Kriegsende 1945 Die Todesfabrik im Berg

"Dora" - das war für viele Buchenwald-Häftlinge das Todesurteil. In dem Lager bei Nordhausen mußten sie wie Sklaven im Berg arbeiten. Nur wenige überlebten die ersten Wochen.

Historische Luftaufnahmen vom Konzentrationslager Mittelbau-Dora nahe Nordhausen vom 22.07.1945.
Historische Luftaufnahmen vom Konzentrationslager Mittelbau-Dora nahe Nordhausen vom 22.07.1945. Bildrechte: GDI-Th, Freistaat Thueringen, TLVermGeo

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz südöstlich von Kattowitz durch die Rote Armee befreit. Damit endete ein Grauen, das für weit über eine Million Menschen den Tod brachte. Doch bedeutete der 27. Januar für die Gefangenen tatsächlich die Befreiung?

Von Auschwitz nach Mittelbau-Dora

Als die sowjetische Armee nach Auschwitz kam, konnten nur noch 8.000 Gefangene befreit werden. Zuvor wurden die Lager bereits geräumt. Schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 mussten sich über 60.000 Häftlinge auf die so genannten Todesmärsche ins Innere des Deutschen Reichs begeben. Ziele waren insbesondere die Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz und Mittelbau-Dora bei Nordhausen am Harz. Weitere "Evakuierungen" fanden im Januar 1945 statt. 58.000 Häftlinge mussten den Weg Richtung Westen antreten - in Viehwaggons oder zu Fuß. Viele starben an Hunger und Kälte. Wer nicht mehr mithalten konnte, wurde von den Wachen erschossen.

Ein großer Teil der "Evakuierten" gelangte direkt von Auschwitz in das KZ Mittelbau-Dora. Andere wurden zunächst in das KZ Groß-Rosen in Niederschlesien gebracht, um dann, bei Näherrücken der sowjetischen Truppen, von dort aus in Waggons nach Mittelbau-Dora transportiert zu werden. In dem KZ bei Nordhausen wurden die so genannten Vergeltungswaffen, die Flügelbombe V1 und die Rakete V2, produziert. Das KZ, welches im August 1943 als Außenlager Buchenwalds gegründet worden war, wurde im Oktober 1944 selbständig und erstreckte sich zuletzt auf rund 40 Einzellager. Im Januar 1945 kamen zu den bisher 35.000 Häftlingen weitere 15.000 "evakuierte" Gefangene hinzu. Viele Menschen erfroren auf den Transporten. Die Zahl der Toten war so hoch, dass zusätzlich zum Krematorium des KZ Scheiterhaufen errichtet wurden.

Schuften unter Tage

Für die Häftlinge, die lebend in Mittelbau-Dora ankamen, nahm das Leiden kein Ende. Der Terror im KZ wurde ab Februar 1945 sogar verschärft, als mit Amtsantritt des neuen Kommandanten Richard Baer fast alle wichtigen Posten im Lager durch Auschwitzer SS-Leute besetzt wurden. Über 30 Menschen wurden an einigen Tagen im Februar und März 1945 gleichzeitig gehängt, wobei die Häftlinge und auch die Zivilbeschäftigten zuschauen mussten. 6.000 Häftlinge starben allein in den Mittelbau-Lagern von Januar bis April 1945. Die Gesamtzahl der Toten lässt sich nicht genau ermitteln, so dass selbst bei vorsichtiger Schätzung davon ausgegangen werden muss, dass mindestens 20.000 Häftlinge die Deportation in das KZ Mittelbau-Dora nicht überlebt haben. Weitere tausende Menschen fielen den Bomben und Raketen zum Opfer, die in den unterirdischen Anlagen des KZs hergestellt worden sind.

Die Befreiung

Anfang April 1945 näherten sich die Amerikaner dem Harz von Westen her. Zwei massive britische Luftangriffe auf Nordhausen am 3. und 4. April beschleunigten eine erneute "Evakuierung" der Gefangenen erheblich. Allerdings kamen bei diesen Angriffen auch hunderte Häftlinge in dem Dora-"Sterbelager" Boelke-Kaserne in Nordhausen ums Leben. Trotzdem wurden noch tausende von Menschen in Zügen nach Bergen-Belsen bei Celle, Sachsenhausen nördlich von Berlin und Ravensbrück an der Havel gebracht. Außerdem gab es Kolonnen von Häftlingen, die zu Fuß durch den Harz Richtung Nordosten getrieben wurden. Dabei kam es wiederholt zu Massakern an Häftlingen, insbesondere in der Gegend nordöstlich von Magdeburg.

Am 11. April 1945 wurden die letzten zurückgelassenen Kranken und Sterbenden in Mittelbau-Dora von den Soldaten der US-Army befreit. Am 15./16. April wurde das KZ Bergen-Belsen durch die Briten befreit. Insbesondere das KZ Auschwitz, aber auch die anderen Konzentrationslager stehen heute als Symbol für die Verbrechen des Nazi-Regimes.

Literatur-Tipps Joachim Neander: "Hat in Europa kein annäherndes Beispiel" - Mittelbau-Dora - ein KZ für Hitlers Krieg, Berlin 2000.

Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Göttingen 2001.