Frank Friebel unterrichtet im Weimarer Land
Frank Friebel unterrichtet die sechste Klasse in Wormstedt. Bildrechte: MDR/Susan Minard

Bildung Seiteneinsteiger als Klassenleiter

Lehrer für Mathematik, Chemie, Physik oder Musik gesucht! Diese Anzeige könnten viele Schulleiter in Thüringen aufgeben. Und weil ausgebildete Lehrer vor allem in diesen Fächern fehlen, hat der Freistaat seit Ende 2017 Akademiker ohne Lehramtsabschluss für den Unterricht an allgemeinbildenden Schulen eingestellt. Bis dahin unterrichtete einzelne Seiteneinsteiger in Berufsschulen.

von Corinna Ritter

Frank Friebel unterrichtet im Weimarer Land
Frank Friebel unterrichtet die sechste Klasse in Wormstedt. Bildrechte: MDR/Susan Minard

"Für die Regelschule Wormstedt im Weimarer Land ist der Mann ein Glücksfall", sagt Direktorin Birgit Schnippa. Seit Mitte Februar steht Frank Friebel als Seiteneinsteiger vor der Klasse. Friebel spielt und singt in einer Band. Seit einigen Jahren leitet er schon eine Schul-AG und studiert mit Schülern Theateraufführungen ein. Die Frage, ob er nicht als Musiklehrer arbeiten wolle, beantwortete er mit einem klaren "Ja“ und bewarb sich. Schließlich hatten die Schüler seit einem halben Jahr keinen Musikunterricht mehr. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Friebel nicht mehr als Kraftfahrer arbeiten. Nun ist er sogar Klassenlehrer einer sechsten Klasse mit 25 Schülern.

Deutsch, Ethik, Musik und Medienkunde - Friebel unterrichtet ohne Ausbildung

Frank Friebel ist ein offener, sympathischer Typ, der offenbar bei Schülern und Lehrern gut ankommt. Obwohl einige leistungsschwache Schüler in seiner Klasse sind, schaffen alle das Klassenziel. Neben Musik unterrichtet Frank Friebel auch Deutsch, Ethik und Medienkunde. Einen Qualifizierungskurs hat er noch nicht besuchen können. "Den würde ich aber sehr gerne machen“, sagt Frank Friebel.

Frank Friebel unterrichtet im Weimarer Land
Lehrer zu sein, macht Frank Friebel großen Spaß. Bildrechte: MDR/Susan Minard

Statt dessen helfen ihm seine Kollegen bei der Unterrichtsvorbereitung mit Tipps und Materialien. Und seine größte Stütze ist seine Frau. Sie ist ausgebildete Lehrerin und arbeitet quasi Tür an Tür. Sie hilft ihrem Seiteneinsteiger, möglichst guten Unterricht zu bieten. Auf seinen Unterricht bereitet sich Friebel bis spätabends vor. Vor der Klasse ist er dann aber auf sich allein gestellt.

Lehrer zu sein, ist nun sein Traumberuf. "Lehren macht Spaß", sagt der Seiteneinsteiger und seine Augen strahlen. Es ist toll, "wenn man sieht, dass was ankommt, man was bei den Kindern bewirken kann.“

Zahl der Seiteneinsteiger fast verdoppelt

Nicht alle Seiteneinsteiger sind so glücklich in ihrem neuen Job wie Frank Friebel. In einer anderen staatlichen Schule im Weimarer Land hat der Lehrer aufgehört. Er fühlte sich überfordert, sagt die Schulleiterin bedauernd. Unter den 866 neu eingestellten Lehrern waren im vergangenen Jahr laut Bildungsministerium 42 Seiteneinsteiger. Damit hat sich die Zahl der neu eingestellten Lehrer ohne Lehramtsabschluss fast verdoppelt. Wie viele der 42 Männer und Frauen gekündigt haben bzw. wie vielen nach der Probezeit gekündigt wurde, kann das Ministerium nicht sagen. Genauso wenig, wie viele Seiteneinsteiger sich in den Schulämtern beworben haben. Bis Ende April dieses Jahres haben weitere 12 Seiteneinsteiger einen Job als Lehrer in einer staatlichen Schule bekommen.

Zu wenig Plätze für unterrichtsbegleitende Qualifizierung

Seit Ende 2017 stellt das Land Akademiker für den Unterricht an allgemeinbildenden Schulen ein. Zuvor unterrichteten Seiteneinsteiger bereits an Berufsschulen. Einzelne Seiteneinsteiger fühlen sich nicht ausreichend fachlich unterstützt, weiß die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Es fehle an betreuenden Fachlehrern als Mentoren, an Zeit zur Unterrichtsbesprechung und Auswertung sowie an Plätzen für die Nachqualifizierung. Sie dauert für ein Unterrichtsfach ein Jahr und für zwei Fächer zwei Jahre. Das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) bietet zudem Seiteneinsteigern einen vierwöchigen Schnellkurs an. Dieser Kurs startet viermal im Jahr. Man habe noch keinen Interessenten abgewiesen, sagte Andreas Jantowski, Leiter des Instituts.

Auch die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland hat im vergangenen Schuljahr elf Seiteneinsteiger eingestellt und das unbefristet für zehn bis 27 Unterrichtsstunden pro Woche. Die Stiftung betreibt 21 Schulen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Vorstandschef Marco Eberl hat ihnen heute die Abschlusszertifikate überreicht. Die Seiteneinsteiger haben unterrichtet und sich parallel seit November insgesamt 40 Stunden theoretisches und praktisches Wissen über Unterrichtsmethoden, Rechtsfragen und die Kommunikation mit Schülern, Eltern und Kollegen angeeignet.

Für das neue Schuljahr will die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland die Qualifizierung um 20 Stunden ausweiten. Für Eberl sind Seiteneinsteiger "keine Notlösungen“ bei Lehrermangel. Viele von ihnen haben schon als Hochschullehrer gearbeitet, bringen "praktische Erfahrungen aus Firmen oder öffentlicher Verwaltung in die Schule, die wir dringend brauchen.“ Kollegien bestünden aus Lehrern, die aus der eigenen Schulzeit schöpfen, danach studiert haben und dann wieder in der Schule arbeiten, sagt Eberl. Es sei wichtig, dass die Seiteneinsteiger lernen und ausprobieren, wie man guten Unterricht macht, ob in Form von Partnerarbeit, Gruppenarbeit oder Projektunterricht.

Zertifikate sollen helfen

Die kommenden Seiteneinsteiger sollen ein Zertifikat erhalten, das vom Thüringer Bildungsministerium anerkannt wird. Angedacht ist eine engere Zusammenarbeit mit dem Institut für Lehrerfortbildung. Doch die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland sieht das Land auch in der Finanzpflicht. Lehrerausbildung sei Aufgabe des Staates, sagt Vorstandschef Marco Eberl.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. Juni 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2019, 08:57 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

8 Kommentare

06.06.2019 13:00 X @Birgit Schwarz Keiner 8

Die sachgrundlose Befristung wurde in Thüringen bereits seit längerem abgeschafft. Das ihre Referendare diese angeboten bekommen haben, glaube ich nicht. Desweiteren hat die Einstellung von Quereinsteigern nichts mit Geld sparen zu tun, sondern um Unterricht zu gewährleisten. Den Lehrermangel, der über viele Jahre erst aufgebaut wurde, ist in absehbarer Zeit überhaupt nicht abzubauen. Das betrifft übrigens ganz Deutschland.
Bringen Sie doch einfach mal konkrete Vorschläge. Wo bitte war Ihre Lehrerschaft die letzten zehn Jahre, als Personal in Massen abgebaut wurde? Irgendwelche Proteste? Genau nix.

06.06.2019 07:53 Jana 7

Bildung ist in unserem Land nicht mehr gewünscht. Und das merkt man. Das Gleiche gilt für gegenseitige Rücksichtnahme und Respekt. Wie unser Land in 20 Jahren aussieht, mag ich mir nicht vorstellen. Solch ein heilloses Chaos gab es noch nie.

Mehr aus der Region Weimar - Apolda - Naumburg

Mehr aus Thüringen

Thüringen

Ein Waschbär zwängt seinen Kopf unter einer Scheibe an einer Haltestelle durch. 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK