Corona Thüringer Bahn-Anbieter wollen wieder durchstarten

Die Thüringer Regionalzüge füllen sich langsam wieder. Die Auslastung auf den Bahnstrecken zwischen Eisenach und Gera, Nordhausen und Saalfeld ist aber noch weit von den Zahlen in Vor-Corona-Zeiten entfernt. MDR THÜRINGEN hat gefragt, wie die Schienen-Unternehmen ihre Fahrgäste zurückgewinnen wollen, was der Fahrgastverband Pro Bahn davon hält und ob das Corona-Virus Folgen für die Bahn-Mitarbeiter hatte.

Frau mit Mundschutzmaske sitzt in Zug
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Die Zeit leerer Züge in Thüringen ist vorbei. Inzwischen ist nicht mehr auf jeder Linie nur ein Platz pro Vierer-Abteil besetzt. Bis zu 90 Prozent weniger Fahrgäste auf manchen Strecken hatten die Bahnbetreiber Abellio, DB Regio und die Erfurter Bahn Mitte April beklagt – und damit auch  viel weniger Erlöse.

Fahrgastzahlen steigen zu langsam

Inzwischen hat sich die Lage gebessert. Die Zahl der Fahrgäste sei auf etwa die Hälfte des Vor-Corona-Niveaus gestiegen, heißt es auf MDR-Anfrage aus den Unternehmen. Ob die Menschen sich um ihre Gesundheit sorgen und stattdessen lieber mit dem Auto zur Arbeit fahren – oder ob sie in diesen Wochen gar nicht zur Arbeit fahren, lässt sich nicht abschließend beurteilen. "Wer sicher fehlt, sind viele Studenten, die derzeit nicht vor Ort an den Universitäten sind", sagt Christoph Heuing, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Mittelthüringen (VMT). Immerhin haben nach seinen Angaben nur wenige Stammkunden ihre Fahrkarten-Abonnements gekündigt. Sonst wären die Einbußen noch größer geworden.

Wieder Normalbetrieb nach Pfingsten

Nach Pfingsten wollen alle Anbieter in Thüringen wieder, wie vor Corona, "zu 100 Prozent" fahren, also weg von kürzeren Zügen und ausgedünnten Fahrplänen. Doch die Fahrgäste müssen das Angebot auch wieder annehmen: So plant die Erfurter Bahn die Ausgabe von Mund-Nasenschutz-Masken, die mit Firmenlogos an Fahrgäste verteilt werden sollen. Auch Abellio Mitteldeutschland will sein Marketing verstärken, um Fahrgäste zurückzugewinnen. Wann die Kampagne beginnt, sei "auch noch abhängig davon, wie es mit den Lockerungen weitergeht", heißt es von Abellio.

Statt Auslastungs-App ein Fahrgast-Zählsystem

Eine App fürs Smartphone könnte mögliche Bedenken abbauen und mehr Passagiere locken. Vor dem Einstieg soll sie anzeigen, welcher Zug wie voll und ausgelastet ist. Die Bahn AG hat diesen Service ihren Kunden für den Fernverkehr und ihre ICE-Strecken angekündigt. Wäre das auch sinnvoll für den Regional- und Nahverkehr?

Die Idee sei gut, aber wegen fehlender Reservierungen in Nahverkehrszügen nur schwer umsetzbar, heißt es bei Abellio. Zudem könnten die kurzen Entfernungen zwischen Haltestellen dazu führen, dass der Hinweis auf eine hohe oder niedrige Auslastung schnell überholt sei. DB Regio verweist auf MDR-Nachfrage schlicht darauf, dass eine derartige Leistung vom Land Thüringen nicht bestellt sei. Man arbeite aber an einem "Fahrgast-Zählsystem", das Daten für eine Umverteilung der Passagiere zwischen mehreren Wagen liefern könnte. Immerhin: Derzeit hält sich offenbar die große Mehrheit der Fahrgäste an Hygiene-Vorschriften und trägt im Zug Maske, so die Auskunft der befragten Unternehmen.

Fahrgast-Verband kritisiert fehlende Werbung um Kunden

Der Fahrgastverband Pro Bahn wünscht sich mehr Initiativen von Seiten der DB Regio, Abellio und Erfurter Bahn, die Kunden zurückzugewinnen. Der Thüringer Sprecher Olaf Behr sagt, die Anbieter müssten stärker darauf hinweisen, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel unter Wahrung der Hygieneregeln nicht gefährlich sei. Problematisch sei gewesen, dass ein Teil der Verbindungen im März "von jetzt auf gleich" gerade auf viel genutzten Linien gestrichen worden sei. "Und zwar ohne Abstimmung mit dem Land."

Tatsächlich gab es dafür nachvollziehbare Gründe: Mitarbeiter seien ausgefallen, etwa wegen fehlender Kinderbetreuung oder verordneter Quarantäne, so die Anbieter. Auch bei den Mitarbeitern der Bahn-Unternehmen gab es eine Reihe von Verdachtsfällen und einen positiv bestätigten Corona-Fall, der allerdings außerhalb der Dienstzeit anfiel. "Aktive Bahner", so melden die Unternehmen, seien von Infektionen nicht betroffen gewesen.

Das spricht für die Umsicht der Mitarbeiter und die Desinfektionsmaßnahmen, die alle Unternehmen zusätzlich in den Zügen vornehmen.

41 Millionen Euro zusätzlich vom Land

Die geringe Auslastung und Extra-Reinigungen in den Bahnen haben ihren Preis. Allein im Verkehrsverbund Mittelthüringen werden die Verluste auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Das Thüringer Verkehrsministerium kalkuliert mit 92 Millionen Euro mehr Geld für Busse, Straßenbahnen und Eisenbahnen. 41 Millionen will das Land selbst stemmen, den Rest soll der Bund aufbringen. Das Rettungspaket vom Land soll in der Woche nach Pfingsten auf den Weg gebracht werden.

Der Bund überweist 2020 an Thüringen 333 Millionen Euro "Regionalisierungsmittel". 236 Millionen davon sind für den Schienen-Regionalverkehr gedacht. Das Land entscheidet, welche Strecken wie oft bedient werden und erteilt den Zuschlag für den "Schienenpersonennahverkehr". In Thüringen sind DB Regio, die Erfurter Bahn, die Südthüringenbahn und Abellio Mitteldeutschland unterwegs.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 02. Juni 2020 | 12:00 Uhr

3 Kommentare

Mustermann vor 5 Wochen

RIchtig, wenn ich mir dann noch vorstellen - Sommer - 30°C und mehr bei kaum oder nicht funktionierender Klimaanlage...dann hat sich der Fahrgast zwar an die Vorschriften gehalten, ist aber nach zig Stunden Zugfahrt trotzdem qualvoll verendet. Gar nicht auszudenken, wenn man dann mal zig Stunden von z.B. Hamburg nach München (beide Städte liegen nicht in Thüringen) fährt. Und über den Sicherheitsabstand von ca. 1,5 m denken wir am besten gar nicht nach, sonst hagelt es wieder Bußgelder.

Peter Mueller vor 5 Wochen

Wenn es in den Zügen noch Fenster gäbe, die man öffnen kann, bräuchten wir jetzt keine Maulkörbe.

Zeitgeist vor 5 Wochen

Ja, aber der Maulkorb muß weg. Sonst geht die Fahrt nur mit Auto !

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