Straßenbahnen am Erfurter Anger bei Nacht
Damit auf Erfurts Straßen und in der Altstadt nicht die städtische Beleuchtung ausfällt, mussten die Stadtwerke als Strom- und Gaslieferant einspringen. Bildrechte: imago/VIADATA

Zusatzkosten Erfurt: Missglückter Wechsel des Strom- und Gasanbieters wird teuer

Der Wechsel zu einem billigeren Strom- und Gasanbieter sollte Erfurt beim Sparen helfen. Doch das ging daneben. Stattdessen sorgen weiter die Stadtwerke für helle und warme Amtsstuben, Kindergärten, Schulen und mehr.

Straßenbahnen am Erfurter Anger bei Nacht
Damit auf Erfurts Straßen und in der Altstadt nicht die städtische Beleuchtung ausfällt, mussten die Stadtwerke als Strom- und Gaslieferant einspringen. Bildrechte: imago/VIADATA

Für die Belieferung mit Strom und Gas muss die Stadt Erfurt in den kommenden Monaten deutlich mehr bezahlen. Die Zusatzkosten in diesem Jahr belaufen sich voraussichtlich auf eine sechsstellige Summe, wie der Beigeordnete Steffen Linnert auf Anfrage von MDR THÜRINGEN sagte. Die Stadt muss tiefer in die Tasche greifen, um unter anderem Schulen, städtische Kindergärten, den Zoopark und das Rathaus mit Energie versorgen zu lassen. Darum sollte sich eigentlich seit dem 1. Januar die Deutsche Energie GmbH kümmern. Das Unternehmen stellte jedoch Ende 2018 einen Insolvenzantrag - und die Lieferung ein. Seit Jahresbeginn kommen Strom und Gas für die Stadt Erfurt nun, wie bisher auch, von den Stadtwerken. Doch diese kurzfristige Grundversorgung kostet.

Stadtwerke wollen finanziell entgegenkommen

Der Fischmarkt mit dem Erfurter Rathaus und dem Haus zum breiten Herd
Erfurter Rathaus Bildrechte: IMAGO

Die Stadtwerke kündigten an, der Stadt Erfurt bei der "Not-Versorgung" mit Strom und Gas finanziell entgegenkommen zu wollen. "Wir liefern zunächst im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Ersatzversorgung Strom und Gas für die städtischen Einrichtungen", sagte Stadtwerke-Sprecher Henry Köhlert MDR THÜRINGEN am Donnerstag. In den nächsten Tagen werde die Energietochter SWE Energie GmbH der Stadt außerdem einen Interimsvertrag mit einer Laufzeit von sechs Monaten vorlegen. Darin könnten marktgerechte Preise vereinbart werden, bis die Neuausschreibung der Stadt zum Tragen komme. "Wir sind sicher, dass wir zu einem für beide Seiten tragbaren Preis kommen werden", sagte Köhlert.

Hintergrund des Vertragsangebotes der Stadtwerke ist, dass die Ersatzversorgung in der Regel teurer ist als eine langfristig vereinbarte Versorgung. Denn kurzfristig zu liefernde Strommengen müssen an der Leipziger Strombörse eingekauft werden. Bei kurzfristigen Einkäufen lägen die Preise in der Regel höher als bei längerfristigen Abschlüssen, so Stadtwerke-Sprecher Köhlert.

Die Landeshauptstadt wollte sparen

Ursprünglich wollte die Stadt Erfurt sparen und hatte deswegen die Energie-Versorgung für ihre Eigenbetriebe neu ausgeschrieben. Den Zuschlag in dem Verfahren erhielt die Deutsche Energie GmbH (DEG) aus Erlenbach in Baden-Württemberg. Sie hatte das günstigste Angebot abgegeben, so dass die Stadt zugreifen musste. Der 17 Millionen Euro schwere Vertrag mit der DEG sollte für zwei Jahre gelten. Am 21. Dezember allerdings teilte das Unternehmen mit, dass die Insolvenz drohe. Zugleich wurde ein Lieferstopp für alle Kunden verkündet. Nach MDR-Recherchen hatte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet wegen offener Zahlungen seinen Vertrag mit der Deutsche Energie GmbH gekündigt.

Damit in derartigen Fällen nirgendwo plötzlich das Licht ausgeht und es kalt wird, hat der Gesetzgeber vorgesorgt. Als Ersatz müssen dann der größte regionale oder der örtliche Energie-Anbieter einspringen. In Erfurt sind das die eigenen Stadtwerke. Wie Dezernent Steffen Linnert MDR THÜRINGEN sagte, wird jetzt geprüft, ob der Zweitplatzierte der zurückliegenden Ausschreibung den Zuschlag für die Energieversorgung erhalten soll. Das waren kurioserweise die Erfurter Stadtwerke.

Nicht auszuschließen ist gegenwärtig aber auch, dass es zu einem neuen Verfahren kommt. Bis dann allerdings ein Abschluss unter Dach und Fach ist, kann es Linnert zufolge Monate dauern. Die Stadtwerke Erfurt hatten bis Ende 2018 jährlich 34 Gigawattstunden (GWh) Strom und 27 GWh Gas an die Stadt geliefert. Dafür zahlte die Stadt rund acht Millionen Euro pro Jahr.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 03. Januar 2019 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2019, 15:16 Uhr

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24 Kommentare

04.01.2019 22:05 part 24

...dann sollen sie doch bitte an der Leipziger Strombörse neue Anbieter suchen, die meisten werden preiswerter sein als SWE...aber bitte nur mit Verträgen bis zum garantierten Preis...das sind in der Regel Anbieter, die seit Jahren am Markt sind und sogar Öko- Strom anbieten...

04.01.2019 19:23 martin 23

@22 insider: Was möchten Sie mit der "Papa-Nummer" bewirken? Mitarbeit an Ausschreibungen ist Teil meiner Arbeit und ich arbeite nicht in einem Familienbetrieb.

Dass das wirtschaftlichste Angebot anzunehmen ist, ist auch (mir) in der Tat genauso wenig neu, wie Bewertungsmatrizen und Punktesysteme.

Je nach Auftragsart können Sie neben den diversen Unbedenklichkeitsbescheinigungen natürlich auch Referenzen etc. fordern und versuchen die Spreu vom Weizen zu trennen. Das wird in jeder vernünftigen Ausschreibung gemacht.

Aber sie dürfen bei einem Stromliefervertrag - um den geht es hier - keinen lokalen oder regionalen Bieter bevorteilen, wie es #16 wolfgang (inhaltlich durchaus richtigerweise) angemerkt hat. Darauf habe ich mich bezogen.

Da ist das EU-Recht strikt. Und wer das durch die Brust ins Auge doch versucht, landet mittlerweile blitzschnell in der Nachprüfung und hat dann ein gravierendes Problem ....

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