Anschlag Nach Hanau: Entsetzen in Thüringen - Hunderte bei Mahnwachen

Im hessischen Hanau hat es bei einer Gewalttat elf Tote gegeben. Der Täter hatte offenbar ein rassistisches Motiv. In Thüringen löste der Anschlag Anteilnahme und Entsetzen aus, Hunderte Menschen versammelten sich am Donnerstagabend zum Gedenken.

Menschen versammeln sich zu einer Mahnwache auf dem Anger in Erfurt, dabei halten sie ein Transparent mit der Aufschrift "Alles muss man selber machen".
Nach dem Anschlag in Hanau versammelten sich am Donnerstagabend Hunderte Menschen auf dem Anger in Erfurt. Bildrechte: MDR/Ulrich Sondermann-Becker

Bei Mahnwachen ist am Donnerstag auch in Thüringen der Opfer des mutmaßlich rechtsradikal motivierten Anschlags in Hanau gedacht worden. In Erfurt kamen am Abend nach Polizeiangaben in der Spitze bis zu 300 Menschen auf dem zentralen Anger zusammen und zündeten Kerzen an. Dazu legten sie Zettel nieder, auf denen etwa "Rassismus tötet!" geschrieben stand. In Nordhausen zählte die Polizei etwa 80 Teilnehmer, auch in Ilmenau, Weimar und anderen Thüringer Städten waren Gedenkaktionen angemeldet. Alle Veranstaltungen seien ruhig verlaufen, hieß es bei der Landeseinsatzzentrale der Polizei.

Mahnwachen in Thüringen als Zeichen gegen Rechts

Die Demonstranten wollten den Angehörigen der Toten ihre Solidarität bekunden und ein deutliches Zeichen gegen rechte Umtriebe in der Gesellschaft setzen. Unter den Menschen auf der Straße waren viele Landes- und Lokalpolitiker, zum Beispiel Bodo Ramelow (Linke), Georg Maier, Parteichef Wolfgang Tiefensee und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (alle SPD).

Bei der Mahnwache auf dem Anger in Erfurt wurden Kerzen entzündet, es nahmen unter anderem auch Thüringens SPD-Chef Wolfgang Tiefensee und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein teil.
Bei der Mahnwache auf dem Anger in Erfurt wurden Kerzen entzündet, es nahmen unter anderem auch Thüringens SPD-Chef Wolfgang Tiefensee und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein teil. Bildrechte: MDR/Ulrich Sondermann-Becker

Nach dem Anschlag in Hanau forderten Thüringer Parteien und Bündnisse einen Schulterschluss der Gesellschaft. Die Thüringer Linke befürchtet, dass sich Täter so lange weiter ermutigt fühlten, so lange rechte und rassistische Hetze nicht konsequenten Widerspruch erfahre und geächtet werde. Gerade viele Migrantinnen und Migranten verspürten schon lange Angst und Schutzlosigkeit und brauchten die Solidarität der Gesellschaft. Bund und Länder müssten noch mehr Anstrengungen als bisher unternehmen, rechte und rassistische Straftaten zu ahnden, heißt es in einem Statement der Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss und Bundestagsabgeordneten Martina Renner (beide Linke).

Ramelow und Kemmerich twittern zu Hanau

Der frühere Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Menschen in Hanau!" Auch Ramelows Nachfolger, Thüringens derzeit geschäftsführender Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) sprach sein Beileid aus. "Wir sind entsetzt wegen der Gewalttaten, die in Hanau stattgefunden haben. In Gedanken sind wir bei den Opfern und Angehörigen", schrieb Kemmerich auf Twitter in seiner ersten Wortmeldung seit dem Tag seiner Rücktrittserklärung am 8. Februar.

Dorothea Marx, innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, warnte vor zunehmender Gefahr durch rechten Terror. Sollte sich der Verdacht eines extrem rechten Tatmotivs bestätigen, sei das bereits der dritte rechte Terrorakt innerhalb von nicht einmal einem Jahr. Einmal mehr werde deutlich, dass die demokratischen Parteien zusammenstehen müssten mit der Zivilgesellschaft gegen jene, die durch ihre Rhetorik den Boden für solche Gewalttaten bereiteten.

Björn Höcke: Wahnsinn scheint sich auszubreiten

Die Täter seien "angestachelt von einem immer weiter um sich greifenden rassistischen und menschenverachtenden Diskurs", der online und offline stattfinde, sagte Madeleine Henfling, innenpolitische Sprecherin der Grünen im Thüringer Landtag. Wer jetzt noch nicht verstanden habe, dass Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus habe, komme nicht im Ansatz seiner politischen Verantwortung nach, so Henfling.

Nach dem Anschlag in Hanau haben sich in Weimar Menschen zu einer Mahnwache versammelt
Am späten Nachmittag kamen auch in Weimar die ersten Teilnehmer einer Mahnwache zusammen. Vor Ort waren unter anderem der Linke-Lantagsabgeordnete Steffen Dittes und Stadträte von Linke, SPD und Grünen. Bildrechte: MDR/Sebastian Großert

Björn Höcke, Fraktionschef der AfD im Thüringer Landtag, sagte, die Tat mache ihn fassungslos. Der Wahnsinn scheine sich im Land immer mehr auszubreiten. Der Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde in Thüringen, Suleman Malik, sieht eine zunehmende Gefahr für die Demokratie in Deutschland und auch in Thüringen. Muslime sähen die Entwicklung mit großer Sorge, der Damm gegenüber den Rechtsradikalen sei gebrochen. Das zeigten auch die jüngsten Entwicklungen in Thüringen. Die Ahmadiyya-Gemeinde will am Freitag der Anschlagsopfer mit Gebeten gedenken. Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen, sagte, eine weitere Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts dürfe nicht weiter hingenommen werden.

Hanau: SEK-Beamte sind in der Nähe eines Tatorts im Einsatz.
In Hanau sind neun Menschen erschossen worden. Der mutmaßliche Täter und seine Mutter sind ebenfalls tot. Bildrechte: dpa

Rassistischer Hintergrund in Hanau

Bei der Gewalttat im hessischen Hanau hatte ein Mann am Mittwochabend zunächst neun Menschen im Alter von 21 bis 44 Jahren erschossen. Unter ihnen waren sowohl ausländische als auch deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund. Nach der Tat wurden er und seine 72 Jahre alte Mutter tot in einer Wohnung gefunden. Laut Bundesanwaltschaft ergeben sich aus Videos und Dokumenten des mutmaßlichen Schützen "gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat".

Anmerkung der Redaktion von Freitag, 21. Februar, 14:00 Uhr: Wir schließen die Kommentarfunktion an diesem Beitrag jetzt. Grund dafür ist, dass es ein Teil der User nicht vermag, die Regeln des Anstandes und der Pietät zu wahren. Wir bedauern diese Entscheidung.

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. Februar 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2020, 14:01 Uhr

124 Kommentare

Rotti vor 6 Wochen

Es sind Menschen gestorben und es wird im Angesicht der Toten, des Blutes und des Leids der Hinterbliebenen politisiert. Hat das eigentlich noch was mit Pietät zu tun? Nehmen Sie hier Anteil an dem Schicksal oder tragen Sie hier Ihre politischen Schaukämpfe aus? Sollten wir nicht mal eine Pause machen und uns auf das Elend besinnen, was hier einer an so vielen angerichtet hat?
Ich hoffe und bete, dass die Menschen im Lande zur Besinnung kommen und dass sich so etwas nie wiederholt.

martin vor 6 Wochen

@rotti: Wer instrumentalisiert die Morde von Hanau? Ich lese bisher nur Behauptungen einer Instrumentalisierung, die in meinen Augen lediglich Vertuschungs- und Relativierungsversuche sind.

martin vor 6 Wochen

@ule: Wie kommen Sie auf die Unterstellung, dass die von Ihnen sog. "Akteure, die ..." den Tod der Mutter nicht bedauern? Übrigens: Nach allem, was bisher bekannt ist, dürfte die Bezeichnung "Amokläufer" völlig falsch sein. Soweit bisher bekannt, war das eine kühl geplante Tat.

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