In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Ein Seniorenheim in Erfurt ist wie zu DDR-Zeiten eingerichtet. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

DDR auf "Rezept" Erfurter Seniorenheim lässt für Demenzkranke die DDR auferstehen

Es ist ein bisschen wie früher: In einem Seniorenheim in Erfurt sieht es aus wie zu DDR-Zeiten. Alte Möbel, ein nachgebildeter Konsum und Dederon-Schürzen an der Wand - die Einrichtung versetzt die Bewohner in ihre Jugend zurück. Aus gutem Grund.

von Antje Kirsten

In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Ein Seniorenheim in Erfurt ist wie zu DDR-Zeiten eingerichtet. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Im Radio besingt Schlagersänger Muck seine "Isabelle" und die Stehlampe auf dem Flur - mit Fransen und ihrem geschickt angedrechselten Tischchen dran - würde in jedem DDR-Museum für Furore sorgen. An den Wänden der langen Flure im DDR-Haus des Seniorenpflegeheimes "Am Park" in Erfurt-Vieselbach sind Alltagsszenen zum Teil aufgemalt, zum Teil anzufassen. So gibt es einen Konsum mit alter Registrierkasse und einem Regal mit Dosen. "Heute sind da Knusperflocken drin. Wir haben eine Bewohnerin, die guckt, ob jemand guckt, nimmt sich ganz verstohlen ein paar Flocken und schwups ist sie wieder weg", freut sich die Leiterin des AWO-Seniorenheimes in Erfurt-Vieselbach, Suse Scherf.

Bewohner im Seniorenheim in Erfurt: In der DDR gelebt und geliebt

Für 33 alte demenzkranke Menschen ist das Böhm-Haus gebaut und eingerichtet worden. Den Namen hat es vom österreichischen Pflegewissenschaftler Erwin Böhm. Er forscht seit Jahren zu Demenz und Pflege. Und weil die ersten 25 bis 30 Lebensjahre für einen Menschen nicht nur prägend sind, sondern auch die Lebensjahre sind, an die er sich auch im hohen Alter und demenzkrank gut erinnern kann, ist die DDR-Station entstanden. "Wir knüpfen damit an die Erfahrungen der Bewohner. Wir haben jetzt die Nachkriegsgeneration hier, die in der DDR gelebt, geliebt, geheiratet, ihre Kinder bekommen, gearbeitet hat", erklärt Suse Scherf das Konzept. Sie fügt an: "Demenzkranke erkennen sich zum Beispiel auf Jugendfotos sofort wieder, auf einem aktuellem Bild sind sie sich fremd."

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Pflege Wie damals: Einblick ins Erfurter "DDR-Heim"

Um den Bewohnern ein vertrautes Gefühl zu geben, lässt ein Seniorenheim in Erfurt die DDR auferstehen. Hier zeigen wir Ihnen, wie es in der Einrichtung in Vieselbach aussieht.

In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Um den Bewohnern ein vertrautes Gefühl zu geben, lässt ein Seniorenheim in Erfurt die DDR auferstehen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Um den Bewohnern ein vertrautes Gefühl zu geben, lässt ein Seniorenheim in Erfurt die DDR auferstehen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Im Fernsehen läuft das aktuelle Programm, doch die Einrichtung erinnert die Bewohner an frühere Zeiten. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
In dem Seniorenheim in Erfurt steht an vielen Stellen altes Mobiliar. Für Momente, in denen sich die Seniorinnen an ihre Zeit als junge Mütter erinnern, sucht das Heim noch einen DDR-Kinderwagen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
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Die Elektrogeräte sind neu, die Möbel sollen aber möglichst alt aussehen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Das Radio in der Küche ist auf DDR getrimmt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Die Bewohner ziehen gern auch mal eine Dederon-Schürze an, berichtet Heimleiterin Suse Scherf. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Die DDR-Alltagsszenen an den Wänden im Heim sind zum Teil angemalt, zum Teil aber auch zum Anfassen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Weil die ersten 25 bis 30 Lebensjahre für Menschen nicht nur prägend, sondern auch die Zeit sind, an die sie sich im hohen Alter und demenzkrank gut erinnern können, ist die DDR-Station in Erfurt entstanden. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Ein Waschzuber, eine Mangel, Bilder von "Spee"-Waschkartons an der Wand, "Ata" auf dem Regal - und fertig ist die alte Waschküche. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. Juli 2019 | 06:00 Uhr

So hängt an jeder Tür der oft liebevoll von den Angehörigen mit alten Möbeln eingerichteten Zimmer ein Foto des Bewohners oder der Bewohnerin von früher. So finden die verwirrten alten Damen und Herren schnell ihr Zimmer wieder. "Das sind wahnsinnig schöne Fotos, mit wahnsinnig schönen Menschen drauf", sagt Suse Scherf und zeigt liebevoll auf Frauen im Pelzmantel und mit Dutt oder auf Männer im feinen Zwirn mit einem jugendlich verschmitzten Lächeln. Vor 40, 50 Jahren ging man noch fein herausgeputzt zum Fotografen, das Wort Selfie war noch nicht erfunden.

Heim in Erfurt wie zu DDR-Zeiten eingerichtet - Kinderwagen gesucht

Heute sind die Menschen auf den Jugendporträts alt, schwer krank und werden auf der DDR-Station in Erfurt unter anderem von Pflegerin Monique Schneeberg betreut. Die 24-Jährige hantiert in einer Uralt-DDR-Küche und hat mit dem auf DDR getrimmten Radio mit den großen Tasten so ihre Probleme: "An und aus kriege ich es", sagt sie lachend. Die Senioren und Seniorinnen hätten viel über die DDR zu erzählen. Es komme auch immer wieder vor, dass Frauen nach ihrem Kind suchen, sie sich also ans Jungsein, an die Zeit als junge Mutter erinnern. Für solche Momente steht ein Kinderwagen mit Puppe auf dem Flur. "Leider kein DDR-Kinderwagen, den suchen wir noch", sagt die Heimleiterin und führt zur Waschküche. Hier stehen ein Waschzuber, eine Mangel und auf der Wand sind "Spee"-Waschkartons aufgemalt, im Regal stehen Dosen mit "Ata". An der Garderobe, ein paar Schritte weiter, hängt eine Dederon-Kittelschürze. "Die ziehen unsere Bewohner gern an, auch die Männer."

Die aufgemalten und mit alten DDR-Utensilien ausgestatteten Stationen auf dem Flur sollen den Laufdrang der Bewohner etwas unterbrechen. Sie sollen etwas anfassen, etwas anziehen, etwas mitnehmen können. So ist das Schuhregal an diesem Tag leer, der Reiseatlas mit Ferienzielen, die in der DDR erreichbar waren, steht aber noch im Regal.

Lange Wartelisten im Erfurter "DDR-Heim"

In Erfurt lässt ein Seniorenheim für demenzkranke Bewohner die DDR auferstehen
Vieles ist nur aufgemalt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Die Menschen in Deutschland werden älter. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei knapp 81 Jahren. Damit steigt aber auch das Risiko, an Demenz zu erkranken. "Wir müssen darauf reagieren. Da müssen sich die Pflegeheime alle etwas einfallen lassen", ist sich Altenheim-Chefin Scherf sicher. Mit dem Böhm-Konzept à la DDR hat das AWO-Seniorenheim am Rande von Erfurt-Vieselbach offenbar ins Schwarze getroffen. "Die Menschen kommen so viel besser in der neuen Umgebung zurecht - in einem alten Sessel vor einer Vitrine, die sie aus ihrer Kindheit kennen, fühlen sie sich zu Hause." Die Wartelisten für einen Platz auf der DDR-Station sind lang.

Suse Scherf setzt auch auf die Hilfe der Angehörigen. Die wollen oft die Zimmer im Pflegeheim frisch, neu, modern einrichten. Das, sagte Suse Scherf, ist bei Demenzkranken die falsche Therapie. "Wir wollen am liebsten das ganz Alte, das Vertraute. Auch Fotoalben mit Schwarz-Weiß-Bildern können unsere Bewohner viel besser erkennen als ein Farbfoto."

Essen wie in der DDR und Liebschaften bis ins hohe Alter

Die DDR sozusagen auf Rezept gibt es auch beim Essen. So kommen sonntags Klöße und Braten auf den Tisch, oft gibt es Kartoffeln und Grützwurst, Gemüse wie Bohnen oder Erbsen. "Das aber wollen alle unsere Bewohner", meint die Chefin.

Das AWO-Seniorenheim "Am Park" hat insgesamt 114 Betten, 85 Pflegemitarbeiter plus 15 Mitarbeiter in der Küche und Reinigung. "Alle Stellen sind besetzt und wir bilden im nächsten Lehrjahr drei Azubis aus", ist Suse Scherf stolz. Die gelernte Kinderkrankenschwester hat erst später umgesattelt auf Altenpflegerin und sagt: "Es ist schön zu sehen, dass sich auch im Alter neue Freundschaften bis hin zu Liebschaften bilden können. In der Generation, die gerade bei uns wohnt, sind Pflegeheime oft noch mit dem Vorurteil behaftet: 'Die sitzen alle nur rum und vegetieren vor sich hin.' Das ist keineswegs so. Bei uns ist immer Leben in der Bude." Und wenn es das kleine Tänzchen zum DDR-Schlager ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. Juli 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2019, 06:00 Uhr

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47 Kommentare

15.07.2019 10:23 Dorfbewohner 47

"martin 46

@44 dorfbewohner:
...Ich würde aber nicht sagen, dass etliche Genossen bei fachlich Qualifizierten die Klappe hielten, die sie brauchten, sondern von denen sie meinten sie zu brauchen. Das konnte wohl manches Mal ein wenig auseinander klaffen…"

Nun ja martin, so wie ich schon schrieb, ich persönlich habe in meiner Branche diese Erfahrung gemacht und die des öfteren. Bornierte Genossen wurden dabei generell nicht für voll genommen und wenn die sich Kraft ihres Amtes doch durchsetzten, mussten sie alles dann auch selber veranlassen und vor allen Dingen auch verantworten.

Was meinen Sie, wie die dann gezuckt haben. Alles gefallen haben wir uns nie lassen, man musste dabei nur etwas 'denken'.

Und wer von Anfang an bei diesen Genossen gekuscht hat, der wollte es so und dem war sowieso nicht zu helfen.

Wäre es anders gewesen, hätte das DDR-Volk die nicht 1989 so einfach zum Teufel jagen können.

15.07.2019 08:32 martin 46

@44 dorfbewohner: Ich finde Sie haben beide ein Stück weit Recht. #27 Klaus stimme ich soweit zu, dass man nicht denken MUSSTE. Das KONNTE man den Genossen überlassen und alles wurde irgendwie geregelt.

Ich würde aber nicht sagen, dass etliche Genossen bei fachlich Qualifizierten die Klappe hielten, die sie brauchten, sondern von denen sie meinten sie zu brauchen. Das konnte wohl manches Mal ein wenig auseinander klaffen.

Und es gab ja auch die Genossen, die so dogmatisch und / oder so blöd waren, dass selbst das nicht funktionierte.

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