Wirtschaft Masken statt Kaschmirpullis: Wie die Textilbranche auf Corona reagiert

Bekleidungshersteller halten sich in der Corona-Krise mit der Maskenproduktion über Wasser. Wenn die Pandemie vorbei ist, erwartet die Branche tiefgreifende Änderungen: Niemand werde mehr weit im Voraus ordern.

Gerald Rosner, Geschäftsführer der Apoldaer Strickchic GmbH
Gerald Rosner ist Geschäftsführer der Apoldaer Strickchic GmbH. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Klare, strahlende Farben, große Muster, Blumen, Military Look - das ist jetzt Trend. Doch auf Mode haben in der Corona-Kreise nur wenige Lust. "Normalerweise stricken wir Kollektionen für prominente Designer", sagt Gerald Rosner, Geschäftsführer der Apoldaer Strickchic GmbH. Die aber bestellen momentan nichts, weil auch ihre Geschäfte geschlossen sind und der Umsatz fehlt. So ist bei Strickchic das Geschäft mit der Auftragsproduktion mit Beginn der Corona-Krise um bis zu 30 Prozent eingebrochen.

Maskenproduktion schnell angelaufen

eine Näherin
Produktion bei Strickchic in Apolda: Die Masken hier werden genäht, nicht gestrickt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Dass Rosner seine 25 Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken muss, liegt an der Maskenproduktion. "Nein", sagt er lachelnd, "sie werden nicht gestrickt, auch wenn wir das wirklich probiert haben".

Das Unternehmen hat Baumwollstoff und Polypropylen für die Innenseite der Masken gekauft und produziert am Tag rund 200 Stück. Strickchic wäre nicht ein Modeunternehmen, würde es nicht auch hier Masken mit dem modischen Pfiff fertigen. Sie sind weiß mit schwarzen Gummibändern. Komplett einstellen musste Strickchic seine Kaschmirproduktion. "Nicht einen einzigen Pullover können wir im Moment stricken. Es fehlt das Garn", sagt Rosner. Das Kaschmir kommt aus Italien. Die Italiener beziehen es aus Bulgarien. Die Lieferkette ist abgebrochen.

Großer Einschnitt in der Modewelt

Katrin Sergejew
Katrin Sergejew Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch beim Apoldaer Designlabel Kaseee rettet sich Unternehmerin Katrin Sergejew mit der schnell aufgenommenen Maskenproduktion über die Runden. Sie hat mit ihren sechs Mitarbeitern unter anderem für die Stadtwerke in Eisenberg, für Seniorenheime und für die Initiative "Innenstadt" in Jena genäht. "Statt eines Kleides kaufen die Leute eben Mundbedeckung", sagt sie. Die Designerin erwartet einen großen Einschnitt in der Modewelt nach Corona: Die langen Vorbestellungszyklen wird es künftig nicht mehr geben.

Mundschutz als Accessoire

Davon ist auch die Erfurter Modeunternehmerin Annette Bendler überzeugt. "Die Modewelt wird sich nach Corona völlig ändern", schätzt sie - und ist froh darüber.

"Normalerweise würde im April/Mai die Pre-Fall-Kollektion ausgeliefert, die Vorboten der Herbstkollektion. Das braucht nun wirklich kein Mensch, das ist unakzeptabel und unzeitgemäß", so Bendler. Der Bestellrhythmus werde nach Corona endlich an die Bedürfnisse der Einzelhändler und der Kunden angepasst. Das sei längst überfällig. "Jetzt ist es Zeit umzudenken". So sei ihre Frühjahrskollektion im Dezember 2019 ausgeliefert worden, so eine lange Vororder wird nach Corona-Geschichte sein, hofft sie. Nach den Erfahrungen in der Corona-Krise werde sich kein Händler mehr Kollektion der übernächsten Saison ins Lager legen. Eines aber wird wohl das Accessoire der nächsten Modenschauen: Mundschutz. Der wird dann passend zum Anzug oder Kleid verkauft.

Technische Textilien nicht gefragt

Während die Modehersteller auf die Krise schnell und flexibel reagieren konnten, stehen die Hersteller technischer Textilien nach Angaben des Verbandes der Nordostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie vor einem Scherbenhaufen.

Portrait von Jenz Otto
Jenz Otto, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V. Bildrechte: vti

"Sie leiden darunter, dass die Autoindustrie still steht", sagt Hauptgeschäftsführer Jenz Otto. Die Thüringer Mode- und Textilbranche brauche die Hilfe der Bundespolitik. Um dauerhaft Sicherheits- und Schutztextilien wie Masken zu produzieren, müsste der Zugang zu Zertifikaten erleichtet und der Aufbau teurer Vertriebswege finanziell unterstützt werden. So gäbe es in Deutschland nur drei Institute, die medizinische Masken zertifizieren. Sie seien heillos überlastet. "Wer seine Produktion auf Schutzkleidung umstellt, muss wissen, dass ihm die Ware dauerhaft und zu einem Preis abgenommen wird, mit dem er in Deutschland seine Mitarbeiter bezahlen und das Unternehmen am Markt halten kann", so Otto. In der Thüringer Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten rund 2.500 Beschäftigte - viele von ihnen jetzt in Kurzarbeit.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 19. April 2020 | 12:00 Uhr

10 Kommentare

Kritiker vor 16 Wochen

Textil.-& Bekleidungsindustrie (ohne technische Produkte für Auto usw.) 2014 rund 32 Mrd. € Umsatz. Rechnet man davon Belegschaftskosten, Technisch notwendige Ausgaben usw. ab, wie viel Gewinn blieb aus 2014 für diese Branche übrig? Vom Textilhandel mit 94,5 Mrd. € ganz zu schweigen! Wer hat dabei/davon im Einzelnen das Meiste verdient oder besser bekommen? Spekulativ ausgeführt: Würde man als Unternehmen nur die Hälfte der Gewinne in Zukunftsrücklagen stecken, könnten solche finanziellen Engpässe jeglicher Ursache und Art, wie die jetzige, sicher umgangen werden ohne den Ruf nach "Stütze" vom Bund und somit von Steuerzahlern, wegen teure Vertriebswege.

Kritiker vor 16 Wochen

+... Eines aber wird wohl das Accessoire der nächsten Modenschauen: Mundschutz. Der wird dann passend zum Anzug oder Kleid verkauft....+
Mundschutz bei den nächsten Modeschauen??? Zu Anzug oder Kleid passender Mundschutz? Auch Corona wird einmal sein Ende haben und bis dahin wird es sicherlich nicht all zu viele Modenschauen geben. Jeder sollte erst einmal abwarten, wie teuer die Alltagsausgaben für Bürger nach Corona werden. Bleibt die Feststellung: Wie viel wird oder kann sich ein einfacher Bürger dann noch für passende Kollektionen in der Mode an Geld leisten? Das die Alltagskosten steigen sei so sicher wie das Amen in der Kirche. So sind solche Hoffnungen, wie hier im Artikel angeführt, erst einmal fraglich in der Umsetzbarkeit.

Kritiker vor 16 Wochen

@Critica: LEIDER, ja so ist die Wettbewerbswirtschaft. Die Unternehmen samt Führungsebenen denken zu oft erst an sich und dann irgendwann mal an die Mitmenschen. Von Rücklagen aus den einzelnen Gewinnen über Jahre oder Jahrzehnte ganz zu schweigen. Warum denn Rücklagen, das Geld muss zu oft in Luxus leben ermöglichen auch wenn dazu nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen dieses Landes seinen Nutzen hat. Dafür steht finanziell dann eben der Bund=die Politik(er*innen) ein mit neuen Schulden, die von Bürgern und deren Steuerabgaben zum größten Teil wieder eingebracht werden müssen, während die Führungskader gerade der großen Unternehmen oft =zu oft= nur an sich denken. Die Politiker*innen verstehen sicher vieles, nur haben sie keinen Einfluss auf die =FREIE MARKTWIRTSCHAFT= und das bedeutet, es gibt Gewinner und Verlierer. Wer im Einzelnen dazu gehört, dass bringt ja diese Pandemie sehr deutlich zum Vorschein. Weiter muss dazu nichts mehr geschrieben werden.

Mehr aus der Region Weimar - Apolda - Naumburg

Mehr aus Thüringen

Sechs Personen stehen neben einem Testgerät auf einem Feld. 1 min
Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Beim Bewirtschaften von Acker und Feld entstehen neben Kohlendioxid noch andere Treibhausgase - zum Beispiel Lachgas. In Buttelstedt wird getestet, wie dessen Produktion eingeschränkt werden kann.

Fr 14.08.2020 15:15Uhr 01:09 min

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/apolda-weimarer-land/video-lachgas-feld-buttelstedt-weimarer-land-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Ausgrabungen in Eisfeld 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Umgebung von Eisfeld im Kreis Hildburghausen war viel früher besiedelt als bisher angenommen. Das zeigen neue Ausgrabungen.

Fr 14.08.2020 14:45Uhr 00:28 min

https://www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/hildburghausen/video-eisfeld-ausgrabungen-kelten-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Ein Feuerwehrmann löscht von einer Drehleiter aus einen Brand in Sonneberg. 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

In Sonneberg hat es durch einen Brand in einer Werkstatt eine massive Rauchentwicklung gegeben. Zeitweise galt eine amtliche Warnmeldung für die Gegend.

Fr 14.08.2020 08:59Uhr 00:40 min

https://www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/sonneberg/video-brand-sonneberg-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video