Melina Yilmaz
Melina Yilmaz: "Ich will nicht resignieren vor all dem Leid in der Welt." Bildrechte: MDR/privat

Serie I Starke Frauen Frauen müssen zusammenhalten - Dolmetscherin Medina Yilmaz

100 Jahre ist es her, dass in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde. Garant für eine echte Emanzipation ist das allerdings nicht. In der Türkei beispielsweise ist es Pflicht, zu wählen. Die Frauen sind dennoch nicht gleichberechtigt. Medina Yilmaz aus Erfurt will das ändern. Ihre eigene Freiheit hat sie sich so hart erkämpft, dass sie anderen Frauen helfen will, männlichen Machtstrukturen zu entkommen.

von Grit Hasselmann

Melina Yilmaz
Melina Yilmaz: "Ich will nicht resignieren vor all dem Leid in der Welt." Bildrechte: MDR/privat

Gleich bei unserer ersten Begegnung verlegt Medina Yilmaz das Gespräch kurzerhand aus dem Café in den Garten. Denn zum einen verwöhnt uns dieser November mit tollem Wetter, zum anderen hat sie gerade sehr viel Zeit in Flugzeugen und kleinen Räumen verbracht. Der Grund: Für ihren neu gegründeten Verein "Frauen für den Nahen Osten e.V." war sie an der Grenze zu Syrien und hat mit Frauen dort über ihre Probleme geredet.

Überhaupt hat die 36-Jährige die Hilfe für Frauen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Sie selbst ist als Tochter eines Imams in Berlin geboren und mit drei Geschwistern aufgewachsen. Ihre Eltern sind Kurden aus der Türkei.

Schon als Kind hat sie für die Familie, für die Nachbarn übersetzt, Briefe geschrieben und beim Kontakt zu Behörden und Ämtern in Berlin geholfen. Fast folgerichtig ist sie dann Konferenz-Dolmetscherin und Moderatorin geworden. Und sie lebt mittlerweile ganz anders als ihre Eltern.

Serie I Starke Frauen Medina Yilmaz - Konferenzdolmetscherin aus Erfurt

Sie wuchs auf als Tochter eines Imams in Berlin-Wedding. Nach einer arrangierten Hochzeit und vielen schlimmen Erfahrungen kann sie heute ihr Leben selbst bestimmen. Das will sie für alle Frauen. Und hilft, wo sie kann.

Medina Yilmaz
Medina Yilmaz auf der Gründungsfeier des Vereins "Frauen für den Nahen Osten" e.V. Bildrechte: MDR/privat
Medina Yilmaz
Medina Yilmaz auf der Gründungsfeier des Vereins "Frauen für den Nahen Osten" e.V. Bildrechte: MDR/privat
Medina Yilmaz
Medina als Kind (Mitte) in Berlin. Bildrechte: MDR/privat
Medina Yilmaz
Medina mit 12 Jahren auf einem Spielplatz. Damals lebte sie in Berlin-Wedding. Bildrechte: MDR/privat
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Medina weiß aus eigener Erfahrung, warum Frauen Hilfe brauchen. Bildrechte: MDR/privat
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Auch dieser Familie konnte sie helfen, sicher zu leben. Bildrechte: MDR/privat
Medina Yilmaz
Diese Schwestern hatte der Krieg getrennt. Medina konnte sie wieder zusammenbringen. Bildrechte: MDR/privat
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Geholfen hat ihr dabei ihre große Neugier. Ihre Erziehung war extrem konservativ. Und damit war sie nicht zufrieden. Immer wieder hat sie sich mit anderen Kindern verglichen, in der Schule beispielsweise. Und fühlte sich als Mädchen extrem ungerecht behandelt in ihrer patriarchal geprägten Umgebung. Egal, ob Schwimmverbot oder das ungeliebte Kopftuch - all das hat sie wütend gemacht. Mit 17 musste sie sogar eine arrangierte Ehe eingehen. Und auch wenn das zunächst komisch klingt, genau das hat ihr am Ende geholfen. Denn mit ihrem Mann zog sie damals aus ihrer engen Gemeinschaft in Berlin weg. Begann eine Ausbildung, konnte das Kopftuch ablegen.

Medina erlebte Schreckliches

Und am Ende konnte sie ihren Mann überreden, sie freizugeben. Als ausgebildete Dolmetscherin, als emanzipierte Frau ging sie zurück nach Berlin, wollte wieder bei ihrer Familie sein. Das allerdings wäre ihr beinahe zum Verhängnis geworden. Ihr großer Bruder wollte die Scheidung nicht akzeptieren. Medina erlebte Schreckliches. Nach einem Krankenhaus-Aufenthalt kam sie deshalb ins Frauenhaus.

Dort begann dann der zweite große Schritt zu ihrer Emanzipation. Was sie im Frauenhaus gesehen hat, welche Frauenschicksale sie dort gesehen hat, was ihr selber passiert war - all das führte zu einem völlig neuen Leben.

Auch die Liebe half ihr. Ihr Mann ist auch Kurde. "Er war derjenige, der mir wirklich beigebracht hat, Frau zu sein". Seit zehn Jahren sind die beiden jetzt verheiratet, kamen dann 2010 auch gemeinsam nach Thüringen.

Medina ärgert sich vor allem über Frauen, die ihr Leben nicht hinterfragen. Die einfach die zugewiesenen Rollen akzeptieren. "Frauenwahlrecht heißt noch lange nicht, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass Frauen wirklich die Wahl haben." Denn die Gleichberechtigung ist eindeutig ein Macht-Problem. Egal, ob in Religion oder Gesellschaft – immer versuchen die Männer, ihre Dominanz zu erhalten. Oft auch mit Gewalt.

Und deshalb will Medina Frauen helfen, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Das begann im Privatleben, mit Deutschunterricht, Rechtsberatung und vor allem, indem sie von sich erzählt und hofft, dass gerade junge Frauen dadurch Mut fassen.

Junge Frauen aus Kriegsgebieten holen

Mittlerweile hat Medina gemerkt, wie wichtig es ist, dass Frauen erst einmal sicher leben. Und hat begonnen, junge Frauen aus Kriegsgebieten nach Deutschland zu holen. Und ihnen Mut zu machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Außerdem setzt sie sich für wirkliche Emanzipation ein.

Denn von echter Gleichberechtigung sind wir aus ihrer Sicht weit entfernt. Frauen werden schlechter bezahlt, sie sind seltener in Führungspositionen zu finden. "Wenn Frauen zu all dem, was sie zu Hause tun, auch noch arbeiten gehen, ist das keine Gleichberechtigung."

Oft geht Medina Yilmaz über ihre Grenzen. Arbeit, Ehrenamt, Familie, dazu die Schicksale, denen sie begegnet, die sie oft lange nicht loslassen. Ihre Motivation: "Ich will nicht resignieren vor all dem Leid in der Welt. Ich denke, wenn jeder Mensch nur ein paar Menschenleben berühren würde, hätten wir eine bessere Welt. Mir ging es sehr schlecht im Leben. Und immer sind mir Menschen begegnet, die mir geholfen haben. Die mich berührt haben. Ohne die hätte ich es nicht geschafft."

Und Medina Yilmaz genießt ihre Freiheit, ihr Leben so sehr, dass sie all das auch weitergeben will. Und eigentlich will sie, dass alle Menschen glücklich leben können. Vielleicht wird sie das nicht erreichen. Aber: einen Anfang hat Medina Yilmaz ganz sicher gemacht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 12. November 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2018, 20:48 Uhr

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