Coronavirus Ambulante Altenpflege: Arbeit in der Risikogruppe

Jeden Tag verrichten ambulante Pflegedienste ihre Arbeit an alten und kanken Menschen. Menschen, die der Corona-Risikogruppe zugeordnet werden. Trotzdem gibt es hier bisher keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen oder Hilfeleistungen vom Gesundheitsministerium. Der Dienst geht hier - fast - unverändert weiter.

Ein Pfleger hält Hand einer Seniorin
Für manche sind sie die letzte verbleibende Bezugsperson und ein Verbindung zur Außenwelt: ambulante Altenpfleger. Doch was, wenn sie zum Infektionsträger würden? Bildrechte: dpa

Christian Schulze* arbeitet seit acht Jahren in der ambulanten Altenpflege in Erfurt. Täglich fährt er von Haustür zu Haustür. Er hilft mit der Insulinspritze oder beim Waschen, er zieht Thrombosestrümpfe an, verabreicht Medikamente, erledigt auch mal Einkäufe oder ist einfach nur da, um zu reden. Zwischen zehn und fünfzehn pflegebedürftige Menschen im hohen Alter versorgt er an einem Tag. Für die meisten Wohnungen hat er einen Schlüssel, denn viele seiner Klienten sind bettlägerig. Für einige ist er sogar die letzte verbleibende Bezugsperson. Christian Schulze liebt seinen Beruf, aber seit einigen Wochen wird er von einer Sorge begleitet: Corona.

Arbeit in der Risikogruppe

Seit der neuartige Erreger Sars-CoV-2 in Deutschland aufgetreten ist, sieht sich Schulze täglich damit konfrontiert. Seine Sorge gilt nicht so sehr seinem eigenen Wohl, er ist 43 Jahre alt und gesund, seine Sorge gilt seinen Klienten. Schließlich gehören sie zu der absoluten Risikogruppe. Einer statistischen Erhebung von China CDC Weekly zufolge, starben in China bis Mitte Februar 14,8 Prozent der Coronainfizierten im Alter von 80 Jahren oder älter. Bei den über 70-Jähringen lag die Mortalität bei acht Prozent. Zahlen, die zwar nicht repräsentativ für das deutsche Gesundheitssystem sind, aber die zeigen, wie gefährlich Sars-CoV-2 für ältere Menschen ist. Auch in Deutschland wird die Gefahr des Erregers zunehmend deutlicher. Laut Robert Koch Institut, RKI, sind alle der 31 Todesopfer 65 Jahre oder älter (Situationsbericht, Stand 20.03.2020, 08:40 Uhr). Weiter heißt es: "Das mittlere Alter der Todesfälle liegt bei 81 Jahren." 

Aber nicht nur das Alter ist ein Faktor, sondern auch Vorerkrankungen. Besonders kritisch im Zusammenhang mit Corona sind Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Probleme. Allesamt Erkrankungen, mit denen Christian Schulze täglich zu tun hat. Hinzu kommt, dass er fast jedem seiner Pflegepatienten zwangsläufig nahe kommt, wo doch Abstand halten eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen ist. Und da die Symptome teilweise erst spät auftreten, schwingt an jedem Arbeitstag eine subtile Angst mit, vielleicht selbst zum Sicherheitsrisiko und Infektionsträger zu werden.   

Keine Tests, kaum Masken, kaum Anweisungen

Seit dem Ausbruch der Krankheit hierzulande hat sich an Christian Schulzes Arbeitsroutine wenig verändert. In Teambesprechungen wurde lediglich darauf hingewiesen, sich an die Hygiene-Richtlinien zu halten. Mehr dienstliche Anweisungen zu Corona gab es nicht. Deswegen trifft Christian Schulze eigenverantwortlich Sicherheitsvorkehrungen.  

Normalerweise gilt in der Pflege: Da wo Ausscheidungen zu erwarten sind, sind Handschuhe Pflicht. Ich trage jetzt aber sehr viel häufiger Handschuhe, schon bei normalen Berührungen, wenn ich zum Beispiel bei Thrombosestrümpfen helfe. Ich achte streng auf Desinfektion und habe auch im Privaten bewusst auf Sachen verzichtet: Bus und Bahn zum Beispiel.

Christian Schulze*, Altenpfleger im ambultanen Dienst

Vom Thüringer Gesundheitsministerium gab es am 10. März einen Hinweis an alle stationären Pflegeeinrichtungen mit Empfehlungen zum Umgang mit dem Virus. Wer nach Empfehlungen für ambulante Diensten fragt, wird auf eben dieses Hinweisschreiben verwiesen. Geeignete Schutzmaßnahmen durch das Personal sind demnach:

  • Geschultes Personal, das für die Versorgung dieser Bewohner eingesetzt wird, ist möglichst von der Versorgung anderer Bewohner freizustellen.
  • Die Anzahl der Kontaktpersonen definieren und begrenzen.
  • Verwendung persönlicher Schutzausrüstung: - Schutzkittel, Einweghandschuhe, dicht anliegende Atemschutzmaske (Schutzstufe FFP-2, FFP-3 oder Respirator insbesondere bei ausgeprägter Exposition)

Hinweise, die in der ambulanten Pflege nur schwer umzusetzen sind: Das Personal wechselt im Schichtsystem, die Anzahl der Kontaktpersonen – sprich Besuche durch Angehörige – beeinflussen die Pflegebedürftigen größtenteils selbst und von Schutzbekleidung kann mit Ausnahme der Einweghandschuhe im Arbeitsalltag von Christian Schulze kaum die Rede sein. Im Zweifel seien Atemmasken nur ungenügend vorhanden, sagt er. Deshalb fühlt sich Schulze mit der Corona-Bedrohung allein gelassen, vor allem vom Gesundheitsministerium.

Einige Patienten fragen danach: Ob wir Pfleger getestet sind, ob wir einen Nachweis haben, dass wir nicht infiziert sind. Und das ist ein Punkt, der mich bewegt: Dass es von Oben keine Anweisungen gibt, dass wir als Pfleger verpflichtet sind, Schnelltests zu machen.

Christian Schulze*, Altenpfleger im ambulanten Dienst

Maßnahmen in ambulanten Pflegedienste nicht einheitlich

Christian Schulze arbeitet für einen kleinen ambulanten Pflegedienst, der in Erfurt rund 60 Pflegebedürftige versorgt. Etwas anders läuft es beim Pflegedienst der Caritas Erfurt. Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN versicherte Pflegedienstleiter Maik Niebergall, dass seine Mitarbeiter mit entsprechender Arbeitskleidung und Mundschutzmasken ausgestattet seien. Weiterhin wurden hier Kontakte unter den Mitarbeitern weitestgehend eingeschränkt, der Kreis der Mitarbeiter beim Klienten verkleinert und einige Leistungen (zum Beispiel Haushaltshilfe) in Absprache mit den Klienten ausgesetzt.

Aber auch er ist besorgt, denn gerade bei der Beschaffung von Arbeitsmaterialien hakt es zunehmend. Lieferanten meldeten sich kaum zurück, hielten sich seltener an Lieferabsprachen und würden zum Teil auch Zuschläge für bereits bezahlte Desinfektionsmittel und Schutzmasken verlangen, so Niebergall. Hier müsse das Land helfen. Außerdem wünscht er sich mehr Beachtung für die ambulante Pflege:

Praktische Hilfen, wie die Unterstützung bei der Besorgung von Schutzmaterial etc. findet nicht statt. Hier wäre es trotz aller Ausnahmeregelungen etc. auch von der Kommune oder vom Land einfach nur einmal wichtig nachzufragen: Braucht Ihr Hilfe? […] Wie soll ich so meine Mitarbeiter und Klienten schützen, wenn man als Pflegedienst nicht als wichtiges Mitglied im Gesundheitswesen beachtet wird?

Maik Niebergall, Pflegedienstleiter der Caritas Erfurt

Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN erklärte das Thüringer Gesundheitsministerium, dass die Hilfe bei der Beschaffung über die Dachverbände der Pflegedienste und den Bund geregelt werde. Sobald eine Lieferung eintreffe, würde diese nach der Bedarfsabfrage verteilt werden.

Weiter wie bisher, trotz neuer Schwierigkeiten

Für die lokalen Pflegedienststellen heißt das in der Praxis: Sie sind das letzte Glied in der Versorgungskette. Auch mit der Beachtung der ambulanten Pflege ist es weiterhin Essig. Im Erlass des Gesundheitsministeriums vom 19. März 2020 gibt es zwar weitere Einschränkungen für Krankenhäuser, Pflegeheime und stationäre Gesundheitseinrichtungen, die ambulanten Pflegedienste finden darin aber erneut keine Berücksichtigung.

Altenpflegerin betreut ältere Frau
Bildrechte: IMAGO

Stattdessen bleiben die Dienste weiterhin auf sich gestellt. So sehen sich Pfleger zunehmend damit konfrontiert, ihren teilweise dementen Klienten zu erklären, warum aufgrund der Hamsterkäufe ihre Besorgungen im Supermarkt nicht erledigt werden konnten. Oder sie versuchen ihnen die Ängste zu nehmen, die durch Falschmeldungen entstehen. Doch die größte Sorge geht mit der steigenden Zahl der Neuinfektionen einher: Denn unklar ist, wie lange die ambulante Pflege mit all ihren Ansteckungsrisiken aufrechterhalten werden kann, sollte eine Infektion unter den Klienten oder Mitarbeitern auftreten. Viele Hundert Pflegebedürftige müssten dann womöglich in Krankenhäuser verlegt werden.

Gedanken, die Christian Schulze von sich schiebt. Er tut, was er kann und macht erstmal weiter wie bisher.

Ich habe am Mittwoch mit einer 90-jährigen Dame den Appell von Angela Merkel im Fernsehen gesehen. Wir mussten beide lachen, weil wir natürlich gerade erst alle Sicherheitsregeln verletzt hatten, zu denen uns die Kanzlerin geraten hat.

Christian Schulze*, Altenpfleger im ambulanten Dienst

 *Name aus Quellenschutzgründen geändert

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Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

7 Kommentare

bianca1976 vor 20 Wochen

Bei uns im Pflegedienst sieht es leider genauso aus. Schutzkleidung ist kaum zu bekommen. Händedesinfektion wird öfters als sonst durchgeführt. Ausserdem haben wir zum Schutz der Patienten es so gemacht,das manche Mitarbeiter ihre Patienten morgens, mittags und abends versorgen. Dadurch wird ausgeschlossen sich im Büro von Kollegen evtl anzustecken. Medikamente und Schlüssel nehmen wir mit nach Hause und sind nur telefonisch mit der PDL in Kontakt.

mamatembo vor 20 Wochen

In NRW sieht es leider nicht anders aus. Hygiene ja - auch mehr als sonst, aber das heißt mehr Hände waschen und desinfizieren. Masken - Fehlanzeige. Handschuhe wie immer. Leider ist die ambulante Pflege ein Stiefkind.
Mein Arbeitgeber versorgt 177 Klienten mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Die Kolleginnen versuchen alles zu geben, um zu trösten und Mut zu machen UND gesund zu bleiben!!!!

Hoffnung_29 vor 21 Wochen

Ja endlich werden die ambulante dienste war genommen. Ich liebe mein job und möchte das meine kolleginen ,Kollegen aus allen Ländern geschützt werden wie meine Patienten die mir ans Herz gewachsen sind...Die sind für mich wie 2 Familie geworden ...was ist mit den Pflegekräften die chronische Erkrankung haben die alles geben wie steht es um die...wir aus dem ambulantem dienst können den Pat keine Kontakte zu Familien verbieten wie es in Pflegeheimen ist ...wir müssen auch unsere Dienstkleidung zu Hause waschen, wie ist da die Hygiene groß geschrieben ..? Möge Gott mit uns allen sein...

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