Medizinische Versorgung Weniger Apotheken in Thüringen: Warum das ein Problem ist

In Thüringen gibt es immer weniger Apotheken. Was die meisten Stadtbewohner nur mit einem Schulterzucken quittieren dürften, wird auf dem Land zu einem echten Problem. Ein Beispiel aus Kranichfeld zeigt: Die gängige Notlösung in Orten ohne Apotheke kann das Geschäft nicht ersetzen.

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von Conny Mauroner

"Apotheke geschlossen". An dem Geschäftseingang in der Alexanderstraße in Kranichfeld hängt seit 2017 ein DIN-A-4-Blatt mit dieser Aufschrift an der Eingangstür der einstigen Apotheke. Über dem Türbogen hängt noch das Leuchtschild mit dem großen roten "A", selbst auf Kundenparkplätze im Hof wird verwiesen. Doch hier gibt es für Kunden mit Medikamentenbedarf seit 2017 keinen Grund mehr, den Parkplatz anzusteuern: Die Apotheke ist dicht. Dabei hatte die Stadt im Weimarer Land sogar einmal zwei.

Geschlossene Apotheke in Kranichfeld im Weimarer Land.
Geschlossene Apotheke in Kranichfeld im Weimarer Land. Bildrechte: MDR/Cornelia Mauroner

Immer mehr Apotheken machen zu: Gab es im Jahr 2000 in Thüringen noch 541 Apotheken und 2013 sogar 563, waren es Ende November nur noch 535. Laut Landesapothekerkammer haben 2019 drei Apotheken mehr geschlossen als eröffnet haben. Und noch ein Trend: Der Großteil der Apotheken befindet sich in den Thüringer Städten. Vor allem im ländlichen Raum fehlt es an Versorgung.

Viele ausgebildete Pharmazeuten verlassen Thüringen

Die Gründe liegen für die Kammer auf der Hand: Es fehlt an Fachpersonal. Zwar schließen Jahr für Jahr 50 bis 60 Absolventen am Institut für Pharmazie in Jena ihr Studium ab, doch nur etwa die Hälfte von ihnen bleibt in Thüringen. Laut Kammer gehen viele Absolventen nach Sachsen, denn auch dort herrscht ein Mangel an Fachleuten. Die Kammer fordert seit Jahren den Aus- und Neubau des Instituts in Jena, um den notwendigen Rahmen für eine ausreichende Zahl von Absolventen zu schaffen.

Um eine Apotheke eröffnen zu können, braucht es mindestens einen ausgebildeten Apotheker - eigentlich sogar zwei. Denn es gilt eine Anwesenheitspflicht für einen Apotheker im Geschäft. Der Markt aber ist leergefegt.

Viele Apotheker erreichen das Rentenalter

Und die bestehenden Apotheken? Deren Betreiber sind oft nicht mehr die jüngsten. Eine Prognose der Landesapothekerkammer aus dem Jahr 2017 sagte voraus, dass im kommenden Jahr 50 der damals 419 Thüringer Apothekenleiter 65 Jahre oder älter sein werden. Ende 2025 sind es 105. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Die Misere von Kranichfeld ist kein Einzelfall in Thüringen. Auch die Einwohner von Ziegenrück, Körner, Lehesten, Barchfeld, Plaue, Schönbrunn, Großfahner, Steinheid und Brotterode kennen eine Apotheke im Ort nur noch aus ihrer Erinnerung.

Rezeptsammelstelle reicht den Kranichfeldern nicht

Eine Notlösung: Rezeptsammelstellen. In Kranichfeld hängt heute ein Briefkasten an der früheren Ambulanz in der Bahnhofstraße. Das System ist einfach, erklärt der Vorsitzende der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Kranichfeld, Fred Menge: Der Kunde wirft am Morgen sein Rezept im Kasten ein und wird am Abend mit seinem Medikament zu Hause beliefert.

Hinweis auf eine Rezeptsammelstelle am Schaufenster einer geschlossenen Apotheke in Kranichfeld
Bildrechte: MDR/Cornelia Mauroner

Die Kranichfelder nutzen die Sammelstelle, sehen sie aber nicht als Ersatz. Und sie sind regelrecht wütend. Bei einem Einzugsgebiet von 3.000 Menschen keine Apotheke - das ruft Kopfschütteln hervor. "Wir vermissen die Beratung", ist zu hören. Oder: "Viele Medikamente sind apothekenpflichtig, aber rezeptfrei. Da hilft uns die Sammelstelle nicht." Noch eine Stimme: "Woher sollen wir ohne Beratung wissen, ob es nicht vielleicht Alternativen zum verschriebenen Medikament gibt?" Die Einwohner fordern ihre Apotheke zurück. Der Kontakt zum Apotheker übers Telefon oder den Kurier reicht ihnen nicht.

Seit Jahren kämpfen VG-Chef Menge und Bürgermeister Enno Dörnfeld (beide CDU) für die Wiedereröffnung des Geschäfts. Beide sagen, stapelweise Briefe an die zuständigen Ämter und die Kammer mit der Bitte um Unterstützung hätten sie geschrieben, jedoch nur Antworten vom "grünen Tisch" erhalten. Vertreter der Landesapotherkammer sollten selbst einmal vorbei kommen und sich ein Bild vor Ort machen, sagt Bürgermeister Dörnfeld. Immer wieder sei die fehlende Apotheke ein Ärgernis in der Bürgersprechstunde. Es vergehe keine Woche, an der sie nicht thematisiert werden.

Ein "Notstand" liegt offiziell nicht vor

Die Kammer wehrt sich. Kranichfeld könne den Notstand beantragen, dann wären die bürokratischen Hürden niedriger. Das aber geht nicht, meint Menge. Laut Gesetz herrscht in Kranichfeld kein Notstand. Schließlich würden die Menschen über die Rezeptsammelstelle versorgt. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Dörnfeld hofft auf einen Investor. Er weiß aber auch: Eine Apotheke zu eröffnen birgt ein hohes wirtschaftliches Risiko - nicht nur wegen des geforderten Fachpersonals. Es brauche Spezialausrüstung, spezielle Möbel und Kühlschränke - und das in Zeiten harter Internetkonkurrenz. Dieses Risiko scheinen nicht viele bereit einzugehen. Außerdem steht die alte Apotheke in Kranichfeld bereits so lange leer - da reiche es nicht, nur einmal kurz den Pinsel zu schwingen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Dezember 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2019, 15:11 Uhr

4 Kommentare

sorglos vor 6 Wochen

2004 war das Schicksalsjahr der Deutschen Apotheken! Das GMG unter Schröder und alle folgenden "Reformen" bis zum AMNOG saugten aus den Apotheken die finanziellen Reserven aus. Vom Arzneimittelpreis blieb ein Bruchteil in der Apotheke für Personalkosten, Miete, Steuern, Beiträge für Doppelverkammerung, Apothekerverein, Bürokratie etc. pp. Ihr habt die SPD/Grüne gewählt - die Grünen waren/sind der Erzfeind der inhabergeführten Apotheke, das konnte man nachlesen! Ihr kauft alle im Internet ein - ist ja so billig...in der Vorort Apotheke wird man sofort beraten und versorgt. Notdienst machen Doc Morris&Co.nicht! D ist eines von 3 Staaten der EU, das die volle MWST (!) auf Arzneimittel erhebt. Also: doppelt teurer als im Ausland. Die Politik hat die Krankenkassen - Haie gestärkt. Also lassen die (trotz Milliardenüberschuß) Wirkstoffe billiger, billigst am billigsten in Fernost herstellen.Folge: 250 Medikamente fehlen. Welcher Apotheker tut sich das noch an? Die Rendite reicht nicht mehr!

Rudol vor 6 Wochen

Dass 250 Medikamente fehlen, ist nicht ein Problem von Apotheken.

Schlimmer ist, dass Apotheken fehlen und damit tausende Medikamente für die Kunden. Das Internet wird weiterhin die Geschäfte reduzieren und es hilft auch keinem in der Nacht oder am Wochenende, weil es keinen Notdienst anbietet.

Ihr bekommt, wofür Ihr Euch entschieden habt. Beklagt Euch also nicht.

Lyn vor 6 Wochen

Eine Rezeptsammelstelle ist besser als nichts.....
Was tun am WE wenn ein Medikament dringend gebraucht wird und es niemand gibt, der mal flott irgendwohin fahren kann? Dann wird es unangenehm, um es höflich auszudrücken.
Wenn es bei mir brennt, dann wird das Foto vom Rezept schon mal per WhatsApp geschickt und die Apotheke im Ort liefert an die Haustür so schnell es geht.
Peinlich wird das ab Samstag Mittag bis Montag früh oder nachts....wenn die diensthabende Notapotheke ohne PKW unerreichbar ist. Und geliefert wird von dieser Apotheke nicht.
Und da wäre noch das Problem, dass nicht jeder WhatsApp nutzen kann
- oder will.
Ich bin der Meinung, dass es für die jeweilige zuständige Notfall Apotheke möglich sein sollte, u.U. zu liefern, Tag und Nacht. Der Notarzt führt keinerlei Medikamente mit. Im schlimmsten Fall heißt es, ausharren bis die Apotheke vor Ort öffnet, wenn keine Einweisung ins Krankenhaus erfolgt.
Alles schon gehabt....

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