Bauhaus-Studentin Céline Hurka sitzt am Schreibtisch
Vom ersten Entwurf bis zur Umsetzung hatte Céline gerade einmal vier Wochen Zeit. Ihr Schreibtisch in DenHaag wurde ihr Hauptarbeitsplatz. Bildrechte: MDR/Céline Hurka

"Bauhaus heute" – Reportage-Reihe Wie Studierende ein Stück Geschichte schreiben

Den Haag, Weimar und Dessau verbindet ein gemeinsames Projekt: Internationale Studierende haben zusammen mit dem Bauhaus Dessau und der amerikanischen Firma "Adobe" fast vergessene, unvollendete Schriften von Bauhäuslern wie Alfred Arndt und Joost Schmidt wieder neues Leben eingehaucht. Ein Projekt, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

von Michaela Reith

Bauhaus-Studentin Céline Hurka sitzt am Schreibtisch
Vom ersten Entwurf bis zur Umsetzung hatte Céline gerade einmal vier Wochen Zeit. Ihr Schreibtisch in DenHaag wurde ihr Hauptarbeitsplatz. Bildrechte: MDR/Céline Hurka

Auf dem Bildschirm der Grafikdesignstudentin Celine Hurka flackert ein Bild auf. Es ist ein Werbeplakat mit den Zeilen: "Konsum Genossenschaft E.G.M.B.H. Bäckerei Jena". Die Schrift selbst ist ohne Serifen, enthält klare geradlinige Kanten und ist breit. Zwei Initialen bilden ein Grundgerüst, um die anderen Wörter zu tragen - eine Schrift, gebaut wie ein Gebäude. Komplementiert wird die Werbung von einem gelben Kreis und einem roten Viereck.

ABC – Arndt, Bauhaus und Celine

Als die 23-jährige Celine Hurka ihr Grafikdesign-Studium an der Royal Academy of Art in Den Haag begann, ahnte sie noch nicht, dass ihr Studium in den Niederlanden sie mit einer der Bauhaus-Stätten Deutschlands zusammenführen würde. Für vier Wochen studierte, entwickelte und vervollständigte sie die Plakatschrift von Alfred Arndt, einem Absolventen der Bauhaus-Schule in Dessau. Der Schriftzug enthält 17 Buchstaben des Alphabets. Die fehlenden neun hat Celine erschaffen. Anhand der Plakatvorlage digitalisierte sie schließlich das komplette ABC. "Es war reizvoll, dass das Plakat nur wenige Buchstaben enthält. Das ließ mir Spielraum zur Interpretation", sagt sie.

Arndt entwarf die Bäckerei-Werbung 1923 noch als Lehrling der Bauhaus-Werkstätten für Wandmalerei und Tischlerei in Weimar. Celine kam 2018 über das Projekt der damaligen Zeit näher: "Mich fasziniert am Bauhaus, dass es eine Mischung von verschiedenen Disziplinen wie Architektur, Grafik und Malerei gab. Bei Arndt war es genauso. Er führte verschiedene berufliche Tätigkeiten zusammen."

“Sie entwarfen Schriften wie Stühle oder Teetassen“

Arndt war in erster Linie Raumgestalter, später arbeitete er auch als Architekt. Die Bauhaus-Schule folgte dem ganzheitlichen Ansatz von Walter Gropius, das Bauen und Entwerfen als eine Zusammenführung verschiedener Disziplinen zu verstehen. Die Bauhaus-Schüler lernten in einem Vorkurs die Grundlagen der Material-, Form und Farbenlehre. Anschließend absolvierten sie eine praktische Lehre in einer der Werkstätten für Weberei, Tischlerei, Metall, Keramik, Grafik oder Schriftgestaltung.

Deshalb ist es nicht abwegig, dass sich Arndt auch an Schriftdesign ausprobierte. Torsten Blume, Begleiter des Projekts und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bauhaus Dessau, bezeichnet Arndts Wirken als "dilettantische Professionalität".

Es ist dieser Übermut, der am Bauhaus herrschte, sich alles zutrauen können. Man hat letztendlich die Schriftgestaltung genauso betrieben wie das Entwerfen eines Stuhls, einer Teetasse, eines Gebäudes - Im Glauben, dass mit Geometrie alles lösbar ist.

Torsten Blume Wissenschaftlicher Mitarbeiter Bauhaus Dessau

Der Übermut fand ein schnelles Ende als nach Weimar auch in Dessau die Bauhaus-Schule auf Druck der erstarkenden nationalsozialistischen Kräfte schließen musste. Lange lagerten deshalb in den Archiven des heutigen Bauhaus Dessau die unvollendeten Werke der Designer Xanti Schawinsky, Carl Marx, Reinhold Rossig, Joost Schmidt und Alfred Arndt. 

Die Auswahl: Verborgene Schätze ausgraben

Ins Leben gerufen wurde das Projekt "Hidden Treasures" (zu deutsch: Verborgene Schätze) von der amerikanischen Softwarefirma Adobe in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Dessau und dem renommierten Designer Erik Spiekermann. Der Typograf ist in der Szene bekannt für seine Schriften, die sich beispielsweise bei den Leipziger Verkehrsbetrieben oder beim WDR wiederfinden.

Zu Beginn gab es allerdings Zweifel, ob die Bauhaus-Stiftung Weimar als ein öffentliches Unternehmen eine Kooperation mit einem großen US-Konzern eingehen sollte. Die digitalisierten Schriften der Bauhäusler sind nur für Abonnenten der Programmfirma kostenlos. "Aber dennoch hat uns am Ende überzeugt, dass junge Studierende und Berufsanfänger aus dem Bereich Grafik und Design mit an Bord geholt worden sind", sagt Torsten Blume. "Zudem erweitert das Projekt den Blick auf das Bauhaus. Schriftsprache und Texte gehörte zur Ausbildung damals genauso selbstverständlich dazu, wie die Malerei oder die Architektur. Das wird heute oft vergessen".

Zusammen wählte das Team fünf Schriftentwürfe aus den Archiven des Bauhaus Dessau aus. Sie sahen sich dabei nur die Schriftentwürfe an, um möglichst ohne Einfluss wichtiger Namen aus der Bauhaus-Zeit die Schriften nach reinen gestalterischen Gesichtspunkten auswählen zu können. "Wir waren selbst überrascht, dass es keine Typografin in die engere Auswahl geschafft hat, denn natürlich gab es auch Schriftgestalterinnen am Bauhaus. Sie waren allerdings seltener vertreten.", räumt Torsten Blume ein.

Die Entwicklung: Von analog zu digital

Die unvollendeten Schriftentwürfe und Buchstaben-Skizzen interpretierten neben Celine auch angehende Typografen aus New York, Leipzig, Reading und Lausanne. Mit den rekonstruierten Schriften erhalten die internationalen Studierenden das Bauhaus-Erbe nicht nur, sondern machen es darüber hinaus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Ganz im Sinne des zukunftsgewandten Bauhauses können sie so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart bauen.

Das Plakat war die einzige Vorlage, auf die Celine zurückgreifen konnte, um der alten Schrift neues Leben einzuhauchen. Zuerst zeichnete sie die vorhandenen Buchstaben aus der Vorlage grob nach und spielte sie digital ein. Dieser Schritt half ihr zu verstehen, welche Formensprache jeden Buchstaben ausmachte, aber auch, wie sie im Zusammenspiel funktionierten. In der ersten Entwurfsphase fielen ihr erste Besonderheiten auf: "Ich habe bei der Arbeit entdeckt, dass es verschiedene Dicken, Weiten und Stile innerhalb der Buchstaben gibt, da Alfred Arndt mit einem Pinsel gearbeitet hat. Um den Originalcharakter zu bewahren, habe ich mich dafür entschieden, diese Besonderheiten auch beizubehalten."

Celine probierte vieles aus: Am Ende hatte sie für jeden Buchstaben des Alphabets fünf bis acht Varianten. Nachdem sie sich so eingehend mit dem Schriftdesign Arndts in seiner digitalen Form beschäftigt hat, hofft sie nun, das Plakat Arndts einmal im Original in den Händen halten zu können.

Infobox "Typografie am Bauhaus" • 1919 Architekt Walter Gropius gründete das “Staatliche Bauhaus Weimar“. In einem Vorkurs brachten Künstler, wie der russische Maler Wassily Kandinsky, den Bauhausschülern die Grundlagen der Material-, Form- und Farbenlehre näher. Typografie war eher zweitrangig in andere Projekte integriert wie bei der Bewerbung von Ausstellungen oder bei Flugblättern
• 1925 Die Bauhaus-Schule in Weimar muss auf Druck der Nationalsozialisten umziehen. Neuer Standort: Dessau. Hier vermittelte Joost Schmidt in der Werkstatt für Druck- und Reklame Grundlagen grafischer Gestaltung. Der Unterricht beinhaltete auch das Entwickeln eigener Schriftentwürfe
• 1932 Der von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei dominierte Dessauer Gemeinderat beschließt die Auflösung der Bauhaus-Schule

Quelle: MDR THÜRINGEN/mr

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Marlene | 09. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2018, 10:00 Uhr

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