Kommunen Erfurt denkt über Pflicht-"Casting" für Straßenmusiker nach

In Erfurt ist eine Diskussion über Pläne der Stadtverwaltung entbrannt, Straßenmusiker vor öffentlichen Auftritten vorspielen zu lassen. Aus dem Rathaus hieß es, es werde über eine entsprechende Novelle der Stadtordnung nachgedacht. Die Qualität der Straßenmusik solle so gesteigert werden.

Gitarrenkoffer
Straßenmusiker müssen in Erfurt vermutlich bald zu einem Casting (Symbolbild). Bildrechte: MDR/Christine Reißing

Die Künstler müssten dann zuerst einer Jury eine Kostprobe geben. Andere Städte in Deutschland machten das schon, z.B. München. In Thüringen wäre die Prüfung eine Premiere. In Sachsen hat die Stadt Leipzig Straßenmusik rund um die Thomaskirche während des Bachfestes verboten. Dies hat die Stadt mit einer am 7. Juni veröffentlichten "Allgemeinverfügung“ festgelegt. Das öffentliche Interesse am ungestörten Ablauf der hochrangigen Konzerte stehe über den Interessen einzelner Straßenmusiker, an bestimmten Orten auftreten zu können, wie die Stadt mitteilte.

Kritik von der grünen Stadtratsfraktion

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Erfurter Stadtrat, Astrid Rothe-Beinlich, hat das erwogene Casting für Straßenmusiker kritisiert. Es sei eine absolute Instinktlosigkeit, mit einem solchen Vorstoß einen Tag vor der Fête de la Musique nach draußen zu gehen. Straßenmusik lebe gerade davon, dass sie ganz verschieden sein könne und Nachwuchs motiviere. Vor allem in den Sommermonaten seien auch internationale junge Musiker auf unseren Straßen und Plätzen zu Gast und in der Weihnachtszeit gebe es Kinderkonzerte. Das lebe von der Spontanität. Regeln zur Lautstärke und Dauer seien völlig auseichend, so die Grünen-Politikerin.

Vorgaben zur Straßenmusik ähneln sich in Thüringen

Tatsächlich ähneln sich die Vorgaben für Straßenmusiker in vielen der größeren Städte Thüringens. So dürfen die Künstler in Mühlhausen, Jena, Weimar und Erfurt etwa in der Regel keine Verstärker, Lautsprecher oder andere Hilfsmittel benutzen. Bisher ist in keiner der genannten Städte ein Vorspielen nötig. "Standgebühren" oder Ähnliches fallen für die Künstler nirgends an. Auftreten dürfen sie in der Regel innerhalb der Innenstädte mit entsprechendem Publikumsverkehr.

Stündlicher Standortwechsel in Mühlhausen

Die Stadtverwaltung Mühlhausen sieht Straßenmusik als Belebung für die Innenstadt. Im steten Wechsel spielten sie dort bevorzugt im historischen Zentrum auf, hieß es aus der Presseabteilung der Stadt. Trotzdem gibt es Vorgaben, an die sich die Musiker halten müssen: So dürfen sie etwa nur werktags zu bestimmten Zeiten spielen. Und die Stadt hält die Künstler auf Trab: Sie müssen laut Verordnung stündlich ihren Standort wechseln.

Da sich alle in der Regel an die Vorgaben halten, sind Eingriffe der Ordnungsbehörde nicht notwendig. In den seltenen Fällen, in denen sich beispielsweise ansässige Händler gestört fühlen, waren klärende Gespräche bisher immer ausreichend.

Pressestelle der Stadt Mühlhausen

In Jena wird eine Rotation der Musiker gefordert

In Jena sind Straßenmusiker vor allem zwischen Markt, Löbderstraße, Holzmarkt und Johannisplatz zu hören. Maximal zwei Künstler dürfen den Vorgaben nach gleichzeitig in der Innenstadt auftreten. Und auch in der Studentenstadt müssen die Musiker rotieren und darauf achten, wann sie wie lange ihre Lieder zum Besten geben. Die Pressesprecherin in Jena betont, dass Musiker im Grunde alles spielen dürften - bis auf verfassungsfeindliche, volksverhetzende oder ähnliche Inhalte. Ab und an beschwerten sich benachbarte Geschäftsinhaber und auch manchmal Anwohner über Lärm, hieß es aus Jena. Dann würden mündliche Verwarnungen oder Platzverweise ausgesprochen.

Verbotszonen in der Klassikerstadt Weimar

Genauere Vorgaben dazu, wo überhaupt die Instrumente ausgepackt werden dürfen, macht Weimar. Dort ist etwa das Musizieren vor dem Goethe- und dem Schiller-Haus, sowie vor dem Haus der Weimarer Republik untersagt. Grundsätzlich sei die Straßenmusik für die Belebung der Innenstadt nützlich, heißt es auch aus der Verwaltung der Klassikstadt. Von der Bevölkerung kämen aber gemischte Reaktionen auf Straßenmusik.

Goethehaus in Weimar. Gelb gestrichenes zweistöckiges Gebäude mit Sprossenfenstern, davor eine Touristengruppe.
Vor dem Goethehaus in Weimar ist Straßenmusik verboten (Archivbild). Bildrechte: MDR/Holger John

In Erfurt Zeitlimit von zwanzig Minuten

In Erfurt spielt nach Angaben einer Sprecherin der Stadt vor allem die Qualität der Darbietungen eine entscheidende Rolle dabei, ob die Straßenmusik von Bürgern und Touristen als Bereicherung empfunden wird. Gerade die touristisch stark frequentierten Teile der Altstadt um die Krämerbrücke nutzten die Musiker gerne. Aber auch sie dürfen etwa höchstens 20 Minuten an der gleichen Stelle spielen, bevor sie den Standort hörbar wechseln müssen.

Fête de la Musique macht Märkte zu Bühnen

Musik von der Straße erklingt auf alle Fälle am Freitag zum "Fête de la Musique" nicht nur in einigen Thüringer Städten: Das aus Frankreich stammende Format verwandelt jedes Jahr zum Sommeranfang am 21. Juni Innenstädte weltweit zu Musikbühnen. Im Freistaat sollen bei kostenlosen, teils spontanen Konzerten Künstler in Erfurt, Jena, Weimar, Apolda, Gera, Pößneck, Mühlhausen und Meiningen auftreten.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN Regional | 20. Juni 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 07:40 Uhr

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22 Kommentare

22.06.2019 13:39 martin 22

@20 erfurter: Gibt es das nicht bereits? Meines Wissens nach nennt man das Wahl.

22.06.2019 10:24 Vesa Georgeta 21

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich glaube jeder sollte eine Chance haben seine Musik zu teilen. Es gibt momentan weitaus wichtigere Probleme, welche es zu klären gibt. Für die Mittel, die es braucht um diese Jury zu beschäftigen, könnten bestimmt auch ein paar mehr Lehrer , Profimusiker eingestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Andrei Vesa

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