Blick auf den Marktplatz von Apolda im April, Rathaus und Sitzbänke
In der Apoldaer Innenstadt ist Tarek F. oft auffällig geworden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Apolda Der Fall Tarek F. und die Grenzen des Rechtsstaats

Wegen eines Mannes namens Tarek herrschte lange Angst und Wut in Apolda. Unter Drogen soll er Passanten angegriffen haben, auch Hehlerei und Sachbeschädigung wurde ihm vorgeworfen. Und obwohl er schon mehrfach in Haft saß, schien er immer wieder straflos davon zu kommen. Nun wurden seine Polizeiakten zusammengefasst.

von Olaf Nenninger

Blick auf den Marktplatz von Apolda im April, Rathaus und Sitzbänke
In der Apoldaer Innenstadt ist Tarek F. oft auffällig geworden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Ob in der Innenstadt, im Plattenbaugebiet Nord oder im Flüchtlingsheim: wenn man in Apolda fragt, wo Tarek ist, bekommt man immer die gleiche Antwort: "Am Kaufland. Da macht er immer Stress."

In Apolda kennen ihn alle als Tarek. Die Kriminalpolizei in Jena führt ihn unter dem Namen Ahmed F.  und als Intensivtäter. Die von ihm begangenen Delikte haben sich derart gehäuft, dass sie nicht losgelöst voneinander ermittelt und bearbeitet werden, sondern "täterbezogen und gebündelt". Das soll auch der Staatsanwaltschaft die Arbeit erleichtern. Da er nach Angaben der Behörden leicht reizbar sei und oft unter Drogen stehe, bedeute eine zufällige Begegnung für viele Apoldaer erhöhten Stress. Er sei aggressiv, pöbele herum, attackiere ohne Grund Passanten und Polizisten. Am liebsten in der Apoldaer Innenstadt.

250 Ermittlungsverfahren auf dem Kerbholz

Tarek F. ist bereits hunderte Male in Apolda mit der Polizei aneinandergeraten. Nach Angaben der Ausländerbehörde des Weimarer Landes wurden bislang 250 Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Seit vier Jahren lebt er in Deutschland - seit einiger Zeit in einem Flüchtlingsheim in Apolda. Laut Polizei behauptet er aus Israel zu kommen - gibt sich als Palästinenser aus. Doch die Behörden kaufen ihm das nicht ab. Aufgrund seines französischen Akzents wird vermutet, dass Tarek F. Marokkaner ist. Derzeit gilt er als staatenlos.

Bereits dreimal hat er deutsche Haftanstalten von innen gesehen. 2015 und Ende 2017 saß er für zwei bzw. fünf Wochen in U-Haft, im September 2015 musste er sogar für fast zwei Jahre in die JVA. In F's Strafregister geht es immer wieder um gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Sachbeschädigung, Drogenbesitz, Hehlerei und tätliche Angriffe auf Polizisten. Die Liste ließe sich fortsetzen. Tarek F. hat die Hälfte seiner kurzen Zeit in Deutschland im Gefängnis gesessen. Doch er macht immer weiter.

Polizei: Man bekommt kaum Aussagen aus dem Milieu

Die Bevölkerung Apoldas wünscht sich Schutz vor Tarek, doch die Polizei hat es trotz der vielen Delikte nicht leicht, gegen ihn vorzugehen. "Das hat damit zu tun, dass sich solche Taten wie bei Tarek ganz oft im Milieu abspielen und dort ist das Aussageverhalten der meisten Leute eben nicht so gut. Und wenn man dann zu einem Raub oder einer Körperverletzung Zeugen hören möchte, dann muss eben jemand eine Aussage machen. Macht niemand eine Aussage, kann man eben nur vom Hörensagen einen Beamtenbericht schreiben. Der führt aber eben nicht unbedingt dazu, dass die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl ausstellt oder Anklage erhebt", erklärt Polizeioberrat Thomas Wehling im Gespräch mit MDR THÜRINGEN. Seine Behörde, die Landespolizeiinspektion Jena, ist seit langem mit Tarek bzw. Ahmed F. befasst. Der größte Teil der Flüchtlinge im Weimarer Land und Apolda lebt unauffällig und kommt nicht mit der Polizei in Berührung, stellt der Polizeichef fest.

Aber Wehling muss auch einen Anstieg der Kriminalität unter Nichtdeutschen feststellen. Eine Mitarbeiterin reicht einen kleinen Zettel herein. Er zeigt die Ermittlungsquote der Polizei Apolda, die auch für die Hälfte des Weimarer Landes zuständig ist. So nahmen die Straftaten 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 2.023 auf 2.074 leicht zu. Von den 1.066 ermittelten Tatverdächtigen waren 291 nichtdeutscher Herkunft. Im Jahr 2017 waren es noch 169. Darin enthalten sind auch Vergehen gegen das Aufenthalts-, Asyl- und Freizügigkeitsgesetz.

Auch das Landratsamt Apolda will diese Entwicklung beobachtet haben. Mehr noch: Hier hat man sogar den Eindruck, dass das Weimarer Land besonders viele gewaltbereite Flüchtlinge aufnehmen musste. Das sagen hochrangige Mitarbeiter telefonisch MDR THÜRINGEN. Man spricht von "Busladungen krimineller junger Männer, die herangekarrt werden".

Justizminister: Regelverstösse werden geahndet

Migrationsminister Dieter Lauinger (Bündnis90/Die Grünen) kann das auf Nachfrage so nicht stehen lassen. "Natürlich sind unter den vielen Menschen, die zu uns gekommen sind, auch welche, die sich nicht an die Regeln des Landes halten. Wenn das dann in einem Landkreis vorkommt, dann kann vielleicht auch der Eindruck entstehen, das wäre jetzt bei uns besonders schlimm. Es ist ein sehr sehr kleiner Teil, der sich nicht an die Regeln hält. Aber klar ist, gegen diese Menschen, die sich nicht an diese Regeln halten, muss der Rechtsstaat auch mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln vorgehen.“

Taten haben Folgen

Und das tut der Rechtsstaat auch im Fall Tarek F. Auch wenn die Ermittlungen im Milieu nicht immer erfolgreich waren, konnte aus den zahlreichen Zusammenstößen mit der Polizei ein erfolgversprechendes Paket geschnürt werden. Vor wenigen Tagen wurde er zu acht Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatten wir unter anderem geschrieben, dass Tarek F. 72 Delikte zugeschrieben worden sind. Dies ist nicht korrekt. Laut Staatsanwaltschaft Erfurt sind es weniger. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 15:00 Uhr

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