Hochwasser von 2013 an der Kleingartenanlage Bachstelzenweg in  Erfurt-Hochheim
Überschwemmte Gartenanlage in Erfurt-Hochheim. Zum Hochwasserschutz müssen einige Anlagen jetzt weg. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Erfurt-Hochheim Wenn Gärten dem Hochwasser weichen müssen

Kleingärtner am Ufer der Gera in der Erfurter Anlage "Am Bachstelzenweg" müssen ihre Gärten räumen. Zum Hochwasserschutz wurden ihnen die Pachtverträge gekündigt. In der Anlage kam es immer wieder zu Überschwemmungen.

von Antje Kirsten

Hochwasser von 2013 an der Kleingartenanlage Bachstelzenweg in  Erfurt-Hochheim
Überschwemmte Gartenanlage in Erfurt-Hochheim. Zum Hochwasserschutz müssen einige Anlagen jetzt weg. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Die Hecken sind dicht und hoch gewachsen. Sie sind akkurat verschnitten. Über manchen Gartenzaun weht Bratwurstduft. Die Gera gleicht in diesen Tagen nach der langen Trockenheit eher einem Rinnsal statt einem munterem Gewässer. Doch die Gartenanlage "Am Bachstelzenweg" in Erfurt-Hochheim liegt im Überschwemmungsgebiet und hat in ihrer über 40-jährigen Geschichte heftige Hochwasser erlebt. Das letzte 2013 hatte die gesamte Anlage überschwemmt.

"Von den Gartenlauben waren nur noch die Dächer zu sehen. Mancher wurde vom Wasser überrascht. Die Leute saßen mit dem Fernseher auf ihren Dächern", erinnert sich Christiane Drapatz. Ihre Eltern haben seit den 70er-Jahren in der Gartenanlage eine kleine Parzelle - direkt am Ufer. Neun Jahre war Christiane Drapatz alt, als sie mit ihrer Mutter wieder einmal auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Bachstelzenweg spazieren ging und die Mutter vom Garten träumte. "Wäre es nicht schön, dort am Ufer einen Garten zu haben". Tatsächlich konnte die Familie wenig später ein Stück Land pachten, schleppte Steine, pflanzte an, baute eine Gartenhütte und schuf sich ein grünes Paradies.

Kündigung für 60 Kleingärten am Ufer

Grafik mit Risikogebiet der Gartenanlage Bachstelzenweg
Karte des Risikogebiets an der Gera. Rund 60 Anlagen müssen weichen. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Doch jetzt kam die Kündigung. Per 30. November laufen die Pachtverträge für die rund 60 Kleingärten direkt am Ufer aus. Sie müssen dem Hochwasserschutz weichen. Die Anlage verkleinert sich auf dann noch 129 Gärten. Für Christiane Drapatz, ihre Eltern und all die anderen Betroffenen ein Fakt, der mit Tränen, Wut, Verzweiflung aber durchaus auch Einsicht ins Notwendige verbunden ist. Dass für den Hochwasserschutz in diesem Gebiet etwas getan werden muss, verstehe sie schon, allerdings hoffe sie, dass es auch Sinn ergibt, so Drapatz. Die Rede war von einem Wall.

"Kleingärten gehören nicht in Überschwemmungsgebiete"

Aufklärung liefert die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. "Ein Wall wird nicht errichtet. Der Bachstelzenweg bleibt, wird an der einen oder anderen Stelle so befestigt, dass er nicht unterspült werden kann und das Ufer wird ökologisch umgebaut", sagte der zuständige Referatsleiter Karsten Pehlke MDR THÜRINGEN. Ökologisch heißt, die Bäume wie Tannen und Fichten, die nicht an ein Gewässer gehören, müssen weichen. "Fische halten Sie ja auch nicht in einem Terrarium", sagt Pehlke.

Gartenanlage bachstelzenweg in Erfurt-Bischleben
Gera-Ufer in Hochheim: Hier müssen Anlagen weichen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Das Ufer wird abgeflacht, es wird ein Weg für Spaziergänger und Radfahrer angelegt, eine bienenfreundliche Grünfläche und das Flussbett werden an einigen Stellen aufgeweitet, so dass sich Sandbänke bilden können. Dass nur 60 Gärten und nur die direkt am Ufer weichen müssen, sei ein Kompromiss. "Eigentlich gehören Kleingärten gar nicht in Überschwemmungsgebiete. Aber wir schätzen die Bedeutung der Gärten für die Bürger und die Naherholung gerade im großstädtischen Bereich", sagt Pehlke.

"Es tut weh"

Der Abriss der rund 60 ufernahen Gärten in der Kleingartenanlage "Am Bachstelzenweg" in Erfurt-Hochheim schmerzt alle, die damit zu tun haben. Christiane Drapatz ist in dem Garten sozusagen aufgewachsen, hier gab es Partys, hier hat ihr Vater Boote gebaut, mit denen die Kinder flussabwärts getrieben sind, hier hat ihre Mutter jeden Zentimeter umgebuddelt und liebevoll gepflegt. "Es tut weh, sich von der Scholle zu verabschieden", sagt sie. Das könne er sehr gut verstehen, meint Referatsleiter Pehlke. Das erlebe er immer wieder bei allen Hochwasserschutz-Maßnahmen. So habe das Land Thüringen beispielsweise in Wünschendorf in Ostthüringen genau aus dem Grund zwei Wohnhäuser aufgekauft und abgerissen.

Ähnliches wie in Erfurt-Hochheim passiere gerade auch in Gera-Liebschwitz, in Eisenach und sei in Gößnitz und in Erfurt-Gispersleben schon erfolgt. "Das Wichtigste ist bei all dem, den Flüssen wieder Platz zu geben und die Gefahr von Treibgut zu minimieren", so Pehlke. In der Anlage "Am Bachstelzenweg" haben die Kleingärtner seit den 70er Jahren bis heute wild-erfinderisch vor sich hingebaut. Da führen Treppen ins Wasser, ist Müll verbaut worden, stehen die Datschen direkt am Ufer, wird Grünschnitt am Fluss gelagert.

Rasenmäher, Benzinkanister und Pflanzenschutzmittel

"Bei Hochwasser wird all das mitgerissen und sorgt einige hundert Meter weiter an der ICE-Brücke oder noch weiter am Papierwehr für eine Barriere, die dann zum Überfluten ganzer Stadtteile führt". In den Kleingärten gibt es außerdem das Problem, dass da Rasenmäher und Benzinkanister und in den Regalen Pflanzenschutzmittel stehen.

Hochwasser von 2013 an der Kleingartenanlage Bachstelzenweg in Erfurt-Hochheim
Überschwemmung 2013: Die Anlage stand komplett unter Wasser. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Bei Hochwasser sei das fürs Gewässer auch eine Gefahr, so Pehlke. Mit dem Umbau werde auch die Bewirtschaftung des Gewässers überhaupt erst möglich. Bislang komme keiner ans Wasser, wenn es einen Baum zu fällen gibt.

Die Kleingärtner bekommen für ihre Häuschen, Bäume, Sträucher eine Entschädigung. Die Gärten sind geschätzt worden. Die Bauarbeiten werden nach jetziger Planung im Herbst 2020 starten. Die Kosten sind mit 1,2 Millionen Euro angegeben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 20. September 2019 | 16:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 14:48 Uhr

4 Kommentare

Radfahrer vor 4 Wochen

Ich hab mir das noch mal angeschaut. Samstagfrüh war die Karte noch nicht so hochgerutscht, da war das betreffende Gebiet unten links auf der Karte noch nicht so zu sehen...

MDR-Team vor 4 Wochen

Hallo Radfahrer, wir haben die eingebundene Karte und unsere Fotos mit einem Kartendienst abgeglichen. Die Kleingartenanlage "Am Bachstelzenweg" ist auf unserer Karte durchaus zu sehen - es ist das violett eingefärbte Gebiet am unteren Bildrand, das zwischen Bahntrasse im Westen und Gera im Osten liegt. Der namensgebende Bachstelzenweg liegt auf dem Ostufer der Gera. Beste Grüße MDR TH

Radfahrer vor 4 Wochen

Liebes mdr-Team, ich hab mir jetzt mehrfach die angegebene Karte angeschaut und die dazu gehörigen Fotos. Das passt nicht zusammen! Ich hab den Eindruck die Karte ist vom Abschnitt ab der Motzstraße, von wo an die Gera links der Bahntrasse ist. Es geht doch aber um die Gartenanlage, wo auch das Cafe Namenlos ist. Und das Gebiet ist auf dieser Karte gar nicht drauf...! Ich hab den Eindruck ihr vermischt hier Gartenanlagen auf Fotos und Karte...!

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