Long Covid Covid-19 und der lange Weg zurück ins Leben

In der gesellschaftlichen Debatte über Corona wird viel über Zahlen diskutiert: Infektionen, Intensivbetten, Tote. Doch hinter diesen Zahlen verbergen sich Menschen und Schicksale. Florian Namuth hat Covid-19 nur knapp überlebt. Bis heute kämpft er mit den Spätfolgen der Erkrankung. Namuth ist ein sogenannter Long Covid-Patient - "genesen", aber nicht gesund.

Florian Namuth am Kleinen Venedig in Erfurt
"Ich kann mich nur bedanken, bei allen die mir geholfen haben. Die Leistungen, die die Ärzte und Pflegekräfte da tagtäglich am Patienten erbringen, sind unglaublich." - Florian Namuth Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

"Seit meiner Kindheit habe ich Asthma. Keine Luft zu kriegen, ist deshalb eine meiner Urängste“, sagt Florian Namuth. Es ist ein Satz, der umso schwerer wiegt, je länger der 41-Jährige von seinen persönlichen Corona-Erfahrungen erzählt. Drei Monate sind vergangen, seitdem der Erfurter in der Nacht zum 15. Oktober 2020 mit Atemnot aus dem Schlaf schreckte. Drei Monate, seitdem er am folgenden Morgen im Warteraum seiner Hausärztin kollabierte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Drei Monate, seitdem er mit Covid-19 und dem Tode gerungen hat und sein normales Leben aufhörte.

Einatmen und ausatmen

An diese Tage im Helios Klinikum Erfurt kann sich Namuth nur noch punktuell erinnern. Auf der Isolierstation kam er zu sich, mit einem Schlauch in der Nase, der ihn mit Sauerstoff versorgte. Ein Arzt erklärt ihm, dass er positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden sei. Alles andere zog an ihm vorbei, denn wichtig war fortan nur der nächste Atemzug und noch eine SMS an seine Frau, die er mit letzter Kraft tippte. Ansonsten verbrachte er die nächsten 48 Stunden vor allem mit Atmen: einatmen und ausatmen.

Die Angst zu ersticken war permanent präsent. Ich konnte zwar einatmen, aber die Luft kam nicht an. Egal wie viel Luft ich in die Lunge sog, es reichte nicht.

Florian Namuth

Am Ende des zweiten Tages funktionierte auch das Atmen nicht mehr. Ihm schwanden die Kräfte und sein Zustand verschlechterte sich rapide. Wer selbst schon einmal eine Panikattacke hatte, kann sich in etwa vorstellen, wie sich Florian Namuth gefühlt haben muss: Der Körper im Ausnahmezustand, das Herz rast und der Kopf ist in einer Spirale der Angst gefangen. "Ich habe den Notknopf gedrückt und die Schwester um Luft angebettelt.", erzählt Namuth. "Dann ging alles ganz schnell: Sie verlegten mich auf die Intensivstation."

Die Ohnmacht der Anderen

Zur gleichen Zeit quälte Juliane Arnold, Namuths Frau, die Ungewissheit. Nur eine kurze SMS hatte sie erhalten, aber über den genauen Zustand ihres Mannes wusste sie nichts. Zusammen mit den beiden Söhnen war sie Zuhause in Quarantäne. Noch am selben Tag, als ihr Florian ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war auch sie positiv getestet worden. Ihr schmerzte der Kopf, ihr war schlecht, aber was sie wirklich belastete, war nichts tun zu können. "Ich bin halb wahnsinnig geworden", erinnert sich die 48-Jährige.

Florian Namuth und seine Frau Juliane Arnold sitzen an einem Tisch.
Florian Namuth und seine Frau Juliane Arnold beim Interview. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Am dritten Tag konnte sie endlich mit einem Arzt auf der Intensivstation telefonieren. "Intensivstation?" – Ja, ihr Mann sei verlegt worden. Er bekäme jetzt den Entzündungshemmer Dexamethason und das antivirale Remdesivir, erklärte er. Ob er die Laborwerte durchgeben könne, fragte die gelernte Krankenschwester zurück. Der Arzt berichtete und Juliane Arnold wurde unruhig.

Nachdem ich die Laborwerte gehört habe, war ich wirklich besorgt. Der Kaliumwert war im Keller, ich dachte das Herz macht schlapp und auch die Blutzuckerwerte waren katastrophal. Da hatte ich richtig Angst um Florian.

Juliane Arnold

Während Florian Namuth auf der Intensivstation um sein Leben kämpfte, durchlebte seine Familie ganz andere Extremsituationen. Da war der große Sohn, er ist 18 Jahre alt, der seine Wut durch die Wohnung schrie, als er erfuhr, dass auf dem Domplatz gegen die Corona-Regeln demonstriert wurde. "Er regte sich furchtbar auf" erzählt Arnold. Und dann war da noch der Jüngste, er ist 14 Jahre alt, der seine Mutter mit ängstlichen Augen anblickte und fragte: "Mama, was ist mit Papa, stirbt Papa?"  

Am Tiefpunkt angekommen

Der erste Tag auf der Intensivstation stellte für Florian Namuth den Tiefpunkt dar. Die Ärzte hatten ihm einen Zentralkatheter gelegt, Medikamente verabreicht und ihn an ein Hyper Flow-Beatmungsgerät angeschlossen. Das presste ihm zwar literweise Sauerstoff in die Lungen, aber wirklich mehr Luft bekam er nicht. Stattdessen fühlte er sich aufgeblasen. Alle verbliebene Kraft konzentrierte er deswegen darauf, auszuatmen, damit die Maschine den Sauerstoff wieder nachpressen konnte. Doch seine Kraft war beinahe aufgebraucht und er rechnete damit, sterben zu müssen. Der eigene Tod, der ihm sonst immer weit entfernt erschien, war an sein Bett getreten.

Wenn sich Namuth heute zurückerinnert, ist es aber nicht die Todesangst, die ihm am einprägsamsten war, sondern die Erfahrung, in seiner Not auf fremde Menschen angewiesen zu sein.

Die Pflegekräfte und Ärzte haben mir immer gespiegelt, dass es noch Möglichkeiten gibt. Sie nahmen mir auch die Angst vor der künstlichen Beatmung und dem Koma und gaben mir immer das Gefühl, der Weg ist noch nicht zu Ende. Das hat mir Mut gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Florian Namuth

Am vierten Tag schlugen die Medikamente und die Behandlung schließlich an. Endlich verarbeitete seine Lunge wieder die einströmende Luft und der Sauerstoffgehalt im Blut stabilisierte sich, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Die Angst wich der Zuversicht: "Ich schaffe es."

Aber dann stagnierte seine Genesung. Er hatte den Tod abwenden können, doch an den zehn folgenden Tagen im Krankenhaus besserte sich sein Zustand kaum. Namuth konnte sich zwar wieder bewegen, aber schon nach wenigen Metern zu Fuß war er am Ende seiner Kräfte angelangt. Eine neue Angst machte sich breit: "Werde ich jemals wieder normal atmen können? Bleibt etwas zurück? Darum kreisten meine Gedanken."

"Genesen" heißt nicht gesund: Was ist Long Covid?

Wie Florian Namuth geht es vielen hospitalisierten Covid-19 Patienten. Wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden, gelten sie zwar formal als "genesen", de facto sind sie jedoch alles andere als gesund. Hält dieser Zustand über einen Zeitraum von mehr als vier Wochen an, spricht die Medizin vom Long Covid Syndrom. Eine britische Studie, auf die auch das RKI verweist, zeigt, dass circa 40 Prozent der Menschen mit schwerer Covid-19-Erkrankung noch langanhaltende gesundheitliche Probleme haben. Selbst bei leichten Verläufen behält jeder Zehnte eine Beeinträchtigung der Gesundheit zurück.

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena 10 min
Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Professor Andreas Stallmach leitet die in Thüringen einzigartige Post Covid-Ambulanz am Uniklinikum Jena. Im Interview erklärt er, die besonderen Herausforderungen bei der Covid-Nachsorge.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 11.01.2021 15:21Uhr 10:04 min

https://www.mdr.de/thueringen/audio-long-covid-professor-stallmach-uniklinik-jena-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Das deckt sich in etwa mit den Erfahrungen in Thüringen. "Wir sehen, dass Patienten mit einer schweren Covid-19-Erkrankung etwa in der Hälfte aller Fälle nach Überwindung der akuten Erkrankung weiter Beschwerden haben", sagt Professor Andreas Stallmach, der am Uniklinkum Jena die in Thüringen einzigartige Post Covid Ambulanz leitet. Besonders tückisch an Covid-19 ist, dass es als Multisystemerkrankung die unterschiedlichsten Langzeitschäden verursachen kann. "Wir verstehen Covid-19 heute nicht mehr als reine Lungenentzündung, sondern als eine Blutvergiftung mit Viren […] Dadurch können alle Organe geschädigt werden", erklärt Stallmach.

Bisher bekannt ist, dass Covid-19 Gewebeschäden in Organen mit ACE-Zellrezeptoren wie Lunge, Leber und Nieren verursacht. Außerdem kann das Virus eine Herzmuskelentzündung herbeiführen oder Schäden im neurologischen Bereich anrichten. Daraus resultieren verschiedene Symptome der Long-Covid-Patienten, die teilweise Wochen und Monate nach der Erkrankung noch immer über Herzrasen, Kurzatmigkeit, Depressionen, massiven Schwindel, anhaltenden Geschmacksverlust, permanente Müdigkeit sowie Konzentrations- und Schlafstörung klagen.

Reha in Bad Salzungen

Mitte November erhielt Florian Namuth einen Rehaplatz in der Asklepios Parkklinik in Bad Salzungen, die sich auf Lungenerkrankungen spezialisiert hat. Vier Wochen verbrachte er hier mit Bewegungstherapien, Atemgymnastik, Sole-Inhalation, Gerätetraining zum Muskelaufbau und Spaziergängen. "In der zweiten und dritten Woche waren die Veränderungen nicht mehr nur messbar, sondern endlich auch spürbar. Ich konnte sogar wieder in die Lungenspitzen atmen", erzählt Namuth. Doch nicht alle Patienten machen so gute Fortschritte.

Ich habe in der Reha Covid-Patienten getroffen, die in der ersten Welle im April erkrankten und bis heute nicht arbeitsfähig sind. Das ist ein Thema, das bis heute viel zu wenig in der Öffentlichkeit angekommen ist.

Florian Namuth
Portrait von Professor Andreas Dösch und im Hintergrund links die Asklepios-Katharina-Schroth-Klinik 12 min
Bildrechte: dpa/ASKLEPIOS Klinik Bad Salzungen

Professor Andreas Dösch ist Chefarzt an der Asklepios Parkklinik in Bad Salzungen. Hier betreut er zahlreiche Long-Covid-Patienten. Im Interview spricht er über die Reha-Ansätze bei der Covid-Nachsorge

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 11.01.2021 15:18Uhr 11:38 min

https://www.mdr.de/thueringen/audio-long-covid-professor-doesch-reha-bad-salzungen100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ähnlich beurteilt das auch Professor Andreas Dösch, Chefarzt der Parkklinik in Bad Salzungen. Viele seiner Patienten klagen noch nach Monate über Einschränkungen. Irreversible Schäden seien deshalb nicht auszuschließen, insbesondere die von der Akuterkrankung verursachten Lungenfibrosen und manche neurologische Schäden seien nur schwer wiederherstellbar. "Es wird definitiv Patienten geben, die bleibende Schäden haben", sagt Dösch.

In der gesellschaftlichen Betrachtung hält Dösch die Langzeitfolgen von Covid-19 für zu wenig beachtet. "Das ist auf jeden Fall ein Thema, dass einer gewissen Aufmerksamkeit bedarf." Er fordert eine strukturierte Nachsorge für genesene Covid-19 Patienten, um in möglichst vielen Fällen Daten zu den Langzeitfolgen erheben zu können.

Langsamer Neuanfang

Florian Namuth befindet sich heute in der Wiedereingliederung. Er arbeitet als Verwaltungsleiter in einem ambulanten Pflegedienst in Erfurt. Seine Frau ist hier Geschäftsführerin. Denkt sie an die letzten drei Monate zurück, stellt sie einmal mehr fest:

Man ist auf so etwas einfach nicht vorbereitet. Wir haben täglich im Beruf mit Tod und Krankheit zu tun, aber selbst uns hat es unvorbereitet getroffen. Es kann so schnell gehen und ich bin glücklich, dass Florian noch hier ist.

Juliane Arnold

Namuth arbeitet derzeit bis zu sechs Stunden am Tag. Auch wenn es "nur" Schreibtischarbeit ist, bereitet ihm die Lunge noch immer Probleme. Hinzu kommen Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme. Bis er wieder völlig bei Kräften ist, wird es wohl noch ein bisschen dauern. Und trotzdem freut sich Florian Namuth über diesen Neuanfang nach drei verlorenen Monaten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Mehr aus Thüringen