Alltagsrassismus in der DDR Erfurt
Das Ministerium für Staatssicherheit dokumentierte die Situation Ausländer in der DDR sorgfältig. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Alltagsrassismus in der DDR Pogromstimmung in Erfurt: "Gebt sie uns heraus, wir wollen sie hängen"

Im August 1975 herrschte in Erfurt Pogromstimmung. Deutsche Jugendliche jagten zu Hunderten Algerier durch die Stadt. Einige der Angreifer kamen vor Gericht. MDR THÜRINGEN hat die umfangreichen Stasi-Aktenbestände zum Alltagsrassismus in der DDR ausgewertet.

von Rainer Erices, MDR THÜRINGEN

Alltagsrassismus in der DDR Erfurt
Das Ministerium für Staatssicherheit dokumentierte die Situation Ausländer in der DDR sorgfältig. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

In einer Erfurter Kneipe erzählte im August 1975 ein Gast von schlimmen Vorfällen, die er selbst gesehen habe. Der Mann war Fahrer in einem Erfurter Betrieb. Er behauptete, dass mehrere Algerier in der Stadt Deutsche angegriffen und eine Frau vergewaltigt hätten. Mit seinen Ausführungen stieß er bei seinen Kollegen auf offene Ohren. Vielen von ihnen waren die neuerdings in Erfurt lebenden Ausländer ein Dorn im Auge. Das ist in Unterlagen der Staatssicherheit zu lesen. Fast alle der Fremden seien junge Männer, die kaum Deutsch verstanden. Vor allem würden sie deutschen Mädchen hinterherschauen, steht zuhauf in den Akten. Die Araber passten nicht - so die herrschende Meinung - ins Erfurter Stadtbild.

Bei einer Polizeibefragung gab der Erfurter Kraftfahrer später zu, sich seine Geschichten zu den angeblichen Vorfällen nur ausgedacht zu haben. Doch das Gerücht der Vergewaltigung war nun in der Welt.

Abkommen zwischen Algerien und der DDR

Vorausgegangen war ein Abkommen zwischen der DDR und Algerien. Es sah einen zeitweiligen Einsatz von algerischen Arbeitern in DDR-Betrieben und deren Weiterbildung vor. Mit dem Vertrag versuchte die DDR-Führung, ihre Beziehungen zu möglichen Verbündeten in Nordafrika zu stärken. Während ihres vierjährigen Aufenthalts in der DDR sollten sich die Algerier von den Vorzügen des real existierenden Sozialismus überzeugen, so die offizielle Berichterstattung.

Mitte Juni 1975 kamen rund 300 Algerier nach Thüringen. Sie arbeiteten in Betrieben der Stadt Erfurt und im Gummikombinat im nahegelegenen Waltershausen. Tatsächlich fielen einige Algerier schon bald negativ auf. Im Nordbad belästigte eine Gruppe weibliche Badegäste, so dass das Personal einschreiten musste. Einige Algerier tranken erhebliche Mengen Alkohol, grölten in der Innenstadt und warfen Pflastersteine, ist den Unterlagen der Staasicherheit zu lesen. Mehrere Male kam es zu Prügeleien zwischen Algeriern und vor allem ungarischen Arbeitern, die auch in Erfurt arbeiteten.

Situation in Erfurt eskalierte

Hinzu kam, dass manchen Algeriern die zugeteilte Arbeit nicht passte. Beim Straßenbau verweigerten mehrere Nordafrikaner die Arbeit. Laut Stasi-Unterlagen sei die Tätigkeit zu uninteressant.

Die Stimmung gegenüber Algeriern war allgemein gereizt. Man munkelte, dass die Ausländer besser entlohnt und auch bei der Wohnungssuche bevorzugt würden. Am 10. August eskalierte die Situation in der Stadt erstmals. Stasi-Mitarbeiter dokumentierten diesen Tag: Auf dem Rummel am Domplatz versuchte ein Algerier eine Deutsche gegen ihren Willen zu küssen. Einige Jugendliche beobachteten den Vorfall und brachen ihm das Nasenbein. Auch ein zweiter Algerier wurde verprügelt. Daraufhin flohen die ungefähr 25 Algerier vom Domplatz Richtung Fischmarkt. "In aufgebrachter, pogromhafter Stimmung folgten ihnen zuerst etwa 150, später nahezu 300 Jugendliche." Sie schlugen "mit auf Baustellen und von Marktständen entwendeten Latten und Stangen“ aufeinander ein. Einer der später als Haupttäter verurteilten Deutschen hetzte einen Schäferhund auf die Ausländer.

Am Folgetag schien sich die Lage zunächst beruhigt zu haben. Die Sicherheitskräfte bemerkten, dass sich Algerier im Stadtzentrum "korrekt“ verhielten. Am Abend erreichte ein Gerücht das Wohnheim der Algerier in der Nordhäuser Straße, wonach einige Landsleute wieder angegriffen worden seien. Sofort bewaffnete sich eine Gruppe mit Stöcken, Drahtseilen und Messern. Weit kam sie nicht. Die Straßenbahnfahrer weigerten sich, die Algerier zu befördern, der Bahnbetrieb wurde eingestellt. Die Algerier beruhigten sich. In einer folgenden Aussprache gaben sie an, dass sie sich nicht länger "als Menschen zweiter oder dritter Klasse“ behandeln lassen wollten. Im Wohnheim fanden die Sicherheitskräfte ein Flugblatt: "DDR-Faschisten“ und "Wir wollen wieder nach Hause“ stand darauf.

Algerier flohen aus Angst um ihr Leben

Alltagsrassismus in der DDR Erfurt
Unterlagen der Staatssicherheit zu den Erfurter Vorfällen 1975. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Am 12. August versammelten sich über 50 Jugendliche in der Innenstadt. Sie provozierten anwesende Algerier und schlugen sie zusammen. Die Algerier flohen in Panik und Angst um ihr Leben. Volkspolizisten stürzten herbei und leiteten sie in den Innenhof der Hauptpost. Die deutschen Verfolger stürmten dicht hinter ihnen her. Immer mehr versammelten sich vor der Post. In Sprechchören verlangten die Deutschen, so notierte die Stasi, die Herausgabe der Algerier. "Schlagt die Algerier tot, jagt sie heim, sie sollen sich wieder in den Busch scheren", skandierten letztlich rund 150 Erfurter. Die Lage wurde nun auch für die Polizisten bedrohlich. Steine flogen, es gab Scherben, doch es gelang den Sicherheitskräften letztlich, die Algerier sicher in ihr Wohnheim zu fahren.

Großaufgebot der Sicherheitskräfte

Dorthin machten sich am nächsten Tag Trupps von mit Stöcken bewaffneten schreienden Deutschen auf, um Algerier zu verprügeln. Die Sicherheitskräfte waren alarmiert und konterten mit einem Großaufgebot. Die Daten von 132 DDR-Bürgern wurden aufgenommen, 57  Beteiligte wurden festgenommen, die mutmaßlichen Rädelsführer kamen in Untersuchungshaft.

Gegen 31 beteiligte Deutsche wurde im Nachgang ermittelt, zwölf weitere erhielten eine Ordnungsstrafe. In ihren Analysen zu den Ereignissen kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass nicht der Vorfall auf dem Erfurter Domplatz zu den Hetzjagden geführt hatte. Vielmehr seien bereits seit Eintreffen der Algerier in der Stadt "permanent Gerüchte in Umlauf gesetzt worden, die jeglicher Grundlage entbehrten“. Einer der Rädelsführer hatte offenbar bereits Tage vor den Vorfällen Schlägereien mit Algeriern geplant.

Haftstrafen für Haupttäter

Noch im August fand der Prozess statt. Die Haupttäter erhielten mehrjährige Haftstrafen. Die meisten waren bereits vorbestraft. Die Urteile gegen die Rädelsführer der Hetzjagden ließen die Gerüchte in der Bevölkerung jedoch nicht verstummen. Viele Erfurter kritisierten eine angebliche Ungleichbehandlung. Die Deutschen seien verurteilt worden, dagegen geschehe den Ausländern nichts. Das grenze an Rechtsbeugung.

Integration nicht geglückt

Wie die Stasi im Nachhinein erkannte, war es nicht gelungen, die Ausländer wirksam zu integrieren. Dafür gab es seitens der Staatsmacht vorab offensichtlich kein Konzept. Die verantwortlichen Stellen im Bezirk Erfurt waren überhaupt erst zwei Monate vor dem Eintreffen der Algerier von deren bevorstehendem Arbeitseinsatz informiert worden.

Nun hing es vor allem von der Initiative der Betriebe ab, inwieweit die Neuen auf ihre Tätigkeit vorbereitet wurden. Immerhin hatte das Gummikombinat in Waltershausen eigens für den Einstieg der Algerier eine Broschüre in französischer Sprache gedruckt. Dort waren Hinweise zum Arbeitsplatz, Gaststätten, Theatern und Unterkünften zu lesen. In Waltershausen führten die Kollektive zudem Aussprachen durch, in denen nicht nur die politische Bedeutung des Arbeitseinsatzes erläutert wurde, sondern auch "spezifische Probleme des Eingliederungsprozesses, wie Mentalität, Lebensgewohnheiten“ diskutiert wurden.

In Erfurt dagegen gingen die staatlichen Stellen mehrheitlich davon aus, dass sich die Neuankömmlinge rasch in die bestehenden Brigaden eingliedern würden. Die Auswahl der Arbeitsstellen war nicht überprüft worden. Ein Fehler, wie die Stasi konstatierte. Das Baureparaturkombinat, in dem ein Großteil der Algerier arbeiten sollte, galt bis dato als "Konzentrationspunkt ehemaliger krimineller und arbeitsscheuer Kräfte“. Damit waren die Voraussetzungen für eine gelingende Integration der Algerier schlecht. Die Stasi kritisierte auch die Argumentation in einigen Betrieben, mit der den Angestellten der Einsatz der Algerier erklärt werden sollte. Bereits diese sei herabwürdigend und trage nicht zum Verständnis der Ausländer bei.

Stasi von massiven Vorbehalten gegen Ausländer überrascht

Abgesehen von den deutlichen Versäumnissen der staatlichen Stellen bei der Vorbereitung des Algerier-Einsatzes in Erfurt zeigte sich die Staatssicherheit überrascht über die offensichtlich bestehenden massiven Vorbehalte innerhalb der Bevölkerung. Wiederholt stellte sie fest, dass selbst unter SED-Genossen rassistische Vorurteile gegen die Fremden grassierten. Als möglichen kapitalen Fehler schätzte die Stasi ein, dass die Bevölkerung Erfurts insgesamt vorab nicht von der Ankunft der Algerier informiert wurde. Eine Presseberichterstattung zu den Neuankömmlingen habe es nicht gegeben.

Viele Gerüchte wegen fehlender Information

Auch über die Übergriffe vom August 1975 sei "keine ausreichende Information“ vermittelt worden, meinte die Stasi. Viele der Gerüchte hätten so große Wirkung erzielen können, "weil eine sachliche Information fehlte“ und weil "unverständlicherweise nichts veröffentlicht“ wurde, "was den Gerüchten, Vorurteilen und Vorbehalten entgegenwirken könne“. Zwar waren unter den Schlägern nach Einschätzung der Stasi vor allem typische "Rowdys und Kriminelle“. Doch das erklärte nicht, warum viele Gerüchte auch nach der Verurteilung der Haupttäter in der Erfurter Bevölkerung überlebten.

Wie stark diese Gerüchte die allgemeine Meinungsbildung in der Bevölkerung weiter prägten, zeigt eine Bestandsaufnahme der Staatssicherheit vom September 1975. Im Angermuseum glaubten Mitarbeiter hartnäckig daran, dass Algerier mit Messern auf Menschen losgegangen seien. Einige DDR-Bürger seien dabei zu Tode gekommen, darunter auch eine Frau. Angestellte in der örtlichen Druckerei gaben an, sich abends nicht mehr auf die Straße zu trauen, da sie möglicherweise von Algeriern überfallen werden könnten. Im Kombinat Umformtechnik empörte sich die Belegschaft darüber, dass drei Deutschen die Kehlen durchgeschnitten worden seien. Im Nordpark hätten Algerier ein Erfurter Paar überfallen. Der Mann sei gleich niedergestochen worden, während die Frau von drei Algeriern vergewaltigt worden sei. Überliefert ist auch die Aussage eines SED-Genossen, der sich gegen die Argumentation seiner Partei wandte. Es gehe gar nicht, so behauptete er, um ideologische Motive, sondern um "natürliche Probleme, die entscheidend ins Gewicht fallen: 150 junge Männer hätten sexuelle Bedürfnisse, denen man Rechnung tragen müsse (Bordell).“

Hartnäckig hielten sich auch Gerüchte über Weisungen oder Informationen staatlicher Stellen an die Bevölkerung, in denen vor Ausländern gewarnt worden sei. Beispielsweise habe die Volkspolizei angeblich im Erfurter Wohngebiet Rieth "die Bevölkerung zur Vorsicht ermahnt“. In Kindergärten kursierten Gerüchte über Weisungen der Abteilung Volksbildung, "in denen auf Veranlagungen der Algerier, sich schon 9-14 jährigen Mädchen zu nähern, hingewiesen worden sei“. Viele Menschen gingen davon aus, dass bei Klärung von Schuldfragen grundsätzlich Algerier begünstigt werden. Fehlende Presseberichte wurden als "Beweis für die Manipulierung der Vorkommnisse“ bewertet.

Versagen der staatlichen Stellen

Die Staatssicherheit von Erfurt ermittelte zu allen Gerüchten. Sie fand jedoch keine einzige schwere Straftat, die durch Algerier begangen worden war. Intern kritisierten die Mitarbeiter vor allem das Versagen der staatlichen Stellen. Die Einschätzungen wurden auf höchster Ebene in Ost-Berlin thematisiert.

In den Wochen nach den Vorfällen wurde versucht, die Situation vor allem durch verstärkte öffentliche Information zu verbessern. Zeitungen berichteten über die Vorfälle, in Betrieben wurden die Ereignisse ausgewertet, und auf die existierenden Gerüchte eingegangen. Das Sportangebot für die Algerier wurde in den Betrieben verstärkt. Die Stasi wertete das als Erfolg. Demnach nutzten nun viele Algerier die Möglichkeiten der Betriebssportgemeinschaften gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen. Vereinzelt jedoch gab es weitere Auseinandersetzungen. Eine Woche nach der Hetzjagd durchs Zentrum fielen wieder einzelne Gruppen von deutschen Jugendlichen auf, die sich an bestimmten Punkten in der Stadt sammelten, um Algerier zu provozieren.

Die Erkenntnis, dass der Alltagsrassismus der DDR-Bürger ein weit verbreitetes und andauerndes Problem war, findet sich in den Akten zu den Erfurter Ereignissen nicht. Ausländerfeindliche Vorfälle oder beispielsweise Schändungen von jüdischen Friedhöfen mit nazistischen Parolen gab es in den 1970er Jahren durchaus etliche, auch in Thüringen. Doch ein entsprechendes Problembewusstsein, dass auch innerhalb der DDR-Gesellschaft Ausländerhass, Rassismus und Rechtsextremismus gedeihen konnten, entwickelte sich den Akten zufolge erst in den 1980er Jahren vor allem mit dem deutlichen Aufkommen unterschiedlicher Jugendkulturen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 15. November 2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 14:14 Uhr

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69 Kommentare

20.11.2017 10:33 Ichich 69

Vielleicht sollte man sich beim mdr mal schlau machen zum Begriff "Rechtsextremismus". Daß es in der DDR möglich gewesen sein soll, eine Nazi- oder faschistische Ideologie zu predigen, dem III. Reich NS-Symbole zu verwenden oder gar mit Hilfe von Gewalt eine "Umsturzsituation" herbeizuführen, halte ich für kaum glaubhaft.

20.11.2017 10:21 andre 68

Na da brauchen wir uns heute ja nicht zu wundern, diese Einstellung gepaart mit Nichtbildung ergibt das Wählerpotenzial der AFD! Wir haben eben einen latenten Rassismus in unserer Gesellschaft, traurig aber 100% wahr! Ich frage mich nur, woher diese Leute ihre Arroganz nehmen, zu denken man sei besser als andere?

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