Interview zum Saisonstart RSB Thuringia Bulls: "Das Crowdfunding hat uns den Arsch gerettet"

Am 31. Oktober startet - Stand Montag - die Rollstuhlbasketballbundesliga (RBBL) in die neue Saison. Doch die Vorfreude bei den RSB Thuringia Bulls, dem Serienmeister aus Elxleben, ist getrübt: Corona stellt den Verein vor finanzielle Probleme und zugleich musste der Doublesieger wichtige Spieler abgeben. Es wird in vielerlei Hinsicht eine richtungsweisende Spielzeit.

Rollstuhlbasketballer am Spielfeldrand
Wohin geht die Reise? Die RSB Thuringia Bulls stehen in der Saison 2020/21 vor vielen Herausforderungen. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Eigentlich müsste bei den RSB Thuringia Bulls alles eitel Sonnenschein sein: Die Elxlebener sind die beste Rollstuhlbasketballmannschaft Europas, haben mit aktuell 60 gewonnenen Pflichtspielen in Folge einen Weltrekord inne, den sie noch weiter ausbauen können, und sind laut Trainer Michael Engel auf dem Mount Everest angekommen. Trotzdem steht die neue Saison unter einem ungünstigen Stern: Corona hat dem Verein finanziell stark zugesetzt, zugleich werden ihm die Corona-Hilfen der Landesregierung versagt. Darüber hinaus haben drei wichtige Spieler den Verein verlassen. Alle Anzeichen stehen auf Umbruch und doch ist die Lust auf Basketball ungebrochen. In Elxleben haben wir Manager Lutz Lessmann und Trainer Michael Engel vor dem Saisonstart zum Interview getroffen.

Manager Lutz Lessmann (li) und Trainer Michael Engel
Manager Lutz Lessmann und Trainer Michael Engel gehen mit viel Optimismus in die neue Saison. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Ende März habt ihr euren vierten Meistertitel gewonnen - den dritten in Folge - aber trotz einer sportlich makellosen Saison war das sicher nicht zufriedenstellend für euch. Denn aufgrund der abgebrochenen Saison wurde euch der Titel frühzeitig zuerkannt. Wie hat es sich angefühlt, ohne Finale Meister zu werden?

Engel: Gute Frage… Wir haben am 1. März das Pokalfinale gespielt und gewonnen und hätten wir damals gewusst, dass es unser letztes Spiel gewesen ist, hätten wir das nächste Restaurant angesteuert und es leergemacht. Das haben wir leider nicht, weil wir wenige Tage später Champions League spielen sollten - aber dann hat sich die Welt verändert. Die Meisterschaft war verdient. Wir sind in allen Spielen der Hauptrunde ungeschlagen geblieben und insofern fühlte es sich nicht so an, als wenn uns das Ding jetzt geschenkt worden wäre. In emotionaler Hinsicht war es aber natürlich nicht vergleichbar, weil dann Ende März ganz andere Dinge wichtig waren.

Corona hat die Gesellschaft, den Sport und dementsprechend auch den Rollstuhlbasketball ziemlich auf den Kopf gestellt. Wie geht ihr mit dieser Situation um?

Engel: Ich glaube, es ist wichtig, zwei Dinge zusammenzubringen: Man muss realistisch genug sein, um zu wissen, dass auch die neue Saison jederzeit abgebrochen werden kann. Gleichzeitig müssen wir optimistisch bleiben, damit wir uns auch motivieren, an unser Leistungslimit zu kommen. Wir freuen uns über jedes Training, das möglich ist, und leben im Moment. Und ich glaube, dass wir als Gesellschaft zu oft in die Vergangenheit und zu oft in die Zukunft schauen und uns damit die Gegenwart vermiesen.

Lessmann: Als am 18. März gesagt wurde, ihr müsst die Tür zuschließen, da hat keiner von uns gedacht, dass wir im Oktober noch Zustände haben, die alles Bisherige infrage stellen - heute sogar mehr infrage stellen als damals. Und wir müssen aufpassen, dass Kultur, Messen, Sport und alles, was unser Leben schön gemacht hat, dass uns das nicht unter den Händen weggleitet. Die Gefahr besteht und ich habe Angst, dass bei nicht einkehrender Vernunft der Kitt in unserer Gesellschaft ganz und gar verlorengeht.

Auch wenn ihr seit ein paar Jahren die erfolgreichste Basketballmannschaft des Landes seid, wart auch ihr auf Hilfen angewiesen. Ihr habt 80.000 Euro durch eine Spendensammlung eingenommen und Corona-Hilfen beantragt. Wie sicher ist die wirtschaftliche Zukunft der Thuringa Bulls?

Lessmann: Das Crowdfunding hat uns sehr geholfen, um es auf gut Deutsch zu sagen: Es hat uns den Arsch gerettet! Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei allen bedanken, die uns dabei unterstützt haben. Das war großartig! Eine maßlose Enttäuschung waren hingegen die Corona-Hilfen der Landesregierung. Wir sind wahrscheinlich das einzige Profi-Sportteam in Thüringen, das nichts bekommt. Unser Antrag wurde abgelehnt, weil Reha-Sport-Bildung e.V., der Trägerverein der Thuringia Bulls, nicht antragsberechtigt ist. Da geht es auf der ersten Stufe um 78.000 Euro und auf der zweiten um 170.000 Euro. Geld, das uns und auch den Spielern fehlt. Einer der Hauptpfeiler unserer Arbeit ist die Schooltour. Momentan können wir aber nicht in die Schulen gehen und alle Spieler, die über dieses Projekt Geld verdienen, haben gerade keine Arbeit. Das Problem ist halt, dass wir nicht beeinflussen können, wann es da weitergeht oder ob das Ministerium ein Einsehen hat. Wir schieben die Mittel so gut es geht von links nach rechts, sorgen dafür, dass alle Spieler versorgt sind, und konzentrieren uns auf das, was wir beeinflussen können: das Sportliche.

Konzentrieren auch wir uns auf das Sportliche: Am 31. Oktober soll das erste Spiel gegen die Skywheelers aus Frankfurt stattfinden, wie ist die Saisonvorbereitung gelaufen?

Engel: Ehrlich gesagt hatte ich als Trainer zum ersten Mal eine richtige Saisonvorbereitung: Normalerweise sind im Sommer EM, WM oder Paralympics und zwei Wochen später geht die Saison los. Insofern waren die letzten sieben Wochen großartig, aber auch nötig. Corona hat vielerorts die Sporthallen dichtgemacht. Die Athleten konnten also nicht trainieren und die Grundlage für ihre Arbeit schaffen. Nach so einer langen Pause ist die Trainingssteuerung enorm wichtig. Jetzt ist es noch eine Woche bis zum ersten Spiel, wir sind wieder fit und müssen jetzt vor allem am Zusammenspiel arbeiten.

Es geht ohne Zuschauer in die neue Saison. Das ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern auch einen psychologischer. Wer eure Heimspiele erlebt hat, weiß, wie sehr die bis zu 400 Fans die Mannschaft antreiben. Seid ihr ohne Zuschauer schlagbarer für andere Teams?

Engel: Das wird man sehen, aber ich denke, im Spiel ist es nur eine Frage der Umgewöhnung. Davon abgesehen werden uns unsere Fans natürlich sehr fehlen und fehlen uns schon jetzt. Es ist einfach eine geile Atmosphäre hier in der Halle vor ausverkaufter Tribüne zu spielen. Wir sehen es jetzt als unsere Pflicht an, nicht emotionsloser zu werden und weiter Rollstuhlbasketball mit Herz zu spielen. Wir spielen für die Leute da draußen und für die Region. Wir haben dafür auch extra einen Livestream installiert, damit die Leute so nah dabei sein können wie möglich.

Ihr habt in der Sommerpause die Mannschaft umbauen müssen. Drei Spieler haben euch verlassen, darunter die beiden Ausnahmeathleten Matt Scott und Jake Williams. War ihr Abgang nicht zu verhindern?

Engel: Rollstuhlbasketball ist keine typische Profi-Sportart, wo mehrjährige Verträge unterschrieben werden. Bei uns kann jeder von Jahr zu Jahr frei entscheiden, wo er spielen will. Wir sind allen dreien - Teemu Partanen wird da schnell vergessen, der über Jahre geholfen hat, diese Mannschaft aufzubauen - sehr dankbar für die geile Zeit, die wir hatten. Man muss aber auch sehen: Sieben Spieler, die hier Meister, Pokal- und Champions-League-Sieger geworden sind, wollten bleiben. Und die sind nicht geblieben, um Vierter oder Fünfter zu werden! Trotzdem müssen wir auch ein bisschen demütig sein: Wir haben 60 Spiele in Folge gewonnen, haben alles geholt, was es im Rollstuhlbasketball zu holen gibt, wir sind auf dem Mount Everest angekommen. Das heißt nicht, dass wir freiwillig den Abstieg beginnen. Wenn wir am Ende der Saison in den Spiegel schauen können und wissen, wir haben das Maximum gegeben, dann sind wir zufrieden - mit oder ohne Titel.

Hat Corona auch den Transfermarkt beeinflusst?

Engel: Auf jeden Fall. Geld spielt im Rollstuhlbasketball zwar keine wesentliche Rolle, aber jeder Sportler hat natürlich auch miterlebt, wie Corona ganze Lebensmodelle verändert hat. Da fragt sich jeder, wie stelle ich mich für die Zukunft auf, was ist, wenn es mit dem Sport mal zu Ende ist? Hier verdient keiner so viel Geld, dass er nach seiner Karriere abgesichert wäre, wie das zum Beispiel im Fußball ist. Dazu kommt der Standort-Nachteil, den wir hier in Elxleben haben. Elxleben und Thüringen sind wunderschön, aber wir kämpfen mit den Metropolen Europas und der Mittelmeerküste auf dem Transfermarkt. Wenn Geld keine Rolle spielt, ist der Standort natürlich ein Faktor. Wir definieren uns über den Sport und trainieren einfach sehr, sehr, sehr, sehr viel. Spieler, die zu uns kommen, wissen: Bei den Thuringia Bulls wird Erfolg erarbeitet.

Ihr habt mit Helene Freeman, Marie Kier und Ian Pierson drei neue Spieler bekommen. Die Britin Freeman ist so etwas wie der Königstransfer und gehört zur Weltklasse, mit Pierson kommt ein wurfstarker Guard und mit der 20-jährigen Kier kommt ein Nachwuchstalent. Wie zufrieden seid ihr?

Lessmann: Wir haben selten fertige Spieler geholt und haben schon immer Spieler entwickelt. Das haben wir bei Alex Halouski geschafft und um ihn herum haben sich andere zur Weltklasse entwickelt: Denken wir nur mal an Jitske Visser und Karlis Podnieks, die wohl besten Lowpointer der Welt. Und ich bin mir sicher, wenn Ian Pierson den Weg geht, den er gehen kann, werden sich viele Vereine fragen, warum haben wir den nicht geholt? Helen Freeman war eine Idee von Michael, sie hatte sofort Lust, bei den Bulls mitzuspielen. Sie hat große Klasse, hat aber durch Corona sieben Monate nicht trainieren können und wird langsam ans Team herangeführt. Und Marie Kier ist ein Neuling. Sie hatte 2019 einen schweren Turnunfall und sucht im Rollstuhlbasketball ein neues Zuhause. Sie ist Leistungssportlerin durch und durch und bringt den Willen mit, den es braucht, um erfolgreich zu sein.  

Engel: Eigentlich müssen wir Hubert Haber noch dazuzählen, der ja Mitte letzter Saison dazugekommen ist und eigentlich auch noch ein Neuzugang ist. Das Wichtigste ist, dass alle vier Mut haben. Sie haben den Mut, zum Champions-League-Sieger zu kommen und sich der Herausforderung zu stellen, es hier mit den Besten aufzunehmen. Da ziehe ich den Hut vor.

Lessmann: Es gibt ja zwei Spielertypen: Die, die den Mut haben ins Haifischbecken zu gehen, und die, die den Mut haben, ins Haifischbecken zu gehen, um selbst zum Haifisch zu werden. Und jeder, der hierherkommt, will ein Haifisch werden.

Engel: Haifisch oder Bulle, ich nehme beides (lacht).

Zum Abschluss noch die Frage: Was erhofft ihr euch von der Saison?

Engel: Vor allem hoffen wir, dass wir spielen werden.

Lessmann: Ja, mehr erhoffen wir uns gar nicht. Wenn wir eine Saison spielen dürfen und es hoffentlich auch wieder Play-Offs und Finals gibt, dann ist das das Größte für uns alle hier im Verein und für den Rollstuhlbasketball selbst.

Vielen Dank für das Interview.

Besonderheiten des Rollstuhlbasketballs Spielzeit, Punkte, Spielfeldgröße, Teamstärke und diverse Regeln sind identisch zum Fußgänger-Basketball. Im Wesentlichen ist der Rollstuhlbasketball aber freier, da sowohl Sportler mit Behinderung als auch Nichtbehinderte mitspielen dürfen und Frauen und Männer im gleichen Team spielen können.

Der wesentliche Unterschied ist ein Klassifizierungssystem, das die Spieler je nach Grad ihrer Behinderung zwischen 1,0 und 4,5 einstuft. Eine Klassifizierung von 4,5 entspricht der geringstmöglichen Behinderung. Nicht beeinträchtigte Menschen werden also mit 4,5 Punkten bewertet. Frauen erhalten einen Bonus von -1,5 Punkten. Diese Klassifizierung ist insofern spannend, da die fünf Spieler, die jedes Team aufs Feld schickt, gemeinsam nur eine Klassifizierung von insgesamt 14 Punkten haben dürfen. Dadurch bekommen die sogenannten "Lowpointer" (1,0 oder 1,5 Punkte) eine besondere Bedeutung für das Team.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 25. Oktober 2020 | 15:19 Uhr

1 Kommentar

Lothar Thomas vor 5 Wochen

Es ist schon traurig, wenn man hier wieder aufs neue sieht, wie ungleich gehandelt wird.

Für eine Fluglinie stehen Milliarden zur Verfügung, wenn es darum geht Flüchtlinge nach DE zu karren und zu alimentieren, da stehen ungeahnte Gelder zur Verfügung.
Sollte es aber einmal die eigene Bevölkerung treffen, die Unterstützung benötigt, dann ist dieser Verein eben nicht berechtigt einen Antrag zu stellen.

Liebe Politiker macht es irgendwie möglich, dass den Bulls in dieser für Alle so schwierigen Coronazeit geholfen wird.
Wenn es um die Rettung einer Bank geht, wo Politiker ihre Konten haben, dann steht auch über Nacht das Geld zur Verfügung.

Vergesst nicht, es kann auch Euch ereilen, dass ihr auf einen Rollstuhl angewiesen seid.

Diese Mannschaft ist nicht irgendwer, diese Mannschaft hat trotz ihres Handicaps hart gekämpft und eine super Leistung erbracht, diese Mannschaft ist WELTKLASSE.


Der Mannschaft wünsche ich viel Erfolg im weiteren sportlichen Wettbewerb,
IHR SEID SPITZE

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