Stabdolch aus Bronze
Stabdolch aus Bronze: Die Waffe stammt aus der Frühbronzezeit. Getragen wurde er wahrscheinlich als Zierde von einem örtlichen Herrscher. Er weist feinste Verzierungen auf. Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Hochkultur vor 4.000 Jahren Siedlung aus der Bronzezeit bei Erfurt entdeckt

Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen - vor etwa 4.000 Jahren bildete diese Region eine Hochkultur. In der sogenannten Bronzezeit herrschte ein reger Handel in weit entfernte Gebiete. Wissen wurde ausgetauscht und hochwertige Produkte wurden hergestellt. Schmuck etwa, aber auch zum Beispiel die Himmelsscheibe von Nebra. Jetzt wurden in Erfurt die Reste einer Siedlung aus der Bronzezeit entdeckt. Und auch dort wurde Wertvolles gefunden.

von Wolfgang Hentschel

Stabdolch aus Bronze
Stabdolch aus Bronze: Die Waffe stammt aus der Frühbronzezeit. Getragen wurde er wahrscheinlich als Zierde von einem örtlichen Herrscher. Er weist feinste Verzierungen auf. Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Das Gewerbegebiet GVZ im Osten von Erfurt. Die Sonne strahlt vom Himmel, das Thermometer zeigt 26 Grad im Schatten. Auf einer Baustelle inmitten zusammengeschobener Erdhügel knien Mitarbeiter des Thüringer Landesamt für Archäologie auf der steinharten, ausgetrockneten Erde. Sie graben Löcher frei, vermessen sie und schaufeln das Erdreich in bereitstehende Schubkarren.

"Eine harte Arbeit", meint Katrin Rost lachend. "Besonders für eine Frau, ich bin ja eher zart gebaut." Mit Kissen versuchen die Archäologen, ihre Knie zu schützen. Aber längere Zeit hält man die Körperhaltung nicht durch. "Da muss man ab und zu aufstehen und Übungen machen", sagt Rost. "Lange an der gleichen Stelle, das geht auf den Rücken."

18 Meter lange Häuser

Arbeiten an einer Ausgrabungstelle einer bronzezeitlichen Siedlung in Erfurt-Vieselbach
Die Grabungsarbeiten sind mühsam, müssen auf den Knien verrichtet werden. Die Pfostenstellen wurden vorher von der Luft aus entdeckt, dafür ließ man eine Drohne aufsteigen. Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Rost und ihre Kollegen untersuchen den Boden, in dem die Reste einer Siedlung entdeckt wurden. Die Löcher, die sie ausgraben, sind die Stellen, an denen früher die Pfosten für sogenannte Langhäuser standen. Die Häuser waren mindestens 18 Meter lang. Die Löcher wurden mit Hilfe von Drohnen entdeckt. Wann die Häuser errichtet wurden, können die Archäologen nicht genau sagen. "Dafür haben wir zu wenig datierbares Material in den Löchern gefunden", sagt Grabungsleiterin Karin Sczech. Dafür wurden aber andere Funde gemacht, die zeitlich sehr gut einzuordnen sind: nämlich in die frühe Bronzezeit, also in die Zeit von etwa 2.300 bis 1.500 vor Christus.

Stabdolch aus Bronze

Entdeckt wurden in der Erfurter Bronzezeit-Siedlung zum Beispiel Keramiken, Schmuck aus Bernstein und Bronze sowie - als Highlight - ein sogenannter Stabdolch aus Bronze. Die gut 20 Zentimeter lange Waffe hat keine Abnutzungsspuren. Sie wurde daher wohl als Zierwaffe getragen. Bronze war in der damaligen Zeit sehr wertvoll.

In Verbindung mit den Schmuckfunden deutet das laut Sczech darauf hin, dass die Siedlung der zentrale Ort eines regionalen Herrschers war, der weiträumig Handel betrieb: "Das kann man allein schon am Stabdolch sehen. Der stammt nach den Vergleichsstücken, die wir haben, nicht von hier, sondern aus Norddeutschland oder dem heutigen Polen. Dort sind die engsten Vergleiche zu finden. Und der Bernstein kommt natürlich aus dem Baltikum."

Über Jahrtausende nur leichte Beschädigungen

Karin Sczech vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie an einer Ausgrabungsstelle
Grabungsleiterin Karin Sczech vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie an der Stelle, an der der Stabdolch gefunden wurde. Er wurde nur in geringer Tiefe im Erdreich entdeckt. Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Entdeckt wurde der Stabdolch nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche. Es grenzt laut Sczech an ein Wunder, dass der Dolch früher - als das Gewerbegebiet GVZ noch Ackerfläche war - nicht von einem Pflug zerstört wurde. Er hat über die Jahrtausende nur leichte Beschädigungen erlitten.

Die Bronzezeitsiedlung von Erfurt gehört ungefähr in die gleiche Epoche wie das sogenannte Fürstengrab von Leubingen und die Himmelsscheibe von Nebra. "Mitteldeutschland schloss sich damals zu einem Kulturkreis zusammen. Der geht bis nach Sachsen-Anhalt rein, das geht auch bis nach Sachsen rüber. Aber man muss auch sagen: gerade mit dem Fund der Himmelsscheibe von Nebra hat die Forschung noch einmal einen enormen Aufschwung erfahren", sagt Sczech.

Funde vor allem durch Bauarbeiten

Dass die Erfurter Bronzezeit-Siedlung entdeckt wurde, liegt auch an den Bauarbeiten, die rund um Erfurt in den letzten Jahren stattgefunden haben. Am GVZ in Erfurt-Vieselbach wird seit 1995 fast ununterbrochen gearbeitet. Für die Ärchäologen sind das immer neue Gelegenheiten, den Boden zu untersuchen. Sie erkennen: In dem Gebiet haben schon vor Jahrtausenden Menschen gesiedelt. "Wir wissen, dass wir hier an einem nach Süden ausgerichteten Hang liegen. Ganz im Süden nahe an der heutigen Bundesstraße 7 hatten wir einen Wasserlauf. Der ist heute aber nicht mehr sichtbar, weil er durch Hangmassen überspült wurde", sagt Grabungsleiterin Sczech.

Rillenhammer
Zu den Funden gehört auch ein sogenannter Rillenhammer, der mit Seilen an einem Stiel befestigt wurde. Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Das heißt: das Wasser und ein guter Ackerboden boten den Menschen die notwendigen Ressourcen zum Überleben. Entdeckt wurde die Siedlung auf einem etwa 7.000 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem die Recycling-Firma Melosch einen Parkplatz bauen will. "Wir haben das aber nicht als Problem gesehen", meint Melosch-Betriebsleiter Marko Neumann.

"Es gab für uns keinen Zeitdruck. Wir haben die Archäologen machen lassen. Es ist auch sehr interessant zu sehen, welche Funde dabei gemacht wurden." Die Grabungen auf dem Grundstück sind jetzt fast abgeschlossen, in Kürze werden die Bauarbeiten für den Parkplatz starten.

Die Funde aus der Bronzezeit-Siedlung von Erfurt werden in den nächsten Monaten im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie untersucht und ausgewertet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 24. April 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 19:14 Uhr

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7 Kommentare

25.04.2019 15:38 Werner Cahnbley 7

Dann sollte auf jeden Fall die Stadtgründung von Erfurt oder Weimar auf 2000 vor Christus datiert werden.

25.04.2019 11:21 optinator 6

Das gehört mir. Hatte einer meiner Urahnen verloren !

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