Eine Frau rauft sich vor einer Schultafel mit der Aufschrift «Lesen» die Haare
Wenn Lesen und Schreiben zur Qual wird: Viele Betroffene arrangieren sich mit der Situation, arbeiten meist in praktischen Berufen. Bildrechte: dpa

Thüringen Interesse an Alphabetisierungskursen steigt

Viele schämen sich, viele geben es nicht zu und viele kommen auch so ganz gut durchs Leben: In Thüringen gibt es etliche Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Doch die Teilnehmerzahl an Alphabetisierungskursen steigt.

Eine Frau rauft sich vor einer Schultafel mit der Aufschrift «Lesen» die Haare
Wenn Lesen und Schreiben zur Qual wird: Viele Betroffene arrangieren sich mit der Situation, arbeiten meist in praktischen Berufen. Bildrechte: dpa

Trotz zahlreicher Unterstützungsangebote können längst noch nicht alle erwachsenen Menschen in Thüringen richtig lesen und schreiben. "Die Entwicklung geht zwar in die richtige Richtung, sie müsste aber noch deutlich schneller gehen", sagt Angelika Mede, Fachreferentin Alphabetisierung und Grundbildung beim Thüringer Volkshochschulverband.

So ist die Teilnehmerzahl bei Alphabetisierungskursen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Dem Bildungsministerium zufolge hatten 2017 mehr als 1000 Teilnehmer einen der 155 Alphabetisierungskurse im Land belegt, 2012 waren es hingegen nur rund 650. Schätzungen zufolge gibt es in Thüringen immer noch mindestens rund 150.000 sekundäre Analphabeten. Diese haben zwar eine Schule besucht, ihre Lese- und Schreibkenntnisse umfassen aber nur einzelne Wörter und Sätze.

Betroffene arbeiten meist in praktischen Berufen

Symbolbild - Auf einem Smartphone wird ein Chat dargestellt.
Die Kommunikation über Handys sehen Experten kritisch. Bildrechte: Colourbox.de

Anders als etwa bei Integrationskursen sei es sehr schwer, an die Betroffenen heranzukommen, so Mede. Denn Analphabeten gebe es in allen Schichten und Altersstufen. Schätzungsweise 62 Prozent der Betroffenen haben Mede zufolge eine Arbeit, überwiegend in praktischen Berufen wie im Garten- und Landschaftsbau, der Pflege oder der Logistik. "Die meisten haben sich recht gut eingerichtet", sagt Mede, "aber es ist wirklich schwierig und anstrengend, seinen Alltag so zu meistern - etwa, wenn es darum geht, Beipackzettel von Medikamenten zu lesen." Auch von Wahlvorgängen oder digitalen Bankgeschäften seien Betroffene teils ausgeschlossen. Eher kontraproduktiv wertet Mede die Rolle von Smartphones und Tablets: Denn Vorlesefunktionen und Videoplattformen erleichterten zwar den Alltag, sie trügen aber nicht dazu bei, dass die Betroffenen sich ihrer Leseschwäche stellten.

Politik fördert Kurse

Die Politik versucht gegenzusteuern: 2012 wurde erstmals ein eigener Haushaltstitel zur Förderung der Alphabetisierung eingerichtet. Aktuell flössen jedes Jahr 260 000 Euro in entsprechende Maßnahmen, sagt Frank Schenker, Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums. Auch freie Träger auf diesem Gebiet werden gefördert. 2012 wurde auch das Thüringer Bündnis für Alphabetisierung ins Leben gerufen. Diesem gehören aktuell 81 Partner wie Volkshochschulen, Jobcenter, Bibliotheken und Industrie - und Handelskammern an. Ziel sei es, die Aktivitäten vor allem in Sachen Sensibilisierung und Öffentlichkeitsarbeit weiter auszubauen, sagt Schenker.

Um das Problem effektiver anzugehen, ist dem VHS-Verband zufolge aber mehr nötig: eigene Grundbildungsbeauftragte an den Volkshochschulen, die etwa Betroffene individuell betreuen, die die Kommunikation mit Jobcentern übernehmen oder die öffentliche Wahrnehmung des Problems verbessern. Auch über die Aufhebung des Kooperationsverbots müsse nachgedacht werden, damit der Bund und nicht allein die Länder zur Finanzierung beitragen könnten.

Um das Problem zu lösen, muss richtig Geld in die Hand genommen werden.

Fachreferentin Angelika Mede

Aktuell werden unter anderem in jedem Semester an jeder der 23 Volkshochschulen im Land Alphabetisierungskurse angeboten.

Der vom Bundesbildungsministerium geförderten Studie "LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität" zufolge haben 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dpa/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Die Nachrichten | 06. September 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2019, 08:07 Uhr

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