Einsatz bei Eiseskälte Zehn Jahre nach dem Großbrand in Apolda: Betroffene erinnern sich

In der Nacht zum 17. Februar 2010 kämpften mehrere Feuerwehren in Apolda gegen die Flammen - und gegen eisige Temperaturen. Das Wasser gefror in den Schläuchen. Elf Anwohner verloren ihr Heim. Ein möglicher Brandstifter wurde nie gefasst.

Autorenbild Conny (Cornelia) Mauroner
Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

von Conny Mauroner

Ein ausgebrannter Dachstuhl.
Das Feuer griff auf die Dachstühle mehrerer Häuser über. (Archivbild) Bildrechte: Polizei Jena

Es ist 2:58 Uhr als ein Zeitungsbote den Alarm auslöst. Er ist der Erste, der das Feuer in einem Haus in der Bachstraße in Apolda entdeckt.

Nur sechs Minuten später rücken zwei Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr Apolda an, besetzt mit 21 Mann. Schnell ist Einsatzleiter Ingo Knobbe klar: Das reicht nicht! Er braucht Verstärkung. Nach und nach werden die Feuerwehren der Ortsteile, aus Bad Berka, Bad Sulza und Weimar hinzugerufen. Am Ende sind 83 Feuerwehrmänner und -frauen von neun Wehren im Einsatz.

Ihr erstes Ziel: Leben retten. Denn noch immer befinden sich Menschen in der ehemaligen Gaststätte. Nach wenigen Minuten sind auch sie in Sicherheit, keiner wird verletzt. Doch das Feuer breitet sich immer weiter aus. Es ergreift Dachstühle der Nachbarhäuser.

Elf Anwohner werden obdachlos

In den Häusern werden Gasleitungen abgedreht, es werden Türen geöffnet und die Brandbekämpfung läuft. Inzwischen ist auch Peter Bliefert vor Ort. Er muss zusehen, wie sein Haus samt Farbengeschäft in Flammen aufgeht. "Machtlos stand ich da – ich habe gar nicht realisiert, was da passiert ist." Eingreifen kann Bliefert sowieso nicht. Seine Mieterin hat sich in Sicherheit gebracht. Sie und zehn weitere Menschen werden obdachlos.

Die Feuerwehrleute kämpfen nicht nur gegen die Flammen an. Der Einsatz ist ebenso eine Schlacht gegen das Wetter. "Hundekalt ist es gewesen", erinnert sich Einsatzleiter Ingo Knobbe. Minus 17 Grad zeigen die Thermometer. Das Löschwasser gefriert sofort. Das Wasser wird nie abgedreht, damit es nicht in den Schläuchen erstarrt. Die Kleidung der Feuerwehrmänner ist inzwischen hart wie Stein. Die Anzüge sind gefroren und die Stiefel vereist.

"Die Häuser haben ausgesehen wie Märchenschlösser", erinnert sich eine der Augenzeuginnen. Eiszapfen hätten an ihnen gehangen. Schön anzusehen, wäre der Anlass nicht so traurig gewesen.

Ein Feuerwehrauto steht vor einem Haus.
Mehr als 80 Feuerwehrleute kämpften gegen Flammen und Glutnester. (Archivbild) Bildrechte: Polizei Jena

Nachbarn helfen in der Kälte

Inzwischen ist es 4 Uhr und halb Apolda ist auf den Beinen. So schnell wie möglich wird eine Versorgungsstrecke aufgebaut. Mitarbeiter der Stadtverwaltung kochen Tee und Kaffee. Sie kratzen Lebensmittel zusammen, denn Geschäfte haben noch nicht auf. Das Hotel reicht Suppe, die Pizzeria bietet Obhut und es werden Brote geschmiert. Auch trockene Socken werden ausgereicht.

In kürzester Zeit wird das Stadthaus zur Basisstation. Hier können sich Feuerwehrleute und Polizisten aufwärmen und neue Strategien besprechen. 5:30 Uhr  - das Feuer ist unter Kontrolle, aber noch lange nicht aus. Die Lage hat sich etwas entspannt.

Blick von oben auf teils ausgebrannte Dachstühle.
Auch die eisigen Temperaturen machten Anwohnern und Einsatzkräften zu schaffen. (Archivbild) Bildrechte: Polizei Jena

Zur Abi-Prüfung und zurück zum Einsatzort

Etwa zu dieser Zeit bittet eine junge Feuerwehrfrau aus dem Ortsteil Moorental den Einsatzleiter um Hilfe. "Sie hat gefragt, ob ich sie für ein paar Stunden vom Einsatz befreie. Sie muss ihre Abiturprüfung schreiben. Natürlich habe ich das getan", sagt Knobbe. Prompt kehrt die Jugendliche nach geschriebener - und bestandener - Prüfung ein paar Stunden später an den Einsatzort zurück.

Keiner der Kameraden, erinnert sich Knobbe, hat den Brandort verlassen, bevor das Feuer nicht gelöscht war. Zwei Tage lang seien sie auf den Beinen gewesen, erst dann kam die Erschöpfung. "Vermutlich ist es das Adrenalin, das einen am Laufen hält", sagt Knobbe. Die Brandwache war erst am Mittag des 19. Februar beendet.

Eine Häuserzeile mit einem Farben- und Tapetengeschäft.
Zehn Jahre nach dem Brand sind keine Spuren mehr davon zu erkennen. Bildrechte: Conny Mauroner

Brandursache wurde nie wirklich gefunden

Es folgte eine Welle der Solidarität. Nicht nur in der Einsatznacht hätten die Apoldaer geholfen. Auch danach gab es eine große Hilfsbereitschaft, erinnert sich Bürgermeister Rüdiger Eisenbrand. Für die Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben und nicht bei Verwandten untergekommen sind, wurden neue Bleiben gesucht. Außerdem wurde ein Spendenkonto eingerichtet.

Die Betroffenen wurden mit Baumarktgutscheinen versorgt und es gab viele helfende Hände. Ein gutes Jahr hat Peter Bliefert gebraucht, um zurück in sein Geschäft zu ziehen. Bis auf die Fassade war alles ausgebrannt oder vom Löschwasser beschädigt.

Die Brandursache – nie wurde sie wirklich geklärt. Vermutlich handelte es sich um Brandstiftung. Doch trotz ausgesetzter Belohnung: Ein Täter wurde nie gefasst. Apolda hat Lehren gezogen. Die Stadt hat eine neue Havariekette aufgebaut. Sollte es noch einmal ein derart großes Unheil geben, funktioniert die Informationskette noch genauer und schneller, sagt Bürgermeister Eisenbrand. Und setzt nach: Er will es aber nie ausprobieren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 16. Februar 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2020, 17:07 Uhr

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