste Ergebnis eines SPD-Landesverbands bei einer Landtagswahl überhaupt. Nur die Sachsen-SPD schnitt dieses Jahr noch schlechter ab.

Worin liegt das Erfolgsrezept des SPD-Fraktionschefs Hey?

Heys persönliches Ergebnis ragt weit darüber hinaus. Er hat landesweit das fünftbeste Ergebnis aller Direktkandidaten geholt. Er lässt die Grünen, die FDP, selbst die AfD damit deutlich hinter sich. Mehr als jeder dritte Wähler hat Matthias Hey am Sonntag seine Stimme gegeben. Wie hat er es geschafft? Wenn ich mich in seinem Büro umschaue, sind hier keine Wundermittel versteckt. Ein paar Kisten stehen herum, ein paar Keks-Haie sind auch noch übrig, von seinem Team selbstgebackene Wahlkampfgeschenke. Sie schmecken zwar gut, werden aber kaum für die vielen Stimmen am Wahlabend gesorgt haben. Ist es die Bürgernähe? Zumindest sei sein Landtagsbüro das einzige, das jeden Tag von 10 bis 18 Uhr in Gotha geöffnet ist. "Die Leute können immer kommen, können hier Fragen stellen. Ich versuche auch, sehr sehr oft vor Ort zu sein."

Gotha mit großer SPD-Tradition

Oder liegt es dann doch an der langen SPD-Tradition in Gotha? Schließlich entstand in der Stadt die deutschlandweite SPD, nach der Wende wurde hier auch der thüringische Landesverband gegründet. Ich begebe mich auf dem Versuch, eine Antwort zu finden, zum Neumarkt. Hier herrscht reges Treiben, viele Menschen holen ihr Mittagessen, Touristen besichtigen die große Margaretenkirche, Mütter und Väter schieben Kinderwagen durch die vielleicht letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres. Eine junge Frau mit gefärbten Haaren spreche ich an: Warum ist Matthias Hey so beliebt bei den Gothaern? "Er engagiert sich total", sagt sie. An ihrer ehemaligen Schule habe er zur Jugendweihe die Urkunden ausgegeben. Er habe auch im Vorfeld der Wahl Gewinnspiele veranstaltet, lädt die Gewinner zum Essen ein. "Er ist hier einfach eine bekannte Socke."

Was Menschen in Gotha über Matthias Hey denken

Eine Frau, vielleicht um die 35, sieht das anders: "Matthias wer? Noch nie gehört. Aber ich interessiere mich auch nicht so für Politik. Ich hab' auf jeden Fall was ganz anderes gewählt." Ok, offenbar ist noch Potenzial nach oben, was die Bekanntheit von Matthias Hey angeht.

Ein großgewachsener Mann mit kurzen Haaren sieht vor allem das gute Engagement der SPD auf lokaler Ebene. "Die SPD macht schon einen guten Job und das ist hier bekannt. Die hat hier auch gute Zahlen bei der letzten Kommunalwahl. Und das kommt sicherlich auch dem Herrn Hey zugute."

Ich treffe einen jungen Mann, Ende 20. Er möchte mir erst keine Antwort geben, da er sich bei der Linken engagiert. Da möchte er nicht die politische Konkurrenz großreden. Doch zu einer kurzen Einschätzung kann ich ihn dann doch bewegen. Gotha sehe aus, "als wäre es eine SPD-Hochburg, in Wirklichkeit hat die SPD hier gute Persönlichkeiten, die beim Wähler gut ankommen". Das deckt sich zumindest mit dem Wahlergebnis im Wahlkreis Gotha II. Denn obwohl Matthias Hey hier 38,2 Prozent der Erststimmen bekommen hat, gingen nur 16,4 Prozent der Zweitstimmen an die SPD. Zwar immer noch besser als im Landesschnitt, aber nicht einmal halb so viele Zweit- wie Erststimmen.

Stimmen für Hey - aber nicht unbedingt für die SPD

Doch eine Frau im karierten Mantel ordnet es für mich noch etwas ein. Sie sei bei der Stimmauszählung dabei gewesen und sagt, die Menschen hätten schon sehr bsewusst Herrn Hey gewählt. Das sehe sie daran, dass die Menschen ihr Kreuz bei Hey und dann bei der Linken, der Zweitstimmengewinnerin im Wahlkreis, gemacht hätten. "Ansonsten denk ich mal, die SPD hätte mehr Stimmen holen können. Aber das war einfach irgendwo eine Wahl, um die AfD nicht gewinnen zu lassen."

Erfolgsrezept der SPD in Gotha wohl kaum zu kopieren

Am Ende ist das Geheimnis für den Wahlerfolg wohl eine Summe aus all diesen Einzelteilen. Der Lokalpatriotismus der Gothaer als Gründungsort der SPD spielt wohl für viele ältere Wähler eine große Rolle, die Jüngeren erleben den engagierten Abgeordneten bei den freitäglichen "Fridays for Future"-Protesten, wo er nicht als SPDler Auftritt, sondern als Matthias Hey. Und da er sich bei vielen Projekten in der Stadt mit seiner Bekanntheit einsetzt, zum Beispiel wenn es darum geht, Spenden für die Bibliothek zu sammeln, danken es ihm die Menschen mit einem Kreuz neben seinem Namen. Damit ist Hey in einer komfortablen wie misslichen Situation zugleich. Es sieht nicht danach aus, als würde Gotha II bald seinen Status als SPD-Hochburg verlieren - jedoch lässt sich das Erfolgsrezept für die SPD auch nicht auf andere Wahlkreise kopieren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2019, 21:43 Uhr

2 Kommentare

mensrea vor 5 Wochen

Vielen Dank für den Artikel und die tollen interaktiven Grafiken. Allerdings steht hin und wieder der Landeswahlleiter SACHSEN als Quelle dort. Vielleicht für THR korrigieren.

MDR-Team vor 5 Wochen

Danke für den Hinweis. Da hat sich ein Fehler eingeschlichen. Das ändern wir natürlich!

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