Porträt Die Zuspitzerin: Literaturpreisträgerin Sibylle Berg

Mit ihrem aktuellen Buch "GRM. Brainfuck" feiert Sibylle Berg ihren bisher größten Bestsellererfolg. Ihr Blick auf die aktuelle Entwicklung ist stets wachsam, ihre Distanz zum Kapitalismus kritisch. Am Dienstagabend bekommt die gebürtige Weimarerin den Thüringer Literaturpreis verliehen.

Sybille Berg, 2015
Die Autorin Sibylle Berg im Jahr 2015. Bildrechte: dpa

Von allen Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftstellern ist Sibylle Berg derzeit die bekannteste. Mit dem Roman "GRM. Brainfuck", der im Frühjahr erschien, feierte sie ihren bisher größten Bestsellererfolg. Thüringens Kulturstaatsminister Benjamin Immanuel Hoff zeichnet die Weimarerin am Dienstagabend mit dem Thüringer Literaturpreis aus.

"GRM. Brainfuck" ist das letzte Werk in einer ohnehin schon stattlichen Reihe von Texten. Die Schriftstellerin verfasste bisher vierzehn Romane, fünfundzwanzig Theaterstücke und zahlreiche Kolumnen. Sie wurde 1962 in Weimar geboren und hat dort auch ihre Kindheit verbracht. Erlernt hat sie zunächst den Beruf einer Puppenspielerin und nach der Ausbildung am Naumburger Puppentheater gearbeitet. Die Stelle verlor sie jedoch, als sie 1984 einen Ausreiseantrag stellte.  

Autorin lebt mittlerweile in Zürich und Tel Aviv

"Ich bin weggegangen, weil ich den Rest der Welt sehen wollte", erinnerte sie sich später in einem Interview. Von der Welt hat sie inzwischen viel gesehen und auch viel darüber geschrieben. Ihre Reisereportagen sind unter dem Titel "Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten" erschienen. Darin reißt sie die Hochglanzfolie von den Urlaubsorten und spottet manchmal über die Szenarien. Zum Beispiel über die Rituale bei den Bayreuther Festspielen. Heute lebt die Autorin, inzwischen Schweizer Staatsbürgerin, in Zürich und Tel Aviv.

Ihr aktuelles Buch "GRM. Brainfuck" führt die Leser ins englische Rochdale, denn in Großbritannien verdichten sich nach ihrer Meinung die Probleme der Gegenwart exemplarisch. "Die größtmögliche Privatisierung von allem, dieser Krieg der Reichen gegen die Armen, der überall um sich greift. Dort haben sie es schon sehr gut hingekriegt, die haben einen Großteil der Bevölkerung einfach abgeschrieben", meint Sibylle Berg.

Zentrale Veränderung stilistisch klar beschrieben

Ihren wachsamen Blick auf aktuelle Entwicklungen und ihre kritische Distanz zum Kapitalismus hebt auch die Jury in ihrer Begründung für den Thüringer Literaturpreis hervor: "In stilistischer und struktureller Klarheit beschreibt Berg die zentralen Veränderungen und Verunsicherungen unserer Gesellschaft und analysiert ihre Wirkung auf den Einzelnen mit großer Präzision."

Sibylle Berg sieht unsere Gesellschaft, und damit ist vor allem der Kapitalismus weltweit gemeint, an einem wirtschaftlichen Abgrund. "Die Zeit, in der der Mittelstand von kleinen Häusern träumen konnte und die auch bekam und zwei Autos in der Garage hatte, die ist vorbei." Sibylle Berg spitzt die Probleme in ihren Büchern zu.

Gerade in "GRM" werden die Leser nicht nur einmal irritiert angesichts der aussichtslosen Situation der Protagonisten. Brutale Armut, Gewalt, und Drogenexzesse werden in einer Weise dargestellt, dass sie irritieren und provozieren wollen. So sollte man Bergs Bücher auch lesen, als Zuspitzung. Darin stellt sie mehr Fragen als sie Antworten gibt, und diese Fragen reicht Sibylle Berg mit geheimnisvollem Lächeln an ihre Leser weiter.

Der Thüringer Literaturpreis wird seit 2005 alle zwei Jahre vergeben. Er ist mit 12.000 Euro dotiert. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Lutz Seiler und Wulf Kirsten.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 03. September 2019 | 10:55 Uhr

3 Kommentare

Denkschnecke vor 48 Wochen

Wenn ihr eigenes Statement eine subtile Beleidigung einer politsch und/oder ästhetisch zu Ihnen orthogonalen Autorin werden sollte, ist das eher in die Hose gegangen. Oder was haben ihre Kolumnen mit Störungen der Motorikkontrolle und dem prozeduralem Gedächtnis zu tun?

aus Elbflorenz vor 48 Wochen

Also wenn das die Spitze der derzeitigen Literatur ist, dann gute Nacht....zum Glück ist das der übliche Ilja-Ehrenburg-Preis... da geht es nur um Linientreue und politische Haltung, nicht um künstlerische Inhalte und Formen.

Wachtmeister Dimpfelmoser vor 48 Wochen

"Brainfuck", na ja... Ihre regelmäßigen Statements bei SPIEGEL-ONLINE - im etwa gleichen Fahrwasser wie die von Sascha Lobo und Margarete Stokowski angesiedelt - würde ich aber als "Cerebellumfuck" bezeichnen.

Mehr aus Thüringen

Ein Dorf 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Nöbdenitz ist ein Ortsteil der Stadt Schmölln im Altenburger Land. Auf den Feldern rund ums Dorf duftet es – mal nach Kamille, mal nach Pfefferminz. Hier werden Heilkräuter und Arzneipflanzen angebaut.

Unser Dorf hat Wochenende So 09.08.2020 09:00Uhr 01:00 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
ein Gebäudekomplex von oben 1 min
Bildrechte: MDR / Der Osten - Entdecke wo Du lebst