Geld gesammelt Erfurt soll eine feste Bahnhofsmission bekommen

Die Helfer mit den blauen Westen haben lange Klinken geputzt, jetzt haben sie das Geld fast zusammen: In gut zwei Jahren soll es am Hauptbahnhof in Erfurt eine feste Station für die Bahnhofsmission geben. Die Pläne wurden nun vorgestellt.

von Antje Kirsten

Der ehrenamtliche Helfer Jens Walker und Hubertus Schönemann, Vereinsvorsitzender der Ökumenischen Bahnhofsmission
Hubertus Schönemann, Vereinsvorsitzender der Ökumenischen Bahnhofsmission (r.) und der ehrenamtliche Helfer Jens Walker arbeiten daran, dass eine feste Station in Erfurt Wirklichkeit wird. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Das war ein Schreck. Da hat die zugreisende Dame doch ihre Geldbörse vergessen. Das merkte sie allerdings erst am Bahnhof und brauchte für eine Dienstreise nach Neudietendorf unbedingt schnell ein Ticket. Zum Glück waren sie zur Stelle: die "Engel am Zug". Sie halfen mit fünf Euro aus, die die Frau einen Tag später aufs Konto des Vereins der Ökumenischen Bahnhofsmission überwiesen hat. Das, sagt Vereinsvorsitzender Hubertus Schönemann, sei nur ein Fall von Tausenden. Allein im Vorjahr zählte das Team von 20 Ehrenamtlichen am ICE-Bahnhof in Erfurt rund 1.500 Einsätze. Das fängt bei Fahrplanauskünften an und reicht bis zum Krisengespräch mit Obdachlosen, Drogenabhängigen oder anderen auf dem Bahnhof zeitweise Gestrandeten. "Wir wollen aus dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe heraus für die Menschen da sein - haben aber kein Helfersyndrom", stellt Schönemann klar.

Bahnhofsmission in Erfurt hilft in Notlagen

2016 haben sich einige Ehrenamtliche am Erfurter Hauptbahnhof zusammengetan, um eine Bahnhofsmission ins Leben zu rufen. 2017 wurde dann der Verein "Ökumenische Bahnhofsmission Erfurt e.V." gegründet. Seitdem sind die 20 Ehrenamtlichen - von der 28-jährigen Studentin bis zum Rentner - immer freitagnachmittags auf dem Bahnhof unterwegs. Sie helfen beim Ein-und Umsteigen, sie beraten, sie versuchen, Streit zu schlichten, oder beruhigen die Gemüter, wenn Züge ausfallen oder der gesamte Bahnhof wegen einer Bombendrohung geräumt werden muss. "Der Bahnhof ist eine Durchgangsstation. Täglich halten hier bis zu 80 ICE und Fernzüge. Wir waren anfangs sehr erstaunt, wie oft wir gebraucht werden", sagt der ehrenamtliche Helfer Jens Walker. Vor einer Woche brach ein 93-Jähriger auf dem Bahnsteig zusammen, vermutlich mit einem Herzinfarkt. Schnell wurde der Rettungsdienst gerufen. Die "Engel am Zug" lotsten die Helfer zum Unglückort, weil in einem solchen Notfall jede Sekunde zählt.

Feste Bahnhofsmission am Hauptbahnhof Erfurt geplant

In Deutschland gibt es rund 100 Bahnhofsmissionen - in Thüringen allerdings bisher nur den mobilen Dienst. Was bisher fehlte, ist eine feste Station. Hubertus Schönemann und die Ehrenamtlichen haben in den vergangenen zwei Jahren Klinken geputzt und Geld gesammelt. Die Räumlichkeiten kosten etwa 250.000 Euro. Am Mittwoch gab es nun die frohe Botschaft: Das Geld ist so gut wie beisammen. Bis auf einen Restbetrag von 16.000 Euro. Die Pläne für die feste Bleibe der Bahnhofsmission sind schon sehr konkret: Ein Pavillon soll es werden, platziert vor dem Gleisbereich 3 bis 8. Einziger Wermutstropfen: Zur Bundesgartenschau (Buga) ist es nicht zu schaffen, der Pavillon soll im November 2021 eröffnet werden.

Der Entwurf für eine Station der Bahnhofsmission in Erfurt auf einem Foto
So soll die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof in Erfurt später aussehen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Bahnhofsmission wünscht sich Unterstützung der Stadt Erfurt

Die Ehrenamtlichen sind an ihren blauen Westen leicht zu erkennen. Ab September wollen die "Engel am Zug" probeweise auch sonntags im Einsatz sein. Geschult werden die Ehrenamtlichen unter anderem von Mitarbeitern der Kirche, des Seelsorgeamtes, der Polizei. Während die Deutsche Bahn inzwischen signalisiert hat, den laufenden Betrieb der stationären Bahnhofsmission zu finanzieren, hat die Stadt Erfurt nach Vereinsangaben noch keinerlei verbindliche Zusagen gemacht. "Eine solche feste Station wird in der Regel von ein oder zwei Sozialarbeitern halbtags betreut. Wünschenswert wäre es, wenn die Stadt hier mit einsteigt", so Schönemann.

"Niemand soll unter die Räder kommen"

Der ICE-Bahnhof sei das Tor zur Stadt und hier sollten die Reisenden in einer netten Umgebung gastfreundlich empfangen werden. Dafür sorgten auch die "Engel am Zug", die schon manchen sich anbahnenden Zoff entschärft haben. Deeskalieren durch Reden, das sei ihr Rezept.

In diesem Jahr feiern die Bahnhofsmissionen in Deutschland ihren 125. Geburtstag. Gegründet wurden sie, als im Zuge der Industriealisierung auch die Frauen mit den Zügen vom Dorf in die Stadt zur Arbeit fuhren. "Die Frauen sollten nicht unter die Räder kommen", erinnert Schönemann und fügt an: "Keiner soll es."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 17:32 Uhr

2 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 21 Wochen

Was " diese Leute " von der Bahnhofsmission doch alles unternehmen . . . !

Großartig !!!

Ja, die Unterstützung im Ehrenamt ist immer wieder einen Aufschrei " nach oben " wert ! Ich bin sehr dankbar, dass es unsere rettenden Engel am Erfurter Hauptbahnhof gibt - ob mit "festem" Haus oder ohne solches.

...und ist nicht in erster Linie " Aufgabe einer Bahn " (-gesellschaft) doch eher
der Transport - von Waren und Gütern, von Menschen zu Menschen - zu vernünftigen Preisen und das Verbinden von Regionen, die lange Zeit "abgehängt" waren ?!

Jedenfalls wünsche ich mir auch noch mehr Sitzmöglichkeiten am Bahnhofs-Ausgang über den Flutgraben Richtung Spielbergtor/Schillerstrasse ! Fahrrad-
Parkplätze gibt's da schon genügend ...

Critica vor 21 Wochen

Da tun diese Leute von der Bahnhofsmission tatsächlich das, was an sich Aufgabe der Bahn ist. Deshalb wäre es gut und sinnvoll seitens der Bahn auch ausreichend Unterstützung zu bekommen. Und natürlich auch von anderen Seiten. Denn eine solche Einrichtung ist gut für eine Stadt.
Dank an alle Ehrenamtlichen!

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