Schultafel und Schultasche
Wenn die Lehrer fehlen, bleibt das Pult vor der Klasse leer. Bildrechte: IMAGO

Schulpolitik Lehrermangel und Ausfall: Thüringen stellt 177 Lehrer ein

Der Lehr(er)körper in Thüringen krankt. Die Grippewelle hat den Freistaat erreicht - schon ein grippaler Infekt zwingt viele Lehrer ins Bett. Bereits Ende November fiel laut Statistik des Thüringer Bildungsministerium 5,5 Prozent des Unterricht an allgemeinbildenden Schulen aus - im Vorjahr waren es "nur" fünf Prozent. Für viele Schüler, Eltern und Lehrer sind das "geschönte" Zahlen.

von Corinna Ritter-Kallwitz

Schultafel und Schultasche
Wenn die Lehrer fehlen, bleibt das Pult vor der Klasse leer. Bildrechte: IMAGO

Eine Unterrichtstunde gilt statistisch nicht als ausgefallen, wenn Klassen zusammen unterrichtet wurden, Stillbeschäftigung angesagt war, Schüler Aufgaben zu Hause lösen mussten oder Grundschulkinder von Erzieherinnen und Erziehern im Hort betreut werden. Der Lehrermangel hat viele Ursachen, weiß auch Bildungsminister Helmut Holter und hat sich die Unterrichtsgarantie zu seinem großen Thema gemacht. Zum zweiten Schulhalbjahr in Thüringen sind 177 neue Lehrer dauerhaft eingestellt worden. Außerdem kann jede frei werdene Stelle seit diesem Jahr sofort neu besetzt werden. Wo der Bedarf am größten ist, entscheiden die Schulämter.

Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist das bei stetig steigenden Schülerzahlen zu wenig. Im Februar des Vorjahres waren es fast 50 Stellen mehr. Laut dem bildungspolitischen Sprecher der CDU, Christian Tischner, seien von den 900 versprochenen neuen Lehrerstellen in diesem Schuljahr nur 300 wirklich zusätzlich. Tischner zieht jene Stellen ab, die nur entfristet werden und die für die Horterzieherinnen und Horterzieher vorgesehen sind.

Thüringen will "sächsischen Weg" einschlagen

Im nächsten Schuljahr werden nach MDR-Informationen rund 550 Lehrer in den Ruhestand gehen - im Folgejahr sogar mehr als doppelt so viele. Vor allem Regelschullehrer werden gebraucht - deshalb will Thüringen nun den "sächsischen Weg" einschlagen. Dort unterrichten schon seit dem Start des Schuljahres 2016/17 verstärkt sogenannte Seiteneinsteiger, die einen Hochschulabschluss vorweisen können, in allgemeinbildenden Schulen. Manka Kelch, Sprecherin des sächsischen Staatsministerium für Kultus schätzt, dass zum kommenden Schulhalbjahr weit mehr als die Hälfte der neu einzustellenden 660 Lehrer Seiteneinsteiger sein werden.

In Thüringens Nachbarland sind damit zehn Prozent der Lehrer Seiteneinsteiger. Sie beginnen ihren Schuldienst auf der Schulbank. Drei Monate heißt es Lehrpläne und Schulrecht kennenlernen. Außerdem wird vermittelt, wie Unterricht vorbereitet und gestaltet werden kann. Theorie, Hospitation und Praxis wechseln sich dabei ab. Danach geht es für die "Neulehrer" an ihre Einsatzschule. Berufsbegleitend holen sie diesen Lehramtsabschluss an der Universität oder schulpraktisch im Vorbereitungsdienst - einst Referendariat genannt - nach.

Seiteneinstieg ohne Crashkurs in Thüringen

In Thüringen wird es diesen Crashkurs nicht geben. Die Seiteneinsteiger starten ihre neue Karriere bereits in der Schule. Sie sollen sofort bereits mindestens zwölf Wochenstunden, vermutlich aber deutlich mehr, unterrichten. In der Verordnung über die Nachqualifikation von Lehrkräften an staatlichen Schulen heißt es:

Die Lehrkraft soll in der Regel von einem Viertel der wöchentlichen regelmäßigen Unterrichtsverpflichtung für die Teilnahme an Ausbildungsveranstaltungen des zuständigen Studienseminars freigestellt werden.

Dabei lernen die Teilnehmer zum Beispiel wie der Unterricht vorzubereiten und zu gestalten ist und wie Elterngespräche geführt werden. Für die Nachqualifizierung ist das Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) in Bad Berka zuständig. Sprecher Rigobert Möllers zufolge sollen die vom Bildungsministerium beauftragten Kurse zum zweiten Schulhalbjahr beginnen. Derzeit werde geprüft, wie viele Plätze für den Vorbereitungsdienst der Lehramtsanwärter in den Studienseminaren benötigt werden und ob zusätzliche Honorarkräfte nötig wären.

Für die Kurse des Thillm ist im Landeshaushalt kein zusätzliches Geld vorgesehen. Die GEW Thüringen befürchtet, dass etliche Lehrer zunächst keine Fortbildung bekommen. Die Verordnung sei "schwammig" formuliert, sagt Sprecher Michael Kummer. In der Verordnung heißt es beispielsweise:

Die Nachqualifizierung soll innerhalb von vier Jahren nach der Einstellung in den staatlichen Schuldienst erfolgreich abgeschlossen sein.

Im schlechtesten Fall könnte es passieren, so die Interpretation der GEW, dass ein Seiteneinsteiger lange Zeit vor einer Klasse ohne jegliche pädagogisch-didaktische Kenntnisse steht. Die Seiteneinsteiger werden in Tarifstufe E11 eingeordnet. Damit verdienen sie etwa 3.100 Euro brutto. Wer ein Fach pro Jahr lehrt, soll ein Jahr nachqualifiziert werden - bei zwei Fächern wären es eineinhalb Jahre. Anschließend folgt eine einjährige Probezeit. Bereits im Mai beginnen Kurse zur Nachqualifizierung für sogenannte DaZ-Lehrer, die ohne abgeschlossene Lehrerausbildung Migranten und Flüchtlingen Deutsch als Zweitsprache lehren.

GEW und Lehrerverband: Seiteneinsteiger nur Notlösung

Für GEW und Thüringer Lehrerverband sind Seiteneinsteiger die absolute Notlösung gegen Unterrichtsausfall. Es gehe darum Lehrer, die bereits im Schuldienst sind, in Mangelfächern weiter zu bilden. Neben ihren beiden "Stamm-Fächern" könnten sie dann an ihren Schulen ein drittes Fach unterrichten, z.B. eine Naturwissenschaft, Musik, Kunst oder Religion, so Rolf Busch, Vorsitzender des Lehrerverbandes. Er fordert zudem, dass Regelschullehrer und Gymnasiallehrer, wie in anderen Bundesländern auch, das gleiche Gehalt bekommen. Rückwirkend zum 1. Januar will die Landesregierung aber nur eine Zulage von etwa 250 Euro zahlen, so dass der Beruf des Regelschullehrers in Thüringen unattraktiv ist.

Für Unmut sorgt auch, dass das Ministerium Lehramtsanwärter zu spät einstellt. Die meisten Bundesländer hätten bereits im Dezember Bewerbern zu- oder abgesagt, klagt ein Betroffener. Er habe einen Tag vor Auslaufen seines Arbeitsvertrags zum 31. Dezember 2017 vom Ministerium noch keine Information erhalten.

Nach Angaben des Bildungsministeriums nutzten die Schulämter je nach Schulsituation die verfügbaren Stellen unterschiedlich. Mal stellten sie neue Erzieherinnen und Erzieher ein, mal stockten sie die Stundenzahl auf. Hortleitungen vertrösteten sie, weil der Landtag zu diesem Zeitpunkt den Haushalt noch nicht verabschiedet hatte. Nun soll es laut Ministerium im März die zusätzlichen Arbeitsstunden geben...

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 12. Februar 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2018, 08:36 Uhr

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7 Kommentare

13.02.2018 15:27 martin 7

Also in Sachsen bekommen die Quereinsteiger erst wenigstens einen Crash-Kurs und werden dann in den Unterricht geschickt. In Thüringen soll es noch nicht einmal einen Crashkurs geben. Na toll ... Darauf freuen sich Schüler, Eltern und Kollegen sicher.

Ich schlage vor, dass wir das bei Busfahrern auch so machen. Die lernen gleich auf dem Linienbus. Ist sicher viel praxisnäher als in der Fahrschule.

Und überhaupt: Warum sollen Lehrer dann überhaupt noch ein Studium machen?

13.02.2018 06:39 Steuerzahler 6

@5: Also fasse ich Ihr Statement mal zusammen: "Bla, bla".
Sie müssen schon mit Fakten rüberkommen. Nur mit Allgemeinplätzen reicht nicht. Da hilft auch kein Hinweis auf eine Zeitung die Lehrer "vergraut". Warum macht das die Zeitung überhaupt? Graue Haare sind doch gar nicht so attraktiv.

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