Modellprojekt Lebenshilfe-Wohnheim in Apolda wird zum Appartementhaus

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Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Es geht vor allem um mehr Privatsphäre und mehr Selbstständigkeit - das Wohnheim der Lebenshilfe in Apolda wird zur Appartementanlage. Derzeit laufen die letzten Bauarbeiten und am 1. Dezember sollen die neuen Mieter einziehen. Dieses Projekt ist einmalig in Thüringen.

Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Hier war früher eine Werkstatt mit zehn Arbeitsplätzen. Jetzt ist das eine barrierefreie Wohnung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

20 Jahre lang gab es in der Jägerstraße ein Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Ein 15-köpfiges Team der Lebenshilfe hatte die 17 Bewohner rund um die Uhr im Auge, es gab ein Büro im Haus und eine Werkstatt mit zehn Arbeitsplätzen. Die Zimmer waren klein, fünf davon sogar Duchgangszimmer. Besucher mussten sich anmelden, jeder Bewohner um 22 Uhr im Haus sein.

Umdenken bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen

Als dann 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten ist, hat das an vielen Stellen ein Umdenken bewirkt. Die Menschen mit Behinderungen sollten nicht mehr vordergründig versorgt werden, sondern ihre Wünsche und Ziele sollten stärker in den Fokus der Arbeit rücken. Heike Jordan vom Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda: "Wir trauen den Menschen zu wenig zu, sie können viel mehr, als wir wissen. Natürlich ist es oft einfacher, Dinge für hilfebedürftige Menschen einfach zu erledigen. Aber damit werden sie verunselbstständigt." Das Gegenteil ist heute Anspruch ihrer Arbeit. "Personenzentrierte Hilfe" nennt Jordan das.

UN-Behindertenrechtskonvention Das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ist ein Menschenrechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, das am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 3. Mai 2008 in Kraft getreten ist. Die UN-Behindertenrechtskonvention beinhaltet - neben der Bekräftigung allgemeiner Menschenrechte auch für behinderte Menschen - eine Vielzahl spezieller, auf die Lebenssituation behinderter Menschen abgestimmte Regelungen.

Modellprojekt läuft seit 2017

Umgesetzt werden diese neuen Gedanken im Modellprojekt "Ambulantisierung". Das spektakulärste Beispiel entsteht derzeit in der Jägerstraße in Apolda, dort wird das ehemalige Wohnheim in ein Appartementhaus umgewandelt. Seit 2019 laufen die Bauarbeiten, allein die Lebenshilfe hat bisher 650.000 Euro Eigenmittel investiert. In der ehemaligen Werkstatt im Erdgeschoss sind barrierefreie Räume entstanden.

Mehr Privatsphäre und mehr Lebensqualität für Bewohner

Ab 1. Dezember werden die zwölf neuen Wohnungen nach und nach bezogen. Derzeit riecht es noch nach Farbe, die Treppengeländer müssen noch angeschraubt werden und auch die Lichtschalter fehlen noch. Trotzdem wird auf der Baustelle schnell klar, was anders ist - keine Durchgangszimmer mehr, kein Büro, kein Gemeinschaftsraum, keine dauerhafte Kontrolle. Wie alle anderen Mieter auch haben die künftigen Bewohner hier eigene Klingeln, eigene Briefkästen und die Mitarbeiter der Lebenshilfe müssen, wenn sie ihre Klienten sehen wollen, einen Termin machen. Dieses Projekt ist einmalig in Thüringen.

Das ist ein Quantensprung in der Behindertenhilfe.

Heike Jordan

Ohne die gute Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort wäre das aber alles nicht möglich gewesen, betont Heike Jordan, die das Modellprojekt leitet. Sowohl das Sozialamt der Stadt Apolda als auch die Wohnungsgesellschaft hätten enorm geholfen. So wurden beispielsweise allen Wohnheim-Bewohnern für die Zeit der Bauarbeiten von der WGA Ausweichquartiere zur Verfügung gestellt. Und die waren so schön, dass einige der Menschen direkt dort wohnen bleiben. Andere ziehen in ihr altes Umfeld zurück.

Mehr Privatsphäre und mehr Lebensqualität für die Bewohner

Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
20 Jahre lang war die Jägerstraße 32 ein Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
20 Jahre lang war die Jägerstraße 32 ein Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
17 Menschen lebten hier, im Erdgeschoss gab es eine Werkstatt. Seit 2019 wird umgebaut. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Besonders wichtig: Künftig hat jeder Bewohner eine eigene Klingel und einen eigenen Briefkasten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Derzeit geht es vor allem um den Feinschliff. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Maler Michael Rode ist auch Musiker. Daher vielleicht sein Gespür für Harmonie. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Zwölf Appartements sind entstanden, 16 Menschen werden hier wohnen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Im Erdgeschoss, in der ehemaligen Werkstatt, ist alles barrierefrei. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Auch das Bad ist rollstuhlgerecht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Die Bewohner sollen hier so eigenständig leben, wie sie wollen und können. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
In den Mietverträgen sind keine Sonderklauseln enthalten, die Mieten sind sozialverträglich. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das neue Appartement-Haus der Lebenshilfe in Apolda.
Heike Jordan und Christian Lenk vom Lebenshilfewerk sind täglich auf der Baustelle. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Mietverträge sind unterzeichnet

Christian Lenk hat das Wohnheim in den vergangenen Jahren geleitet. Er erzählt: "Wir sind natürlich während der ganzen Bauzeit mit unseren Bewohnern in Kontakt geblieben. Immer wieder haben sie nach den Baufortschritten gefragt. Und jetzt wird schon fleißig ausgemessen, damit die Möbel bestellt werden können.

Es sind ganz normale Mietverträge, die die Lebenshilfe mit ihren Mietern abgeschlossen hat. Keine Sonderklauseln, keine Bedingungen. Wer Hilfe möchte, bekommt sie, wer nicht, darf auch darauf verzichten. "Ein Mensch mit Behinderung gehört in eine eigene Wohnung", betont Lenk.

Einzugsparty steht noch aus

Die offizielle Feierstunde zur Eröffnung musste coronabedingt abgesagt werden. Aber zu einer eigenen Wohnung gehört auch eine Einzugsparty. Und so wird das Lebenshilfewerk gemeinsam mit den Mietern den schönen Hof des Hauses sicher einweihen, wenn solche Feiern wieder möglich sind. Natürlich nur, wenn die auch Lust darauf haben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 18. November 2020 | 18:45 Uhr

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