Sechs neu verlegte Stolperstiene erinnern an die Familien Schaul und Stern
Sechs neu verlegte Stolperstiene erinnern an die Familien Schaul und Stern. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Gedenken Arnstadt: Neue Stolpersteine erinnern an deportierte jüdische Familien

Der 19. September 1942 war ein Wendepunkt im Leben von vierzehn Arnstädter Juden. Gemeinsam mit 863 Thüringer Juden wurden sie an diesem Tag über Weimar, Halle und Leipzig ins Ghetto Theresienstadt gebracht. 92 Thüringer überlebten. Unter ihnen war auch eine Arnstädterin.

von Sandra Voigtmann

Sechs neu verlegte Stolperstiene erinnern an die Familien Schaul und Stern
Sechs neu verlegte Stolperstiene erinnern an die Familien Schaul und Stern. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Am 19. September 2019 wurden in Arnstadt zwölf Stolpersteine verlegt, um an die jüdischen Familien zu erinnern, die genau 77 Jahre zuvor deportiert wurden. Unterstützt wurde Initiator Jörg Kaps dabei von Schülern der Klasse 9d des Melissantes-Gymnasiums Arnstadt. Insgesamt nahmen mehr als 50 Arnstädter an der Gedenkveranstaltung teil unter ihnen auch Landesrabbiner Alexander Nachama und Arnstadts Bürgermeister Frank Spilling.

Zu Beginn las Initiator Jörg Kaps Zeilen aus einem Brief von Minna Ledermann vor, den sie am 4. September 1942 an nichtjüdische Freunde schrieb: "Vielleicht, meine Lieben, sind es die letzten Zeilen, die ich an Euch schreibe, wir müssen uns bereit halten für den 19. oder 20. zum Abtransport nach Theresienstadt und ihr könnt euch gewiss denken, wie es uns trifft. Die Heimat, die einst unser alles war, in der wir Hunderte und Tausende Jahre verwachsen sind, müssen wir bettelarm verlassen, ausgestoßen, verschleppt, auf Nimmerwiedersehen. Und niemals wird Jemand mehr von uns hören." Minna Ledermann war damals 68 Jahre alt.

Familie Simon aus der Bahnhofstraße

An drei Häusern in Arnstadt wurden am Donnerstag Stolpersteine verlegt. In der Bahnhofstraße 34 erinnern drei Stolpersteine an das Ehepaar Herrmann und Fanny Simon und deren Sohn Walter. Herrmann Simon wurde am 11.11.1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Am 21.11.1938 wurde er von dort entlassen. Am 19.09.1942 wurde das Ehepaar Simon nach Theresienstadt deportiert. Herrmann Simon wurde am 30.09.1942, seine Frau Fanny am 15.01.1943 im Ghetto Theresienstadt ermordet. Sohn Walter gelang 1937 die Flucht in die USA. Zuletzt lebte er in New York und starb dort 1998.

Familie Neuburger aus der Güntherstraße

In der Güntherstraße 15 erinnern drei Stolpersteine an die Familie Neuburger – an Adolf, seine Frau Marie Anna Flora und den Sohn Helmut Edmund. Adolf Neuburgers Mutter war Jüdin. Deshalb galt er nach den Nürnberger Rassegesetzen der Nationalsozialisten als Halbjude, sein Sohn Walter als Vierteljude.1944 wurde Adolf Neuburger verhaftet und in ein Arbeitslager bei Leuna gebracht. 1945 kehrte er nach Arnstadt zurück. Bei der Verlegung der Stolpersteine für Familie Neuburger war auch der Enkel Peter Neuburger anwesend. Er wohnt heute in einem Haus gegenüber.

Schauls und Sterns aus der Herzog-Hedan-Straße

In der Herzog-Hedan-Straße 16 wird mit sechs Stolpersteinen an die Familien Schaul und Stern erinnert. Max Schaul und seine zweite Ehefrau Julia hatten drei Kinder – Theodor, Dora und Paula. Julia wurde 1942 nach Krasnystaw deportiert. Paula, inzwischen verheiratete Stein, wurde im April 1943 mit ihrem Mann Klaus nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nach dem Krieg fanden sich beide in Arnstadt wieder und wanderten 1946 in die USA aus. Klaus hatte die Konzentrationslager Auschwitz, Sachsenhausen, Flossenbürg, Leonberg und Mühldorf überlebt. Im Holocaust Center Seattle ist zu lesen: "Klaus und Paula waren die ersten Überlebenden, die 1946 in Seattle ankamen…Sie waren 1989 an der Gründung des Holocaust-Zentrums beteiligt.“

Arnstadt Stolpersteine erinnern an das Schicksal Thüringer Juden

Bürgermeister Spilling (dunkle Haare) legt eine weiße Rose nieder
Am 19. September 2019 wurden in Arnstadt zwölf Stolpersteine verlegt, um an die jüdischen Familien zu erinnern, die vor 77 Jahren deportiert wurden. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Bürgermeister Spilling (dunkle Haare) legt eine weiße Rose nieder
Am 19. September 2019 wurden in Arnstadt zwölf Stolpersteine verlegt, um an die jüdischen Familien zu erinnern, die vor 77 Jahren deportiert wurden. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Schüler warten in der Bahnhofstraße 34 auf das Verlegen der Stolpersteine (Haben 50 EUR-Spende übergeben)
Unterstützt wurde Initiator Jörg Kaps dabei von Schülern der Klasse 9d des Melissantes-Gymnasiums Arnstadt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Drei neu verlegte Stolpersteine, die an Familie Simon erinnern
In der Bahnhofstraße 34 erinnern drei Stolpersteine an das Ehepaar Herrmann und Fanny Simon und deren Sohn Walter. Das Ehepaar wurde später in Theresienstadt ermordet. Sohn Walter gelang die Flucht. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Enkel eines hier vertriebenen: Peter Neuburger (Orange Jacke)
Peter Neuburger ist der Enkel des damals deportierten Adolf Neuburger. Sein Großvater wurde in Arbeitslager nach Leuna gebracht, weil seine Mutter Jüdin war. Er kehrte nach dem Krieg nach Arnstadt zurück. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Sechs neu verlegte Stolperstiene erinnern an die Familien Schaul und Stern
In der Herzog-Hedan-Straße 16 wird mit sechs Stolpersteinen an die Familien Schaul und Stern erinnert. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
Initiator Jörg Kaps hat sich darum gekümmert, dass auch in der Herzog-Hedan-Straße an in Arnstadt wohnende Juden erinnert wird
Zwei der Deportierten, aus der Herzog-Hedan-Straße, überlebten das Lager Auschwitz-Birkenau. Sie wanderten nach dem Krieg in die USA aus. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. September 2019 | 19:00 Uhr

Weitere Stolpersteine geplant

Jörg Kops kündigte für 2020 weitere Stolpersteine für Arnstadt an. Damit könne man den Menschen zwar nicht ihr Leben zurückgeben, aber es helfe, dass ihr Leben nicht vergessen wird, sagte Kaps. Für Anfang Oktober 2019 kündigte er den Besuch von Verwandten von Minna Jonas aus den USA an. Minna Jonas lebte in der Ritterstraße in Arnstadt. Auch an sie erinnert ein Stolperstein. Die Familie aus den USA möchte sich den jüdischen Friedhof in Arnstadt, das Haus ihrer Vorfahren und den Stolperstein anschauen, so Kaps.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 20:58 Uhr

8 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

Leider liegen uns keine Fotos der deportierten Familien vor. Gerade in diesen Fällen sind Bildquellen häufig nicht oder nicht mehr aufzufinden. Außerdem sind wir natürlich auf die Mithilfe und den Willen der Überlebenden bzw. deren nachfolgenden Generationen angewiesen. Wir danken Ihnen für das Interesse und die Anregungen. Wir werden weiterhin darüber berichten, weil die Erinnerung auch ohne Bildquellen keinesfalls verblassen darf.
Freundliche Grüße aus der Redaktion

Fakt vor 8 Wochen

Sie irren. Auch in München finden "solche Aktionen" statt. Über 100 Stolpersteine wurden bislang auch in München verlegt, allerdings auf privatem und nicht auf öffentlichem Grund.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 8 Wochen

Arnstadt - meine alte Liebe .

Ja, die "Sache" mit den Stolpersteinen ...

Auch vor meinem Wohn- und Geschäftshause in der Erfurter Straße 6 war ich vor einigen Jahren Zeuge dieser Pflastersteinverlegearbeiten. Damals fand sie noch unter Bürgermeister Dill statt.

Menschen, die sich an diese Zeit zurückerinnern wollen und dabei menschliche Schicksale im Blick haben, verstehe ich gut. Auch die andere Meinung, dass hier erneut erschreckender Anlass gegeben wird, auf Namen und Daten herumzutrampeln, kann ich nachvollziehen.

Letzteres ist auch der Grund dafür, dass in München eine solche Aktion nicht stattfindet ! Charlotte Knobloch, die langjährige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sieht das ähnlich !

Es sollte andere Mittel und Wege für ein erinnerndes Gedenken geben !

An gleicher Stelle hat sich nach 1990 ansatzweise ähnliches Unrecht wiederholt.

Darf das sein ? Ich denke: N E i N !!!

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