Corona Suchthilfe Thüringen fürchtet Krisenfolgen

Porträt Karsten Heuke
Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Der weggebrochene Alltag droht die Not von Alkohol-, Drogen- und Spielsüchtigen drastisch zu vergrößern. Die Thüringer Landesstelle für Suchtfragen berichtet von abgebrochenen Beratungen und fürchtet mehr Beschaffungskriminalität. Von der Landesregierung fordert sie, Suchtberater als systemrelevant einzustufen.

Ein Schild im Fenster einer Drogen- und Alkoholberatungsstelle
Die Kontaktsperren und Corona-Schutz-Regeln belasten Suchtkranke auf besondere Weise. Bildrechte: imago/Ina Peek

Die Thüringer Landesstelle für Suchtfragen warnt vor gravierenden Folgen der Pandemie-Situation auf Süchtige. Sebastian Weiske von der Landesstelle sagte MDR THÜRINGEN, die Ausnahmesituation destabilisiere Suchtkranke besonders stark. Ihnen falle es schwerer, mit existenziellen Nöten oder auch Langeweile umzugehen. Hinzu komme, dass viele auch an psychischen Erkrankungen litten. Es bestehe die Gefahr, dass sie verstärktem Suchtverlangen nachgeben.

Anfälligkeit für Ersatzdrogen steigt

Laut Weiske ist unter anderem zu befürchten, dass Spielsüchtige aufgrund geschlossener Wettbüros und Spielcasinos auf andere Suchtmittel wie Alkohol und illegale Drogen umstiegen. So versuchten sie, aufkommende Unruhe und Spannungen zu kompensieren. Weil geschlossene Grenzen das Drogenangebot auf der Straße verknappen und verteuern, bestehe darüber hinaus auch in Thüringen die Gefahr verstärkter Entzugskriminalität.

Ausstieg erschwert

Außerdem sind Ausstiegserfolge in Gefahr, weil persönliche Treffen in Suchtberatungen derzeit wegfallen. Betroffene wollen sich oftmals nicht auf Video- oder Telefonsprechstunden einlassen, sondern brechen den Kontakt zu den Suchtberatern ganz ab. Solche Meldungen kommen laut Sebastian Weiske aus ganz Thüringen.

Zentrale für freie Entzugstherapieplätze gefordert

Um die Situation im Suchthilfebereich zu entspannen, fordert Weiske von der Landesregierung, die Arbeit der Berater aktiv zu unterstützen. Die Suchtberater müssen nach Ansicht der Landesstelle für Suchtfragen umgehend als systemrelevant eingestuft werden, so dass für sie die Kindernotbetreuung greift. Außerdem verlangt die Landesstelle, das aktuelle Angebot an Entgiftungs- und Entzugstherapien in Thüringen zentral zu koordinieren. Derzeit bleibe den Beratern nichts anderes übrig, als zeitaufwendig alle Kliniken selbst abzufragen.

Und die Landesstelle sieht das Gesundheitsministerium in der Pflicht, die Unterbringung von Obdachlosen als Risikogruppe während der Corona-Krise sicherzustellen. Weiske sagte MDR THÜRINGEN, zu diesen Forderungen liefen Gespräche mit der Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke).

Weiske fordert Süchtige und Angehörige auf, auch in der Corona-Krise die Beratungsstellen oder die Landesstelle für Suchtfragen zu kontaktieren. Die Suchtberatungsstellen seien an 48 Orten in Thüringen vertreten und weiterhin erreichbar. Jährlich beraten sie mehr als 5.500 Süchtige und ihre Angehörigen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 18. April 2020 | 06:00 Uhr

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