Erfurt Corona-Stillstand: Clubs und Theater zwischen Kreativität und Existenzangst

Konzertsäle, Kulturcafés, Clubs und Theater mussten vor zwei Wochen aufgrund der Corona-Pandemie ihren Normalbetrieb einstellen. MDR THÜRINGEN hat bei einigen Betroffenen in Erfurt nachgefragt, wie es hinter den verschlossen Türen aussieht.

Über einer Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift "Alle Veranstaltungen abgesagt. Bleibt gesund"
Mehrmals pro Woche stehen in der Engelsburg Konzerte und Partys im Programm - normalerweise. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Wo sonst die Band des Tages angekündigt wird, prangt in großen Lettern: "Alle Veranstaltungen abgesagt. Bleibt gesund!" Wie überall sind auch im Kulturzentrum Engelsburg in der Erfurter Allerheiligenstraße alle Veranstaltungen gestrichen.

"Die Stimmung ist alles andere als gut, aber wir versuchen, den Kopf über Wasser zu halten", sagt Geschäftsführer Ben Gutt. "Die große Frage für alle lautet: Wie lange wird das alles dauern?" Da dies niemand beantworten kann, schwebe die Ungewissheit immer mit im Raum.

Gutt und seinem Team - überwiegend studentische Aushilfskräfte und ein paar fest angestellte Mitarbeiter - bleibt nicht viel mehr übrig, als abzuwarten und die Zeit zu nutzen, "um den Laden mal auf Hochglanz zu polieren". Für einige Konzerte, die ursprünglich für die kommenden Wochen geplant waren, gebe es schon Ersatztermine später im Jahr. Doch auch dahinter stehen vorerst Fragezeichen.

In den vergangenen Tagen haben Landes- und Bundesregierung finanzielle Hilfspakete geschnürt, die auch Selbstständige aus der Kreativwirtschaft berücksichtigen. Doch wann und wie es weitergehen kann, ist ungewiss. "Für Veranstalter ist das gerade eine ganz kritische Situation", sagt Gutt.

Um beim Publikum nicht in Vergessenheit zu geraten, sollen hin und wieder "kleine kulturelle Angebote" via Internet in die Wohnzimmer der Stadt gestreamt werden. So haben Engelsburg und der Club Kalif Storch bereits zahlreiche DJs aufgeboten, die nicht nur für ein 24-stündiges Party-Programm sorgten, sondern zugleich auf die Lage der Clubs, Künstler, Sound- und Lichttechniker aufmerksam machten - und das alles ohne direkten Publikumskontakt, sondern vom DJ-Pult in Wohnungen, auf Tablets, Fernseher und Smartphones.

"From Hell": Zusammenhalt der Metalszene macht Mut

Auf das loyale Stammpublikum setzt auch das "From Hell" in Erfurt-Bindersleben. Der Club unweit des Flughafens ist vor allem aufgrund seiner Livekonzerte weit über die Grenzen Thüringens hinaus beliebt. Seit mehr als zehn Jahren spielen dort vor allem Metalbands aus dem In- und Ausland, regelmäßig halten große Tourbusse vor dem einstigen "Gasthaus am Rosenberg". Besucher reisen auch unter der Woche aus Bayern, Hessen oder Sachsen an, um Bands zu erleben, die dem "From Hell" zwischen Konzerten in größeren Städten gern einen Besuch abstatten.

"Da solche Clubs mittlerweile Seltenheitswert haben, kann ich durchaus auch mit privaten Spenden rechnen", sagt Eigentümer Frank Klein. Trotzdem könnte ein längerer Stillstand allein aufgrund der Fixkosten nicht verkraftet werden. Und so hofft er - wie viele Betroffene im ganzen Land - auf Soforthilfen, um zumindest die kommenden Wochen zu überstehen.

Ein Bus und ein Auto stehen vor einem Haus.
Auf dem Weg quer durch Europa halten regelmäßig Tourbusse vor dem "From Hell" in Bindersleben. Jetzt ruht der Betrieb. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Die Aussicht, abgesagte Konzerte später nachzuholen, mache ihm Mut, sagt Klein. "Die Szene ist gut vernetzt und verfügt über starke Solidarität." So würden viele Leute, die bereits Tickets für nun abgesagte Konzerte gekauft hatten, ihr Geld nicht zurückfordern, sondern auf Nachholtermine warten. Doch wann Instrumente wieder ausgepackt und Lautsprecher angeschlossen werden können, ist ungewiss.

Mindestens zwölf Live-Veranstaltungen fallen vorerst aus - sollte das Verbot verlängert werden, weitaus mehr. "Auch die Technikfirma, mit der wir zusammenarbeiten, steht ohne Einkommen da", verweist Klein darauf, dass neben dem eigentlichen Club mit seinem Team stets auch weitere Gewerbe betroffen sind. "Noch dazu sind März und April die Monate, die uns normalerweise das Sommerloch finanzieren."

Die unfreiwillig gewonnene Zeit soll genutzt werden, um Backstage-Raum, Bar und Biergarten aufzumöbeln. "Aber im Hinterkopf schwingt die Frage mit, ob es das alles überhaupt wert ist", sagt Klein. "Schließlich weiß keiner, wie lange das Geld reicht und wann man wieder 'business as usual' betreiben kann."

Theater im Palais: Die normale Durststrecke kommt erst noch

Weit weg vom Tagesgeschäft ist auch das Theater im Palais in der Michaelisstraße. "Uns sind die Hände gebunden", sagt Heinrich Kus, der zusammen mit seiner Frau Sabine Henn das Theater leitet. "Wir leben ja vom Livegeschäft - doch da Menschenansammlungen derzeit verboten sind, können wir nichts machen."

Eine Frau zieht einen Theatervorhang zu
Wann Sabine Henn und ihr Team im Theater im Palais wieder vor Publikum auftreten dürfen, ist ungewiss. Bildrechte: MDR/Theater im Palais

Vor allem mit der alljährlichen "dreimonatigen Durststrecke im Sommer" vor Augen, bereitet ihnen die aktuelle Lage Sorgen. Bisher konnte die vorstellungsarme Phase des Jahres immer überbrückt werden, doch dies sei nun ohne Unterstützung kaum zu schaffen. Die momentane Situation sei existenzbedrohend; auch die Arbeitsplätze der drei fest angestellten Mitarbeiter und fünf freischaffenden Schauspieler sei gefährdet. "Wir bitten im Moment Zuschauer darum, von Rückerstattungen für gekaufte Karten abzusehen oder sie in Gutscheine umzumünzen", sagt Kus. "Wir freuen uns, dass viele uns auf diese Weise oder mit Spenden unterstützen." Die Hoffnungen aufgeben will das Ensemble schließlich nicht. Und so wird weiter an der nächsten Premiere gearbeitet - wann auch immer diese sein wird.

"Mehlhose": Kontaktpflege in unsicheren Zeiten

"Wir wollen keine Schwarzmalerei betreiben, aber das ist schon alles sehr frustrierend", sagt Philip Neues, der vor einigen Jahren gemeinsam mit seinem Vater Ralf das Kulturcafé "Franz Mehlhose" in der Löberstraße eröffnet hat.

So wie andere Betroffene der Branche plant auch er nun vor allem für den Herbst, telefoniert und schreibt mit Bands und Agenturen, vereinbart Nachholtermine - so gut es eben geht. "Wir wissen ja nicht, wann die Situation vorbei ist", sagt Neues. "Aber wenn es soweit ist, müssen wir den Laden wieder voll bekommen." Darum sei es wichtig, auch in dieser unsicheren Lage Kontakte zu pflegen.

Ein Schild weist auf den Ausfall von Veranstaltungen hin.
Wie in vielen Geschäften, Cafés und Restaurants weist auch am Kulturcafé "Mehlhose" ein Schild auf die derzeitige Situation hin. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Bereits erworbene Tickets behalten ihre Gültigkeit für Ersatztermine oder können zurückgegeben werden, sobald "die Mehlhose" wieder öffnet. Wer Café und Club unterstützen möchte, "über die kommenden Wochen der Trockenheit zu kommen und laufende Kosten bezahlen zu können", dürfe auf letztere Option gerne verzichten, heißt es auf der Homepage des Kulturcafés. "Viele sprechen uns Mut zu", sagt Neues. "Das freut uns natürlich, und wir möchten den Kulturbetrieb, den wir hier aufgebaut haben, auf jeden Fall am Laufen halten."

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 Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. März 2020 | 19:00 Uhr

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