"Die letzte Schicht" Polizisten wegen Vergewaltigung angeklagt - Opfer nicht auffindbar

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
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Im Prozess gegen zwei Polizisten wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung sollen Zielfahnder des LKA das Opfer aufspüren. Die inzwischen 33 Jahre alte Frau soll sich in den Niederlanden aufhalten. Sie ist die wichtigste Zeugin in dem Prozess. Den beiden 23 und 28 Jahre alten Polizisten der Polizeiinspektion Gotha wird Vergewaltigung in besonders schwerem Fall vorgeworfen. Die Männer haben im Prozess bereits den Geschlechtsverkehr eingeräumt, ihn aber als einvernehmlich geschildert.

Angeklagte, Verteidiger und Jusitzmitarbeiter bei Auftakt zu Vergewaltigungsprozess in Erfurt
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Seine letzte Schicht war auch seine "geilste". Das schicke ein 28-jähriger Polizeibeamter nach der Schicht seinem Kollegen. Statt - wie geplant - zum Studium ging er kurz nach dieser Schicht in die Untersuchungshaft.

Vorwurf: Vergewaltigung in besonders schwerem Fall

Seit dieser Woche müssen sich die beiden Beamten wegen Vergewaltigung im schweren Fall vor dem Erfurter Landgericht verantworten. Sie waren im Dienst und sie führten ihre Waffe bei sich, als sie eine heute 33-Jährige vergewaltigten, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Zuvor waren die Frau und ihre Begleiter im Auto kontrolliert worden. Tschechischer Führerschein und polnischer Ausweis der Frau waren offenbar gefälscht. Der Mann hatte verfassungsfeindliche Tattoos. Das Pärchen wurde mit auf die Polizeistation genommen, dort sagte die Frau, sie habe noch Papiere in ihrer Wohnung in Marlishausen. Daraufhin fuhren drei Beamte mit der Frau und ihrem Partner nach Marlishausen. Während ein Beamter mit dem Mann unten blieb, gingen zwei Beamte mit der Frau nach oben. Über das, was dann geschah, gehen die die Aussagen weit auseinander.

Polizisten schildern Geschlechtsverkehr als einvernehmlich

Die Frau meldete sich am Folgetag bei einer anderen Polizeidienststelle und zeigte die beiden Beamten wegen Vergewaltigung an. Sie hätten sie mit Gewalt entkleidet, ihr Slip sei dabei zerrissen. Sie hatte eine kleine Verletzung. Die beiden Beamten, heute 23 und 28 Jahre alt, kamen in Untersuchungshaft. Vor Gericht schilderten sie ausführlich, was aus ihrer Erinnerung Ende September letzten Jahres in der Wohnung der Frau passierte. Die 33-Jährige habe sie schon zuvor immer wieder berührt - mal am Arm, mal am Rücken, mal am Bein. Ihr Begleiter sei nicht mit in die Wohnung gegangen, weil er rauchen wollte. Die Frau sei sehr kooperativ und freundlich gewesen. Als sein Kollege zum Telefonieren auf den Balkon ging, habe die Frau sich plötzlich entblößt, so der 23-Jährige vor Gericht. Sie haben sich sofort an ihm zu schaffen gemacht, die Situation habe ihn überfordert, er habe sich darauf eingelassen. Erst oral, dann vaginal.

Sex mit Handy gefilmt

Als sein Kollege vom Balkon kam, habe er den Sex mit dem Handy gefilmt. Und dann - auf Initiative der Frau - ebenfalls Sex mit ihr gehabt. Lange werden beide Angeklagten zu allen Details der Situation befragt, sie müssen Auskunft geben - über ihr Sexualleben, ihre Vorlieben, ihre Gewohnheiten, ihre Fantasien. Und über ihre Beziehungen. Standardfragen, wenn es um ein Sexualdelikt geht. Auf die Frage, warum sie sich sicher sein konnten, dass der jeweils andere nicht einschreitet oder gar davon berichtete, was da abging, weiß keiner der beiden eine konkrete Antwort.

Nach der Durchsuchung der Wohnung brachten die Beamten das Pärchen zurück zur Polizeidienststelle. Auf dem Weg soll der ältere der beiden dem dritten Beamten, der im Auto gewartet hatte, das Handyvideo aus der Wohnung der Frau gezeigt haben. Nach der Schicht gab es noch eine kleine Feier, bei der der 28-Jährige von seinen Kollegen eine Zuckertüte für das kommende Studium bekam. Danach schickte er dem 23-Jährigen noch eine Whats App-Nachricht, in der er von seiner letzten Schicht schwärmte. Video und Message sind gelöscht - aber die Angeklagten haben beides eingeräumt.

LKA-Zielfahnder sollen Opfer aufspüren

Ein Kollege der Angeklagten berichtete im Zeugenstand, dass er den Namen der Frau nach der vorläufigen Festnahme der beiden googelte. Und dabei herausfand, dass gegen die 33-Jährige ein polnischer Haftbefehl vorliegt - und dass sie auf einer Hostessenseite wirbt. Zu all dem konnte die Frau noch nicht befragt werden. Ihre "ladungsfähige Anschrift" ist ein Asylbewerberheim in den Niederlanden, das geschlossen wurde. Telefonnummern, die sie hinterließ, sind falsch - oder es meldet sich nur die Mailbox. Die Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamtes sollen die 33-Jährige nun aufspüren. Und die Verteidiger wollen, dass ein Sachverständiger sie dann auf ihr Glaubwürdigkeit untersucht.

Polizistenprozess unter Corona-Bedingungen

Und als ob all das nicht schon ungewöhnlich genug ist - auch die Umstände, unter denen verhandelt wird, sind es. Zwischen allen Beteiligten, also auch zwischen den Richtern und Schöffen stehen Plexiglaswände. Die Klimaanlage muss aus Vorsichtsgründen voll durchlaufen. Sie ist so laut, dass Zuhören anstrengend ist. In dem großen Zuschauersaal stehen nur 21 Stühle. Zutritt nur mit Mundschutz, unter Angabe der Personalie, Fieber wird gemessen. Die Schlange derer, die den Prozess verfolgen wollen und deshalb vor dem Gerichtsgebäude warten, ist viele Meter lang.

Wie lange der Prozess noch dauert, ist offen. Beim nächsten Verhandlungstermin am 20. Mai sollen auch der Vater des älteren Angeklagten und ein weiterer Kollege als Zeugen gehört werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Mai 2020 | 19:00 Uhr

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