Gegen die Flut Warum sich Klettbach eine eigene Wasserwehr gönnt

Autorenbild Conny (Cornelia) Mauroner
Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Das Tauwetter lässt die Flüsse anschwellen. Sofort kommen die Bilder wieder in den Kopf: überflutete Straßen und Häuser unter Wasser. Wasserwehren sollen helfen. In Thüringen gründen sich immer mehr Organisationen dieser Art, wie das Beispiel Klettbach zeigt.

Hochwasser im Jahr 2014 in Klettbach
Hochwasser im Jahr 2014 in Klettbach: Im Dezember 2020 gründete sich in dem Ort offiziell eine Wasserwehr. Bildrechte: Gemeinde Klettbach

Die Idee Wasserwehren in Thüringen zu gründen, ist nicht neu. 2014 war es der damalige Umweltminister Jürgen Reinholz, der die Wehren ins Spiel brachte. Sie sollten die Gemeinden vor Hochwasser schützen und Feuerwehren entlasten. Eine Idee, die bis heute nicht bei allen Feuerwehren auf Gegenliebe stößt. Die Reaktionen sind damals wie heute gespalten. Manche hielten es für Wahlkampf, andere einfach nur für eine unnütze Sache.

Vor allem Freiwillige Feuerwehren befürchteten, dass die ohnehin schon knappen Ressourcen und Fördergelder weiter aufgeteilt würden und kaum mehr etwas für die eigene Technik übrig bleibt. Ohne Grund, argumentierte Reinholz vor ein paar Jahren.

Ziel war es, "die kommunalen Kräfte in den Wasserwehren zu bündeln und optimal auf das Hochwasser vorzubereiten. Feuerwehren und Gemeinden sind dabei die wichtigsten Partner und Kern der Wasserwehr", so der Minister im Jahr 2014. Und tatsächlich: In der Praxis bilden sich Wasserwehren oftmals aus der Kameradschaft der Feuerwehren heraus.

Wer braucht eine Wasserwehr

Naturgemäß muss nicht jede Gemeinde eine Wasserwehr gründen. Im neuen Thüringer Wassergesetz (ThürWG) vom 28. Mai 2019 wurde im § 55 die Rechtstellung der Wasserwehr klar formuliert. Demnach ist es "Aufgabe der Kommunen einen Wasserwehrdienst einzurichten und erforderliche Hilfsmittel dazu bereitzustellen, wenn sie erfahrungsgemäß von Überschwemmungen gefährdet sind."

Sprich: Kommunen, die immer wieder mit Hochwasser zu kämpfen haben, bleibt per Gesetz gar nichts anderes übrig, als eine solche Wehr zu gründen. Eine der ersten Städte, die dies getan hat, war Nordhausen. Dort heißt das Sorgenkind Zorge. In Jena ist es die Saale und in Gera die Weiße Elster. Regelmäßig treten die Flüsse über die Ufer. Gera hat seinen Beschluss zur Gründung einer Wasserwehr in der Stadtratssitzung am 8. Oktober 2020 gefasst. Noch immer werden Mitstreiter gesucht.

Klettbach: Eine Wasserwehr braucht keinen Fluss

Es sind aber nicht nur die großen Städte oder die mit größeren Flüssen, die Wasserwehren brauchen. Es gibt durchaus Gemeinden, die keine Gewässer haben, wohl aber eine Wasserwehr. Dieses Kuriosum gibt es beispielsweise im Weimarer Land.

Seit Dezember hat auch Klettbach, Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Kranichfeld, eine eigene Wasserwehr. Aus gutem Grund: 2013 und 2014 war es am schlimmsten. Dreimal und innerhalb kürzester Zeit stand der Ort unter Wasser. "Schlammmassen in den Häusern, im Gemeindesaal, auf dem Spielplatz und selbst in der Kirche", erinnern sich Anwohner. Der Ort liegt ungünstig.

Hochwasser im Jahr 2014 in Klettbach
Klettbach vor einigen Jahren: Mehrmals stand der Ort unter Wasser. Bildrechte: Gemeinde Klettbach

"Er liegt im Kessel und wenn das Wasser kommt, dann kommt es von dem umliegenden Feldern gerauscht", sagt Einwohner Lutz Rauch. Der kleine Steingraben, der verrohrt unter den Straßen entlang führt, ist nicht immer im Stande, die Wassermassen aufzunehmen.

Die Hochwasser und ihre Folgen sind den Anwohnern in Erinnerung. Viele schlagen sich heute noch mit ihren Versicherungen rum. In der Folge hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. "Klettbach - Hochwasserfrei!" möchte langfristig etwas gegen die Bedrohung tun. Ihre Mitglieder haben viel durchgespielt - vom Regenrückhaltebecken bis hin zu anderen technischen Lösungen.

"Am Ende ist es die Abschlagsleitung geworden. Das ist das vernünftigste Projekt", sagt Lutz Rauch, der auch Mitglied der BI ist. Das Wasser soll vor dem Ort abgefangen und gezielt umgeleitet werden, damit Klettbach von weiteren Hochwassern verschont bleibt. Die Leitung ist ein Mammutprojekt für einen derart kleinen Ort.

Eine dreiviertel Million Euro wird sie kosten. 40 Prozent davon finanziert Klettbach selbst. Den Rest gibt das Land. Mündlich zugesagt sind die Fördermittel bereits, aber geflossen ist das Geld noch nicht. "Sobald das der Fall ist, wird gebaut", sagt Bürgermeisterin Franziska Hildebrandt (FDP). "Am liebsten noch in diesem Frühjahr."

Wasserwehr als Förderbedingung

Was aber hat die Wasserwehr damit zu tun? Sie war Bedingung für Klettbach, um überhaupt an Fördermittel zu kommen. "Wir hatten auch gedacht, dass die sehr gut funktionierende Freiwillige Feuerwehr ausreicht, mussten aber eine Wasserwehr gründen", sagt Gemeinderat Jörg Gerbatsch.

Die Wasserwehr zu gründen, war nur ein formeller Akt, denn ihre Aufgaben kannten die Klettbacher bereits: Gräben reinigen, Wasserstände beobachten und Sandsäcke füllen - Dinge, die bislang die Freiwillige Feuerwehr im Ort übernahm. Sie hat nun Helfer, denn "bei der Wasserwehr kann eigentlich jeder normalsterbliche Mensch mitmachen. Was man braucht, sind Lust, Laune und keine Scheu vor Sonntagsarbeit", sagt Mitglied Ron Reichl, der übrigens auch bei der Freiwilligen Feuerwehr ist.

Wintereinsatz der freiwilligen Wasserwehr in Klettbach
Klettbacher Wasserwehr bei der Arbeit: Schneemassen werden aus dem Ort gebracht. Bildrechte: Gemeinde Klettbach

"Auch ein wenig technisches Verständnis sollte man haben." Reichl begrüßt gern Mitstreiter im Team. Für Jeden gebe es die passende Arbeit - "und wenn es nur einfache Kontrollfahrten sind". Vorsorge hat die Klettbacher Wasserwehr auch in den vergangenen Tagen getroffen.

Die Schneemassen wurden aus dem Ort geschafft und Gullys frei geräumt. Sandsäcke werden bestückt. Denn noch droht das Hochwasser, noch wurde die Abschlagsleitung nicht gebaut.

Hintergrund Seit 2016 wurde die Erstausstattung von 14 Wasserwehrdiensten durch das Umweltministerium mit insgesamt circa 360.000 Euro gefördert. Neben der persönlichen Schutzausrüstung der Einsatzkräfte (z. B. Gummistiefel und Regenjacken) können auch Boote, Notstromaggregate und Pumpen Teil der förderfähigen Erstausstattung sein. Zudem unterstützt das Umweltministerium die Ausbildung der Einsatzkräfte durch Schulungen zur Hochwasserabwehr.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 16. Februar 2021 | 08:30 Uhr

1 Kommentar

Jedimeister Joda vor 2 Wochen

Hallo aus einer anderen Galaxie! Na ich sehe es genau,auch von hier aus. Der Staat macht sich die Leute auf dem Land zu seinen kostenlosen Helfern. Ein paar Gummistiefel hier ein Schlauchboot da. Ist fast wie Weihnachten. Die Versäumnisse oder Fehler der Vergangenheit werden den Wasserwehren zur Aufgabe gemacht. Naja das funktioniert auch in anderen Bereichen. Also ich denke es ist ein Strukturproblem. Des Geldes wegen wird alles gemacht. Damit das Konto voll wird. Ist völlig egal ob der Staat das Konto hat oder ein Privater.Da hilft kein Lamentieren. Der Betroffene, oder die Betroffenen, müssen sich selber helfen. Ich seh grade, in der Coronakrise ist das sehr ähnlich. Novemberhilfen sind eher nicht an den Monat gebunden. Was ich sehe sind Kompetenzgerangel, Mißmanagment, Hybris und Wahlkampfgetöse. Alle diese Dinge sind nicht hilfreich. Da hatte ich mal nen Spruch gehört. Der war von einer Oma, so Baujahr 1880. Die meinte: Bist du Gottes Sohn so hilf dir selbst. Bessert Euch

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