Seelsorge Versagen in Corona-Krise? Kirchen weisen Lieberknechts Vorwürfe zurück

Thüringens frühere Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat den Kirchen Versagen in der Corona-Krise vorgeworfen. Die reagieren bundesweit heftig auf die Kritik der CDU-Politikerin.

Die Kirchen in Ostdeutschland haben den Vorwurf von Thüringens früherer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) einer mangelnden Seelsorge in der Corona-Krise als pauschal und unberechtigt zurückgewiesen.

Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, Magdeburg
Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, betonte am Dienstag, viele Seelsorger hätten mit Unterstützung der Landeskirche darauf gedrängt, in Einrichtungen untergebrachte Menschen zu besuchen. Auch habe die Kirchenleitung dazu aufgerufen, die Gotteshäuser für Besucher offen zu lassen. Aber der Gesundheitsschutz verlange, "dass wir die Regeln einhalten", sagte der Leitende Geistliche am Dienstag in Erfurt dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das Erzbistum Berlin hob hervor, Seelsorge und Begleitung unter anderem sterbender Menschen habe es unter den Bedingungen der Corona-Pandemie weiter gegeben. Dies sei auch in vielfältigen neuen Formen wie dem Ökumenischen Seelsorge-Telefon erfolgt. Das Bistum Magdeburg verwies auf die Anordnung von Bischof Gerhard Feige, dass die Seelsorge an kranken, einsamen und sterbenden Menschen auch in der Pandemie "ein vorrangiger Dienst" bleibe, wo immer dies möglich sei.

Bistum Erfurt: Abwägen zwischen Schutz und Seelsorge

Das Bistum Erfurt erklärte, auch seine Kirchen seien "zu Einkehr und Gebet geöffnet". In der Krise sei es aber "unverzichtbar abzuwägen, was wir als Mitmenschen für den Schutz vor dem Virus tun müssen und wie wir als Kirche unseren Aufgaben in Seelsorge, Liturgie und Caritas gerecht werden".

Mut vor Mitternacht: Christine Lieberknecht, Thüringer Ministerpräsidentin a.D.
Christine Lieberknecht war selbst bis 1990 Gemeindepfarrerin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einem Interview der Welt hatte Lieberknecht kritisiert, die Kirchen hätten "hunderttausende Menschen allein gelassen, Kranke, Einsame, Alte, Sterbende". In einem Interview des Kölner Domradio bekräftigte sie ihre Vorwürfe. Sie stelle "die unglaublich aktiv tätigen Seelsorger, die Gemeindeglieder an der Basis" nicht in Abrede, räumte die ehemalige evangelische Pfarrerin gegenüber dem Sender ein. "Aber genau die hätten sich mehr Beistand beziehungsweise ein klares Wort der Kirchen gewünscht."

Lieberknecht warf den Kirchen überdies vor, dass sie ihre Gotteshäuser wegen der Pandemie "sehr schnell geschlossen" hätten.

Dort hätte man den Raum gehabt, hätte man die Stille gehabt, die viele gerade auch zum Innehalten in dieser Corona-Zeit gesucht haben.

Christine Lieberknecht

Lieberknecht hob hervor, es gebe Situationen, in denen man gerade ältere Menschen, die im Sterben liegen, die schwer krank sind, nicht mehr durch Telefonate oder Briefe erreichen könne. Nach dem Bundesinfektionsschutzgesetz hätten die Kirchen die Möglichkeit, dass in einer Ausnahmesituation der Zugang von Seelsorgern zu Schwerstkranken, zu Sterbenden, zu Menschen in Quarantäne ermöglicht werden müsse. Gemeindepfarrer hätten sich diesen Zugang auch vor Gerichten erkämpft.

Kirche von heute nicht systemrelevant?

Nach Ansicht des Wiener Theologen Ulrich Körtner hat die Corona-Krise einen zunehmenden Bedeutungsverlust der Kirchen deutlich gemacht. "Vom Shutdown gab es für die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften keine Ausnahmen", heißt es in einem Beitrag des Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien für die Zeitschrift zeitzeichen (Juni-Ausgabe). Religion, so die Lehre der zurückliegenden Monate, sei in der säkularen Gesellschaft nicht "systemrelevant".

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Augenblick mal | 19. Mai 2020 | 06:20 Uhr

1 Kommentar

martin vor 22 Wochen

@234tr: Komisch, ich dachte immer, dass die Pfarrer Teil der Amtskirche seien?!

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