Insektenfreundlich und schön anzusehen Mähen war gestern: Erfurt setzt auf Blühwiesen in der Stadt

Die Stadt Erfurt gestaltet seit drei Jahren ihre Parks und Freiflächen ökologisch um. Bunte Blühwiesen sorgen auch in diesem Sommer mit Mohn, Margeriten, Kornblumen und wilden Disteln für ein verändertes Stadtbild. Von den knapp 240 Hektar städtischer Grünflächen in Erfurt sind mittlerweile 44 Prozent "umgebaut" und werden nur noch einmal im Jahr gemäht.

Mann auf Blühwiese
Englischer Rasen ist nicht mehr zeitgemäß. Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamtes in Erfurt, rät Gärtnern, nur Wege und Flächen zu mähen, die gebraucht werden. Alles andere darf wachsen. Bildrechte: MDR / Antje Kirsten

Das Gras reicht uns bis an die Hüfte. Die Autos auf der vielbefahrenen Straße des Friedens rauschen vorbei, mancher Fahrer hupt, als wir uns niederknien, um das Gewimmel in den Tiefen der bunten Blumenwiese zu erkunden. Da gucken für ein paar Augenblicke nur noch der Po und das Mikrofon aus dem Gras. Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamtes, führt mich mitten hinein in die große, vor einem Jahr angelegte Blühwiese. "Ja", sagt er , "auch wenn es ziemlich wild aussieht, auch so eine Fläche muss angelegt werden." So wurde der Boden mit einer Egge aufgerissen, das Saatgut kam in die Erde und "das war's auch schon. Nun muss man es nur noch wachsen lassen".

Mein Rat übrigens für jeden Gärtner. Mähen Sie nur noch den Weg frei und die Fläche, die sie für die Hängematte oder den Grill oder fürs Fußballspielen brauchen, den Rest lassen sie einfach wachsen.

Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamtes in Erfurt

Ein Rasen braucht Zeit und Chemie, Blühwiesen gedeihen einfach

Das braucht starke Nerven. Sind wir es doch vielerorts gewohnt, den Rasen akkurat zu trimmen, zu kürzen, im Zaum zu halten, immer bestrebt, eines Tages aus der Kraut- und Rüben-Fläche mit Klee und Sauerampfer einen bildschönen englischen Rasen zu machen.

Eine weit geöffnete, orangerote Blüte mit schwarzen Punkte im Inneren der Blütenblätter von einer Mohn-Pflanze 3 min
Bildrechte: MDR/Michael Wenkel

Blühwiesen sind schön und ökologisch wertvoll. Wo es blüht, da wimmelt es vor Insekten. Und Gärtner haben Zeit, in der Hängematte zu liegen und den kleinen Krabblern und Luftartisten zuzuschauen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 11.07.2020 11:40Uhr 02:42 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/anpflanzen/audio-bluehwiese-100.html

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"Vergessen Sie's", sagt Döll. "Ein englischer Rasen ist ein reines Chemielabor. Ich muss wässern. Ich muss düngen. Ich muss Herbizide, Insektizide aufbringen, ich muss ständig mähen, ihn lüften. Das ist auch zeitlich ein riesiger Aufwand, und ich kriege es am Ende doch nicht so hin wie in der Gartenzeitung", bricht Döll eine Lanze für die wilde Wiese. Die habe viele Vorteile. Dem Gärtner spart sie Zeit. Die Stadt Erfurt mäht die ausgewählten Flächen mit den Blühwiesen nur noch einmal im Jahr mit einem Balkenrasenmäher. Die fein säuberlich gepflegten Rasenflächen müssen dagegen bis zu 16 Mal im Jahr geschoren werden. "Diese Flächen haben wir natürlich auch noch. Dort, wo die Leute es sich mit Decken bequem machen, wie im Bürgergarten auf dem Petersberg oder im Dendrologischen Garten, wird der Rasen kurz gehalten."

Auf den ausgewählten Flächen, das sind in Erfurt mittlerweile 27 und die sind quer übers Stadtgebiet verteilt, wurde Samen unter anderem in den Farben der Stadt gesät. "Das bieten Samenzüchter an. Und fürs Buga-Jahr haben wir viele Mischungen aus rot, orange und weiß bestellt." Die Akzeptanz der Blühwiesen sei in Erfurt groß. Stadtpolitisch werde diese Idee sehr gut unterstützt. Man müsse allerdings sein Bild von einem Garten, einem Park auch im Kopf neu entwerfen. Es sei sicher erst einmal ein ungewohnter Anblick, wenn das Gras sprichwörtlich "ins Kraut schießt" und auch noch Disteln erblühen. "Aber", zeigt er mir ein paar Schritte weiter, "sehen Sie mal, wie es hier wimmelt und summt. Die Hummeln haben viel Freude an den Disteln".

Nahrung für Insekten und Kleintiere

Die Blühwiesen sind gut für die Ökologie. Insekten finden Nahrung, können sich gut verstecken und der Sommerregen hält sich hier auch länger als auf einem kurzgeschorenen Rasen. Dass die Blühwiesen nicht unserem jahrzehntelang eingeübten Klischee eines wahren, schönen, gepflegten Gartens entsprechen, gibt Döll gern zu. "Aber sie verbessern das Kleinklima in der Stadt. Steinerne Flächen, wie wir sie in der Stadt häufig haben, heizen sich im Sommer stark auf und geben die Hitze nur langsam wieder ab. Eine kurzgeschorene Rasenfläche hat da keine besondere Kühlfunktion. Eine Blühwiese aber schon".

Boden für Blumensamen vorbereiten 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Hobbygärtner muss eben nur tapfer sein und seine Vorstellung von "schön" ändern. Schon vor 40 bis 50 Jahren aber, sagt Döll, hätten sich renommierte Gartenexperten mit Rasen und Wiese befasst, beides wissenschaftlich erforscht. Die Wiese hat demnach gewonnen. Sie entsprach wohl aber nicht unserem Schönheitsideal und so hat sich der Rasen durchgesetzt. Mit den veränderten Klimabedingungen müssten wir aber umdenken. Die Gartenkultur werde sich verändern, so Döll.

Man muss immer gucken, welche Bilder habe ich im Kopf. Bei vielen ist es das: Ich gehe in den Garten, arbeite, zupfe Unkraut, schleppe Gießkannen. Doch diese Gärten sind in heißen Sommern tot, sie werden künstlich am Tropf gehalten. Lassen wir den Rasen aber wachsen, baut er sich zu einer Wiese um, die Hitze und Trockenheit viel besser aushält.

Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamtes in Erfurt

Blühwiesen gibt es in Erfurt inzwischen nicht nur in Parks, sondern auch auf Verkehrsinseln wie am Einkaufszentrum Thüringenpark. Zwischen den Autos huschen wir schnell hinüber. Auf dieser kargen Fläche gibt es tatsächlich zauberhafte Blumen, die mit den wahrlich unwirtlichen Bedingungen bestens zurecht kommen, ohne gegossen, gepflegt zu werden. "Die Ansaat haben wir vor einem Jahr ausgebracht. Bis vor wenigen Tagen hat hier noch der kalifornische Mohn geblüht". Und ein paar wilde Disteln.

Aus ödem Rasen wird bunte Wiese

Blühwiese
Wer den Rasen wachsen lässt, wird bald mit bunten Farben belohnt. Bildrechte: MDR / Antje Kirsten

Mit den Blühwiesen macht Erfurt Werbung für die Idee, aus Rasen wieder Wiese zu machen. Rasen wird über die Jahre hinweg durchs Mähen und Mulchen immer nährstoffreicher. Lässt man den Rasen wachsen, werden die nährstoffliebenden Pflanzen sukzessive zurückgedrängt und es kommen krautige Pflanzen hervor - und die bringen Farbe ins Spiel. Die Wiese baue sich so von selbst um. Erfurt will das Blühwiesen-Projekt von einem Pflanzensoziologen begleiten und kartieren lassen. Dabei gibt es zwei Strategien: Einerseits bleibt in den Parks, die nicht so stark genutzt werden, das Gras einfach stehen - und andererseits werden auf ausgewählten Flächen bewusst Blumensaaten ausgebracht - auch in den Farben der Stadt.

"Erfurt ist doch die Blumenstadt und die einfachste Art, wieder mehr Blumen in die Stadt zu bringen, sind diese Wiesen", sagt Sascha Döll und schreckt beim Stapfen durchs wogende Grasmeer Schmetterlinge und einen Schwarm Mücken auf. "Die muss man nicht mögen, für Vögel aber sind sie ein gefundenes Fressen". Und zeigt er mir dann noch einmal die lilafarbene Blüte einer Distel. Auch da, sagt er, kann man doch eine gewisse Schönheit entdecken. Lassen wir also der Natur wieder mehr ihren freien Lauf.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Radiogarten | 11. Juli 2020 | 11:10 Uhr

5 Kommentare

Puenktchen36 vor 14 Wochen

Ich finde das ebenso großartig! Aber wieso machen die großen Vermieter, wie die KOWO hier nicht mit? Wir haben alles Rasen mittlerweile, obwohl wir vor 25 Jahren bei der Sanierung die Vorgärten wunderbar mit blühpflanzen wie Frauenmantel, begrünt waren. Plötzlich hieß es, die Pflege sei zu aufwändig und die Mehrzahl der Mieter hätte für Rasen gestimmt. Ich darf aber nicht vergessen, dass vor jedem Haus 2 "möpperne" Sträucher stehen. Toll sind auch die neuen bäume. Der Rasen wird leider auch oft gemäht, so dass er regelmäßig im Sommer verbrennt. Bis vor kurzem hatten wir eine tolle Wiese mit einer großen Vielfalt an herrlich blühenden Pflanzen. Man konnte Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und andere Insekten beobachten. Auch brüten hier viele Vögel, die auf Insekten angewiesen sind. Letzte Woche wurde, wie immer, alles niedergemetzelt... Traurig und schlimm... Vielleicht können Sie hier etwas bewegen?

Thbratwurst vor 14 Wochen

Das ist Mal ein Projekt mit nutzen was auch Farbe,Freude und Leben in die Stadt bringt. Bei uns auf den Dorf gibt es stellen wo wissen sich selber entwickeln und dann mitten in der Blütezeit kommt die Stadt und mäht, unmöglich sowas die Wiese mit Blumen an stellen wo es zb keine Übersicht der Autofahrer stört sollte bleiben und blühen. Mein Vater hat bei sich ein Beet weggenommen und wollte ras n machen hab ihn überreden können darauf wieder zu pflanzen, es dauert ein bisschen bis das sich entwickelt aber bereits jetzt im 2ten Jahr sehr schön, da gibt es Nachbarn die sagen wenn es treibt und noch nicht blüht, willste noch das Unkraut wegmachen kaum blüht es ...oh das ist ja eine Pracht. Es ist so einfach wenn man einmal von Kulturlandschaft zu Naturlandschaft umdenkt.

Quercus vor 14 Wochen

Großes Lob an Herrn Döll für dieses richtige Handeln! Hoffentlich steuern andere Kommunen auch um. Blühende Wiesen sind schöner, artenteicher, kostenextensiver und leisten einen wirklichen und dringend notwendigen Beitrag zur Abmilderung starker Erwärmung infolge des Klimawandels in urbanen Räumen.

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