Der Fischmarkt mit dem Erfurter Rathaus und dem Haus zum breiten Herd
Im Erfurter Rathaus sind wichtige Posten neu zu besetzen (Archivfoto). Bildrechte: IMAGO

Besetzungswünsche weisen auf Koalitionspläne hin Erfurts schwierige Suche nach neuen Dezernenten

Jeder zehnte Thüringer lebt in der Landeshauptstadt. Und die steht in diesen Tagen vor entscheidenden kommunalpolitischen Weichenstellungen. Es geht vordergründig um die Neuwahl eines Dezernenten. Tatsächlich aber auch um innerparteiliche Machtkämpfe und Koalitionsfragen - und selbst die Landespolitik spielt in die Entscheidung mit hinein.

von Mathias Thüsing

Der Fischmarkt mit dem Erfurter Rathaus und dem Haus zum breiten Herd
Im Erfurter Rathaus sind wichtige Posten neu zu besetzen (Archivfoto). Bildrechte: IMAGO

Die Stadtverwaltung Erfurt am Ende der vergangenen Woche: Oberbürgermeister Andreas Bausewein befand sich im Urlaub, nachdem er sich bereits bis Ende August eine längere Auszeit vom Amt genommen hatte. Sein Stellvertreter, Alexander Hilge, machte ebenfalls Ferien. Die Dezernentinnen Tamara Thierbach beziehungsweise Karola Pablich waren verreist. Pablich ist nach Informationen von MDR THÜRINGEN während ihres Urlaubs erkrankt und wird voraussichtlich vor Beginn ihrer Rente nicht ins Amt zurückkehren. Die komplette Arbeit des 3.000-Mann-Betriebs Stadtverwaltung lag in den Händen von Ordnungsdezernent Steffen Linnert (SPD) beziehungsweise Umweltdezernentin Kathrin Hoyer (Grüne). Mehr als reine Verwaltung der Kommunalpolitik ging da kaum.

Nachfolge der Finanzdezernentin ist ungeklärt

"In dieser Stadt passiert seit der OB-Wahl im April überhaupt nichts mehr", kritisiert Christian Polozcek von der oppositionellen Fraktionsgemeinschaft der Bunten. "Rot-Rot-Grün ist komplett mit sich selbst beschäftigt und Finanzdezernentin Pablich geht, ohne den Haushalt für das kommende Jahr auch nur ansatzweise vorbereitet zu haben."

Direktkandidat Bundestagswahl Linke Steffen Harzer Wahlkreis 196
Der Landtagsabgeordnete der Linken, Steffen Harzer, möchte Erfurter Ordnungsdezernent werden. Bildrechte: MDR/Steffen Harzer

Ihre Nachfolge ist eines der großen Fragezeichen in der Erfurter Kommunalpolitik. Andreas Bausewein würde auf diesem Posten gerne seinen Parteifreund Linnert sehen. Der jedoch ist kein ausgewiesener Finanzfachmann - und hat von der im Dezember aus dem Amt scheidenden Pablich auch keine Einweisung bekommen. Wie es heißt, hatte er sich auch - Stand Ende vergangener Woche - noch gar nicht offiziell beworben. Am Sonntag endete die Frist. Zur Wochenmitte sollen die Bewerber den Fraktionen bekannt gegeben werden.

Steffen Harzer hat sich beworben. Den Landtagsabgeordneten der Linken und Ex-Bürgermeister von Hildburghausen zieht es auf seine alten Tage noch einmal in die Kommunalpolitik. Die Erfurter Linke hat ihn in einem internen Auswahlverfahren als ihren Kandidaten für den Posten von Steffen Linnert nominiert. "Ordnungsamt und Sport, das sind Zuständigkeiten, die mich fachlich immer schon interessiert haben", sagt Harzer. Eine Flucht aus der Landespolitik und den unsicheren Chancen, angesichts schlechter Umfragewerte wieder in den Landtag einzuziehen, sei das nicht. Vielmehr sei es allein die Aufgabe, die ihn reize, sagt Harzer.

Erfurter SPD liebäugelt mit einem CDU-Kandidaten

So weit, so unproblematisch, gäbe es da nicht noch den Kandidaten Andreas Horn. Denn der Rechtsanwalt und CDU-Stadtrat gilt selbst für Bausewein offenbar als geeigneter Dezernent. Und selbst Teile der SPD-Fraktion können sich für den Rechtsanwalt begeistern - wenn auch um den Preis einer de-facto Koalitionsaussage zugunsten der CDU im Vorfeld der kommenden Kommunalwahl. Ganz so dramatisch sehen es SPD-Ratsherren und Frauen nicht. "Es gibt große Unzufriedenheit in unseren Reihen mit den roten und grünen Koalitionspartnern", heißt es etwa. Oder: "Die Linke hat bislang nur die Sozialdezernentin Tamara Thierbach gestellt. Den Posten soll sie haben. Mehr aber auch nicht." Als Nachfolgerin für Thierbach - auch sie geht im Dezember - ist die Geschäftsführerin der Landespartei, Anke Hofmann-Domke, im Gespräch.

Frau mit verschränkten Armen sitzt auf einem Stuhl
Die grüne Umweltdezernentin Kathrin Hoyer im Erfurter Stadtrat. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Ebenfalls in das Personalpaket mit eingeschnürt ist auch das Schicksal der bündnis-grünen Umwelt-Dezernentin Kathrin Hoyer. Ihre Amtszeit endet im Februar. Sie ist in der Stadtpolitik umstritten, seitdem mit ihr die Baupannen und millionenteuren Kostensteigerungen im runderneuerten Steigerwaldstadion nach Hause gingen. Die Grünen stehen zu ihrer Parteifreundin und bestehen auf ihrer Weiterbeschäftigung. Oberbürgermeister Bausewein will Hoyer dagegen - so ist von interessierter Seite aus der SPD-Fraktion zu vernehmen - am liebsten so schnell wie möglich loswerden. Gegenüber seiner SPD-Stadtratsfraktion soll er Hoyer als "im Amt überfordert" bezeichnet haben. Ob das stimmt? Nachfragen sind schwierig. Bausewein macht Ferien.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten für Mittel-Thüringen | 16. Oktober 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2018, 10:45 Uhr

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11 Kommentare

16.10.2018 19:37 Quantix 11

Im Kreise der Blinden ist der Einäugige König. Hoyer hat Bausis umbegrenztes Vertrauen, schließlich ist sie die einzige Person, neben der er wie ein ernstzunehmender Politiker wirkt.

16.10.2018 13:51 mueller 10

Der Kopf stinkt bekanntlich vom Kopf.
Was hat man vom neuen alten OB seit der Wahl gehört - NICHTS! Die Stadtverwaltung gleicht gerade einem führungslosen Kahn ... und wenn dann auch noch jemand wie Frau Hoyer ans Steuer darf, kann das einen nur Angst machen.
Sachverstand spielt bei der Besetzung der Posten scheinbar keine Rolle - nur das Parteibuch ist wichtig. Zu doof nur, das gerade die Linken und die Grünen da wenig zu bieten haben.

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