Schnelles Internet Breitbandnetz mit Löchern - Erfurt räumt Fehler ein

Schnelles Internet für alle - wie wichtig das ist, wird in der Corona-Zeit mit Homeoffice besonders deutlich. Die Stadt Erfurt hat vor einigen Tagen groß den ersten Spatenstich für ein - wie es hieß - flächendeckendes Glasfasernetz gesetzt. Nur hat das Ganze einen Haken: Das Netz ist bei genauerem Hinsehen ganz schön löchrig und mittlerweile räumt die Stadt Fehler ein.

Einzelne Glasfaserkabel bei Verlegearbeiten
Es geht bunt zu - in Erfurt allerdings auch bei Ermittlung, wer schnelles Internet braucht. Bildrechte: dpa

Auf dem Gartentisch von Familie Günther in der Erfurter Märchensiedlung in Windischholzhausen liegt eine Karte - ausgedruckt vom Geoportal der Stadt. Rot sind die Häuser markiert, die in den nächsten zwei, drei Jahren Breitband bekommen, weiß sind die Häuser geblieben, die leer ausgehen.

"Sie führen wirklich die Kabel an den Häusern vorbei, um die nächsten dann anzuschließen, wenn wieder Fördergelder da sind. Das ist doch Schildbürgertum. Hier", zeigt Stefan Günther auf die Karte "soll in einer Straße vorn und dann wieder hinten ein Haus angeschlossen werden. Der Rest geht leer aus." Weil nicht nur er und seine Frau Daniela das so nicht hinnehmen wollen, haben sie eine Bürgerinitiative gegründet und sammeln Unterschriften. Ziel: Wenn einmal in ihrem Wohngebiet gegraben wird, sollen alle, die es wollen, ein Glasfaserkabel bekommen.

"Glücksbriefchen" im Briefkasten

Dass es trotz der jetzt fließenden Fördermillionen so ein löchriges Breitbandnetz bleibt, haben die Günthers und viele andere Erfurter erst erfahren, als bei den Nachbarn "Glücksbriefchen" im Briefkasten gelandet waren. Darin teilte die Stadt den Empfängern mit, dass sie im Ausbaugebiet wohnen und schnelles Internet bekommen. Allerdings müssen sie zustimmen - deshalb auch die Briefe -, dass das Kabel an und in ihr Haus verlegt werden kann. So fiel auf, dass nur jeder zweite Haushalt in der Märchensiedlung einen Breitbandanschluss bekommen soll.

Mittlerweile klingeln im Rathaus die Telefone heiß. "Wir bekommen derzeit viele Nachfragen", sagt Wirtschaftsdezernet Steffen Linnert (SPD) und räumt gleichzeitig Fehler ein. Die Ursache dafür reicht weit zurück und besteht in einer unvollständigen Datenerfassung. "Das Förderverfahren läuft unglücklich", so Linnert. Es sei nicht nur zu langwierig, sondern auch völlig unzureichend.

Um das zu erklären, muss Linnert ein Stück Telekom-Geschichte aufblättern. "Es gab vor zwanzig, dreißig Jahren eine Behörde, die hieß Telekom. Wenn Sie einen Telefonanschluss wollten, sind Sie zur Telekom gegangen und haben den Anschluß beantragt und dann ist der irgendwann an ihr Haus angelegt worden. Dann wurde die Telekom privatisiert."

Der Fischmarkt mit dem Erfurter Rathaus und dem Haus zum breiten Herd
Im Erfurter Rathaus lief Protest auf... Bildrechte: imago/Karina Hessland

Problem Datenerfassung

Aus den verschiedensten Gründen habe man das einfache Anmeldesystem beim Breitbandkabel, das im Endeffekt nur ein moderner Telefonanschluss mit viel mehr Möglichkeiten sei, nicht übernommen. Mit der Privatisierung der Telekom lohnten sich Anschlüsse in einigen Regionen für das Unternehmen nicht mehr. Um auch diese unterversorgten Gebiete mit schnellem Internet zu versorgen, haben sich Bund und Länder auf Förderprogramme geeinigt.

Ein Aufruf einer Bürgerinitiative für Breitband-Ausbau in Erfurt
Das Infoschreiben der Bürgerinitiative. Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Die Krux dabei: Das Förderverfahren ist damit auf dem Tisch der Kommunen gelandet. "Und damit haben wir ja eigentlich nicht wirklich etwas zu tun", sagt Linnert. Um den Bedarf, also die weißen Flecken zu ermitteln, brauche es entsprechende Datenbanken. Die hätten die Kommunen so aber gar nicht. "Wir erfassen die Grundstücke im Liegenschaftsamt, um die Grundsteuer zu berechnen, wissen aber nicht, ob Sie in ihrem Haus einen Telefonanschluss haben oder nicht". Also wurden die Telekommunikationsunternehmen mitbefragt. Es kamen viele Daten zusammen, aber die seien nicht vollständig gewesen. Erfurt hat den Breitbandausbau 2015/16 beantragt und mit der Datenerfassung ein externes Unternehmen beauftragt. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen konnte sich aber auch nur auf die Daten der Stadt und der Telekommunikationsunternehmen verlassen. Dabei seien so viele verschiedene Beteiligte mit im Boot gewesen, dass teilweise einige Daten und Unterlagen nicht richtig zusammengelaufen sind.

Lauben mit Anschluss und Wohnhäuser ohne

Was dabei herausgekommen ist, ist zum Teil eulenspiegelreif. Im Ergebnis ist es so, dass teilweise Grundstücke gemeldet wurden, die Gartengrundstücke sind. "Eine Gartenlaube mit Breitbandanschluss, so weit sind wir nun wirklich noch nicht", räumt Linnert ein. Andererseits seien neugebaute Wohnhäuser nicht erfasst worden, weil sie erst nach 2015/16 gebaut wurden. Es gebe schlichtweg einige Fehlmeldungen. Nach MDR-Recherchen sind auch Häuser mit Baujahr 2011 betroffen.

Bund und Land sollten über das Förderverfahren nachdenken.

Steffen Linnert, Wirtschaftsdezernent Stadt Erfurt

Es sei nicht praktikabel und dauere viel zu lange. "In den Ausbaugebieten werden wir in diesem Jahr zunächst die Schulen anschließen. 2021 ist Buga, da können wir nicht ganz so viel machen. Das Wohneigentum wird dann erst 2022 angeschlossen. Das ist ein Zeitraum von der Beantragung der Förderung bis zur Umsetzung von über sechs Jahren", kritisiert der Wirtschaftsdezernent.

Wer will, bekommt auch einen Anschluss

Erfurt hat nun aber reagiert. Alle, die im Ausbaugebiet liegen und sich bei der Stadt melden, würden berücksichtigt, verspricht die Stadt. Das lasse das Förderprogramm auch zu. Aktuell stehen Erfurt nach eigenen Angaben für den Breitbandausbau acht Millionen Euro zur Verfügung.

"Die Summe kann aber auf bis zu 13 Millionen Euro aufgestockt werden", sagt Linnert. "Wir erfassen jetzt die Daten der Anwohner, die sich bei uns melden. Wir werden auch noch mal alle Anwohner anschreiben und sie bitten, wenn sie noch kein Schreiben bekommen haben, sich zu melden". Es werde nicht passieren, dass eine Straße aufgebuddelt und nur jedes zweite Haus angeschlossen wird, verspricht Linnert.

aufgebaggerter Schacht mit dicken orangenen Kabeln neben einer Straße
Die Stadt will nun verhindern, dass Gräben zwei Mal ausgehoben werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Günthers in der Märchensiedlung ein erfreuliches Signal, kämpfe man doch seit mittlerweile Jahrzehnten in dem Wohngebiet um ein schnelles Internet. In der Corona-Zeit mussten sich Stefan und Daniela Günther ihr Homeoffice einteilen. "Zur gleichen Zeit hätte das nicht funktioniert, weil wir eben keine Breitbandlösung haben, um sinnvoll zu Hause arbeiten zu können. Und es gibt immer mehr, die das gern dauerhaft wollen: zu Hause arbeiten", sagt Daniela Günther. Ihre Unterschriftensammlung will sie dennoch weiterführen. Rund 250 haben schon in den ersten beiden Tagen unterschrieben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 29. Juli 2020 | 05:00 Uhr

4 Kommentare

Thueringer Original vor 2 Wochen

Dann sollte Herr Linnert mal in die Thüringer Kommunalordnung gucken. Da ist eine grundsätzliche Allzuständigkeit der Kommune. Insbesondere für die Daseinsvorsorge. Hätte er bei seinem beruflichen Hintergrund sicherlich wissen können (und sicherlich auch gewusst), aber den schwarzen Peter schiebt man halt gerne anderen zu.

Erichs Rache vor 2 Wochen

@unsereiner

Hey,

wir haben gerade erst 2020 Jahre Christi-Geburt gefeiert. Da können sie doch nicht wirklich erwarten das es "Schnelles Internet für alle" gibt.
In der Peripherie ist der Gebrauch von Schiefer- und Tontafeln immer noch gebräuchlich.

ReneS vor 2 Wochen

Ist in Kitzscher (bei Borna) genauso. Alle in den letzten beiden Jahren neu gebauten Häuser haben einen Glasfaseranschluss ins Haus bekommen aber die 16 "alten Häuser" (WG: Am Eichholz) wurden "vergessen". Ca. 120 m Kabel müssten noch verlegt werden (Rohr ist vorhanden), dann wären auch wir schon mal an das VDSL-Netz der Telekom angeschlossen.
Aber nein, dass wäre auch viel zu einfach. Stattdessen hat man jetzt einen "Pakt" mit der "Deutschen Glasfaser GmbH" abgeschlossen und sollten sich wirklich 40% der Eigentümer dafür entscheiden, wird halt in ganz Kitzscher wieder neu gebuddelt...
Bei mir gehen direkt am Gartenzaun ein ganzes Bündel neuer Glasfaserkabel vorbei, aber Anschluss - nee- Danke nochmals an die Stadtverwaltung Kitzscher :-c

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