Hände halten Akten
Es ging um die rechtliche Aufarbeitung des Geschehens. Nicht um die moralische. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Urteil in Arnstadt Schuldig der Tötung auf Verlangen

Im Juli 2016 starb bei einem Unfall auf der A71 nahe Ilmenau der 21-jähriger Beifahrer. Der Fahrer, 23 Jahre alt, überlebte. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, wurde er verurteilt. Nicht wegen fahrlässiger Tötung. Das Urteil des Arnstädter Schöffengerichts: Tötung auf Verlangen.

von Cornelia Hartmann

Hände halten Akten
Es ging um die rechtliche Aufarbeitung des Geschehens. Nicht um die moralische. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Das Auto war auf eine angeschrägte Leitplanke aufgefahren, nach 32 Metern das erste Mal aufgeschlagen und erst nach 124 Metern auf dem Dach zum Liegen gekommen. Das sind die nüchternen Fakten aus dem Gutachten eines Unfallsachverständigen.

Ungewöhnlicher Prozess

Wie es zu diesem Unfall kam, das wurde jetzt in einem emotionalen Prozess vor dem Amtsgericht Arnstadt erzählt. Ein Prozess, in dem der Vorsitzende Richter gleich zu Beginn den Angehörigen des Verstorbenen sein Beileid ausspricht. Und darauf hinweist, dass es im Gerichtssaal nicht um die moralische, sondern allein um die rechtliche Aufarbeitung geht. Bevor der Angeklagte die ungewöhnliche Vorgeschichte dieses Unfall erzählt, bittet er die Angehörigen des Toten um Verzeihung.

Schmerz der Seele

Der heute 25-Jährige und das spätere Opfer hatten sich zwei Wochen vor dem Unfall in einem psychiatrischen Krankenhaus kennengelernt. Beide machten dort eine stationäre Therapie. Sie hätten sich sofort gut verstanden, fanden Trost aneinander, sagt der Angeklagte. Sie redeten über den unbändigen Schmerz ihrer Seele. Und darüber, dass sie sterben wollten. Am 6. Juli wollten sie es tun. Noch in der Klinik schrieb jeder einen Abschiedsbrief, dann meldeten sie sich ab, kauften Alkohol und stiegen ins Auto.

Er habe den Wagen direkt auf die Leitplanke zugesteuert, um sie als Rampe zu nutzen. Damit der Plan auch aufgeht. "Wir haben nicht überlegt, was das für die Angehörigen bedeutet", sagt der Angeklagte. Er wolle sich nicht rausreden, aber es tue ihm von Herzen leid. Das mache es nicht wieder gut, aber er wolle es trotzdem sagen. Seit dem Unfall habe er sein Leben verändert, er habe einen Job, den er gern mache. Ohne Medikamente geht es nicht. Er nimmt sie regelmäßig.

Fakten und Beweise

Die Staatsanwältin und die psychiatrische Gutachterin haben ein paar Nachfragen zum Ablauf: Wer wann wieviel getrunken hat, wie oft die beiden jungen Männer über ihren gemeinsamen Entschluss gesprochen haben. Die Angehörigen des Opfers, als Nebenkläger im Prozess, haben eine andere Frage an den Angeklagten. "Woher wollten Sie wissen, ob er es ernst meinte. Sie kannten sich doch noch nicht so lange!" Abschiedsbrief und Handyvideos bestätigen, was der Angeklagte sagt.

Zeugen werden in diesem Prozess keine gebraucht, gehört wird nur die psychiatrische Gutachterin. Sie hat mit dem Angeklagten gesprochen und seine Krankenakte ausgewertet. Ihren Angaben zufolge leidet der 25-Jährige unter einer narzistischen Störung, ist Borderliner mit depressiven Phasen. Das all das am Unfalltag zu einer Einschränkung seiner Steuerungsfähigkeit führte, will die Ärztin nicht ausschließen. Hinweise auf lebensmüde Gedanken habe es an jenem Tag definitiv nicht gegeben. Das habe die Klinik, in der die Männer ihre Therapie machten, schriftlich bestätigt.

Urteil sofort akzeptiert

Zwei Jahre auf Bewährung wegen Tötung auf Verlangen und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, weil der Angeklagte durch den Unfall auch andere in Gefahr brachte. So lautet das Urteil des Arnstädter Schöffengerichts, und so haben es auch alle Beteiligten beantragt. Bewährungsauflage: 2 000 Euro fürs Kinderhospiz. Der Angeklagte akzeptiert den Schuldspruch sofort. Die meisten Besucher sind Angehörige des Angeklagten oder des Toten. Alle verlassen still und bedrückt den Sitzungssaal.

Depression Depression als ernsthafte Krankheit zu erkennen, ist für alle Betroffenen das Wichtigste. Darin sind sich alle Experten einig. Dabei helfen können beispielsweise der Hausarzt oder eine Beratungsstelle. Die Telefonseelsorge kann unter der Nummer 0800/1110111 erreicht werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. Januar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2019, 10:39 Uhr

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