Nach Schulbusunfall Unaushaltbares aushalten: Notfallseelsorger über die Arbeit bei dramatischen Unglücken

Nach schweren Unglücken wie dem Schulbusunfall am Donnerstag in Thüringen offenbaren sich Feuerwehrleuten, Sanitätern und Polizisten dramatische Bilder, Angehörige und Freunde erhalten schmerzhafte Botschaften. In solchen Situationen sind Notfallseelsorger zur Stelle, um erste Stütze zu sein und beim Verarbeiten helfen zu können. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen: Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka über seine Arbeit und wozu er nach einem solchen Unfall rät.

von Michael Frömmert

Ulrich Matthias Spengler, Evangelischer Pfarrer in Bad Berka und Notfallseelsorger
Ulrich Matthias Spengler ist Pfarrer in Bad Berka und Notfallseelsorger im Weimarer Land. Bildrechte: MDR/Ulrich Matthias Spengler

Herr Spengler, es gibt immer wieder schwere Unfälle mit zum Teil erschütternden Bildern. Können Sie da als Seelsorger das Berufliche professionell trennen oder geht Ihnen das auch noch nahe?

Ulrich Matthias Spengler: Das geht mir auch nahe. Da ist dieser doppelte Schritt, dass ich nicht einfach der coole Macher bin, sondern auch der Mensch, der betroffen ist - und dann aber, wenn ich gebraucht werde, anders agieren kann. Das ist auch die Kombination in einem Pfarramt: Dass man ein Mensch mit Gefühlen ist und nah bei den Menschen sein kann, aber eine Funktion erfüllt. Wenn ich ein kleines Kind beerdigen muss, dann ist meine Aufgabe, Stütze für die Angehörigen zu sein. Da kann ich nicht in Tränen zerfließen, dafür brauche ich einfach andere Orte.

Die Helfer begeben sich bewusst in schwere Situationen. Wie können sie sich auf so etwas vorbereiten?

Also, es gibt die mentale Vorbereitung: Die Bilder, die jetzt kommen, werden eine Herausforderung. Durch die Tatsache, dass ich damit rechne, gehe ich anders heran. Wir haben in der Begleitung von Menschen oft die Erfahrung gemacht, dass die überraschende Konfrontation sehr tief geht. Zur Illustration eine Geschichte von einem schweren Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer: Die Einsatzkräfte haben das sehr professionell, distanziert erledigen können. Sie haben den Verstorbenen geborgen und er ist in einen Sarg gekommen. Und dann geht eine Einsatzkraft noch einmal an der Unfallstelle vorbei - und es liegt vor einem Auto ein Finger. Und der Finger hat der Person die Beine weggezogen. Weil das passte nicht mehr. Das gehörte da nicht hin. Das war unvorbereitet. Die anderen Bilder waren eigentlich schlimmer, aber das war diese Schocksituation.

Kerzen und Blumen vor einem Baum abgelegt
Kerzen und Blumen an der Unfallstelle in Berka vor dem Hainich. Bildrechte: MDR/Oliver Gussor

Daneben hat jeder auch so seinen Modus, sich noch einmal umzuziehen, weil die Kleidung eine Rolle schafft. Wenn ich meine Notfallseelsorge-Weste überziehe, bin ich nicht mehr Herr Spengler, sondern der Notfallseelsorger und mache die Rolle damit optisch deutlich. Das ist ein Teil der Vorbereitung. Dazu gehört auch, etwas zu trinken und zu essen, damit man physisch durchhält.

Gibt es auch Kurse, in denen man auf so etwas vorbereitet wird?

Ja, das gibt es. Wer als Notfallseelsorgender arbeitet, muss eine Ausbildung absolvieren, in der die Grundlagen gelehrt werden: Was ist Tod, was ist Sterben? Wie agiere ich an dem Ort, an dem es nötig ist? Dann auch Selbstschutz und psychische Gesundheit: Wie gehe ich nach dem Einsatz damit um? Da ist es ganz wichtig zu wissen, welche Dinge mir guttun. Schwimmen, mit dem Hund raus, einen schönen Film gucken, ein klassisches Konzert hören, in die Wanne legen. Da hat so jeder seins.

Für Außenstehende ist die Aufgabe nur schwer nachvollziehbar. Umso interessanter ist die Frage: Wie wird man denn eigentlich Notfallseelsorger?

Manche werden es durch solche Bilder. Die sagen: Das ist so schlimm, was da passiert, den Leuten muss man doch helfen. Manche haben einfach einen Faible, sich anderen Leuten zuzuwenden. Wir haben einige, die in den letzten Jahren des Berufslebens sind und sagen, ich habe freie Kapazitäten, ich würde gern etwas Sinnvolles tun. Wir haben auch schon Menschen ausgebildet, die selber Schweres erlebt haben, dabei gute Erfahrungen gesammelt haben und sagen: Mir ist das zuteilgeworden, das will ich gern weitergeben. Es gibt aber zuvor ein Bewerbungsgespräch. Und eine Frage dabei betrifft eigene Erfahrungen mit Sterben und Tod im näheren Umfeld, weil man da genau schauen muss, ob dieses Erlebnis fruchtbringend ist oder mich eher ausbremst.

Wartburgkreis Busunfall in Berka vor dem Hainich

Bei einem Busunfall im Wartburgkreis sind zwei Kinder getötet worden, 20 weitere wurden verletzt. Offenbar rutschte der Schulbus von der Straße, überschlug sich und landete in einem Graben.

Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
Beim Unfall eines Schulbusses in Berka vor dem Hainich im Wartburgkreis sind zwei achtjährige Kinder, ein Mädchen und ein Junge, ums Leben gekommen. Bildrechte: MDR/WichmannTV
Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
Beim Unfall eines Schulbusses in Berka vor dem Hainich im Wartburgkreis sind zwei achtjährige Kinder, ein Mädchen und ein Junge, ums Leben gekommen. Bildrechte: MDR/WichmannTV
Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
20 weitere wurden verletzt, fünf von ihnen schwer. Bildrechte: MDR/WichmannTV
Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
Insgesamt befanden sich 22 Kinder im Alter zwischen acht und elf Jahren in dem Bus. Bildrechte: MDR/WichmannTV
Polizisten sperren eine Straße
Zur Unfallzeit gegen 7:30 Uhr herrschten Nebel und Straßenglätte. Der Bus musste eine Senke durchqueren, die mit Granit gepflastert ist. Bildrechte: MDR / Paul-Philipp Braun
Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
Das Fahrzeug rutschte von der Straße, überschlug sich und landete in einem Graben. Bildrechte: MDR/WichmannTV
Verunglückter Bus in Berka vor dem Hainich
Wie die Feuerwehr mitteilte, wurden die beiden toten Kinder gefunden, als der Bus angehoben wurde. Bildrechte: MDR/Heidje Beutel
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Angesichts der Belastung: Gibt es einen Personalengpass bei der Notfallseelsorge?

Wir haben da durchaus noch Bedarf. Unser Team hier ist handlungsfähig, aber wir könnten noch ein paar mehr dazubekommen, einfach um das System noch stabiler aufzustellen. Viele von uns sind noch berufstätig und können nicht in jedem Fall so spontan weg, wie es nötig ist. Dazu kommt: Notfallseelsorge und Einsatzkräfte-Nachsorge kommen immer mehr ins Bewusstsein. Vor ein paar Jahren war das noch ein bisschen exotisch. Inzwischen werden wir häufiger gerufen. Und die Schadenslagen sind häufig so, dass man es nicht alleine handhaben kann. Bei einem Busunfall könnte man ja durchaus sechs oder acht Leute brauchen. Man braucht jemanden für die Angehörigen, die Familien und die Kinder, die unverletzt geblieben sind. Für sie ist das ja auch einen ganz schlimmes Trauma.

Was wird nach so einem Unglück mit den Kindern oder Eltern gesprochen oder getan? Trost spenden, Fragen beantworten?

Genau diese Dinge. Das erste ist: da sein. Das ist ein ganz großer Faktor, einfach zu sagen: Ich lasse Sie in dieser Situation nicht allein. Sie müssen jetzt gerade eigentlich Unaushaltbares aushalten und ich bin mit dort. Und das ist schon eine ziemliche Herausforderung, so ein bisschen Prellbock sein zu können. Das sie vielleicht weinen, schreien oder immer wieder die Frage stellen: Warum mein Kind? Wofür werde ich bestraft? Diese Dinge einfach aushalten. Da habe ich es schon gehabt, dass ich bei einer Familie eine reichliche halbe Stunde einfach gesessen habe, nichts gefragt, nichts gesagt. Ich war einfach da und sie haben es in meiner Gegenwart rausgelassen. Und dann trat eine Phase ein, wo Fragen kamen. Und dann sieht man zu, dass man als Notfallseelsorger relativ gut aussagefähig ist, dass man auch ein bisschen Manager ist, Fragen beantwortet und dann Impulse gibt, wie es weitergehen kann. Wir sind in der Situation da, solange es nötig ist. Das kann eine halbe Stunde sein, das können aber auch acht Stunden werden.

Es war jemand da und hat dem Toten Würde gegeben.

Ulrich Matthias Spengler

Ein ganz wichtiger Schritt ist auch, den Menschen zu helfen, die Situation zu begreifen - also zum Beispiel zu sagen: Rufen Sie jetzt Ihre Schwester an und sagen: Mein Kind ist tot. Und das auch wirklich aussprechen, weil das hilft, es zu begreifen. Wir sind in der Regel so gestrickt, dass wir gerne anderen Menschen in solchen Situationen etwas abnehmen. Das ist aber kontraproduktiv. Es ist viel wichtiger, mit Fragen und Impulsen zu helfen, selber zu handeln, um lebensfähig zu bleiben.

Ein Bereich im Vorfeld ist auch die Totenwache. Wenn die Toten geborgen werden, sind nicht sofort Leichenwagen da, und sie werden an einem Ort abgelegt. Und dann ist - wenn wir das Personal haben - ein Notfallseelsorger da, der bei diesem Verstorbenen Wache hält. Das ist für die Angehörigen etwas ganz Wichtiges, wenn sie erfahren: Das Kind oder der Mann ist nicht einfach in den Straßengraben gelegt worden, sondern es war jemand da und hat ihm Würde gegeben, ihn begleitet.

Wenn Sie auf das direkte Umfeld schauen: Was können Sie Angehörigen, Freunden und Kollegen mit auf den Weg geben in so einer Situation? Wie können sie helfen?

Aufmerksam sein. Verändert sich die Person? Einem befreundeten Feuerwehrmann habe ich zum Beispiel gesagt: Nach dem, was heute passiert ist, ist es möglich, dass dein Körper darauf reagiert. Dass du Kopfschmerzen kriegst, dass dir übel ist, dass du erbrechen musst, dass du das Gefühl von Herzrasen hast. Das ist eine normale körperliche Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Und wenn so etwas auftritt, braucht man keine Panik zu kriegen.

Und dann ist es wichtig, Tipps zu geben, dass die Personen ihren Tagesablauf fortsetzen, wie sie es gewohnt sind. Selbst wenn sie nicht müde sind, sich zum Beispiel wie immer abends um zehn hinzulegen, sodass der Körper ein stabiles Gerüst kriegt. Dann ist ganz wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Ein Trauma löst Prozesse aus, die das Gehirn belasten. Und wenn man genug trinkt, werden die chemischen Substanzen leichter abgebaut und man kriegt wirklich den Kopf wieder freier. Und dann ist es hilfreich, sogenannte "fröhliche Lebensmittel" zu sich zu nehmen, die die Serotonin-Produktion fördern. Also Nüsse, Schokolade, Obst, Käse, Milch, Körner. Die tun unserem Körper gut, Stichwort Studentenfutter. Außerdem Sport treiben: Es ist unglaublich, wie körperliche Bewegung unserem Gehirn guttut.

Und dann anbieten, da zu sein. Manchen tut es gut zu sagen: Los komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen, und du kannst quatschen und ich höre dir zu. Und ich höre mir die Geschichte auch dreimal an, wenn das gut tut. Aber sich nicht aufdrängen, sondern sagen, ich bin für dich da. Wenn du lieber allein sein willst, ist das dein gutes Recht. Dennoch wachsam sein, ob eine Person anfängt, sich zu verändern. So ein Trauma kann zu einer posttraumatischen Belastung werden und im schlimmsten Fall zu einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist dann eine psychische Erkrankung, wo psychologische beziehungsweise psychiatrische Hilfe nötig ist. Aber das ist nicht die Regel. Die Regel ist, dass unsere eigenen Schutzmechanismen relativ gut funktionieren. Das kann man im Umgang mit Feuerwehrleuten ganz oft hören. Die sagen: Wenn ich abends unter der Dusche stand, mein Bier getrunken und mit Leuten geredet habe, komme ich damit schon ganz gut zurecht. Das kann man Betroffenen auch als Ermutigung mitgeben, damit nicht so ein Angstszenario aufgebaut wird.

Sie erleben in diesen Situationen viel Unglück. Haben Sie selber einen Glücksbringer oder ein Glücksritual?

Ich bin Pastor und nehme meinen Glauben auch sehr ernst, ich habe da die Rückbindung. Aber einen Glücksbringer habe ich nicht. Was sehr häufig hilfreich ist, ist ein Engel. Er ist ziemlich international, überreligiös - aber nicht als Glücksbringer, sondern eher als das Gefühl, dass ein guter Engel für die Menschen da ist. Das kann auch eine Person sein, die sie jetzt begleitet. Aber auch, dass man etwas zum Festhalten hat. Es hilft Angehörigen, einfach etwas in der Hand zu haben. Bei Menschen aus einem christlichen Kontext spreche ich auch mal ein Gebet. Aber das mache ich sehr, sehr behutsam. Manchmal nehme ich auch eine Kerze, um zu sagen: Ich wollte ihnen ein kleines Licht in diese Dunkelheit bringen, in der Sie sich gerade befinden.

Wenn man als Notfallseelsorger so einen schweren Einsatz und die Betroffenheit miterlebt hat, braucht man auch eigene Rituale und Methoden, das selber zu verarbeiten. Und da kann es mal hilfreich sein, an der Trauerfeier teilzunehmen, um es für sich selbst abzuschließen und zu sagen: Jetzt trete ich dann eben nicht in blauer oder violetter Weste als Notfallseelsorger auf, sondern kann einfach dabei sein und meine eigene Traurigkeit und die Erschütterung mit da lassen, um dann wieder meiner Wege zu gehen.

Zur Person Ulrich Matthias Spengler, geboren 1965, ist evangelischer Pfarrer in Bad Berka. Er ist außerdem Leiter des Notfallseelsorge-Teams Weimar, das sich in Trägerschaft der Johanniter befindet und von Evangelischer Kirche und Stadt Weimar unterstützt wird. Zusätzlich zur Notfallseelsorge ist er auch in der Einsatzkräftenachsorge und der Polizeiseelsorge tätig.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 24. Januar 2020 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2020, 16:28 Uhr

1 Kommentar

Horst Schlaemmer vor 9 Wochen

Ich habe einfach nur Hochachtung vor Herrn Spengler und allen anderen Notfallseelsorgern in unserem Land für allen Beistand in schwersten Augenblicken und ihren (meist ehrenamtlichen) Dienst an Opfern, Hinterbliebenen und Einsatzkräften.

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