Summende Schadstofftester Honig von der Deponie

"Wer einmal hier draußen war, denkt nicht mehr an Müll"

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Mit einer irren Idee fing vor neun Jahren alles an: Die Deponie in Erfurt-Schwerborn schaffte zwei Bienenvölker an, um im Honig Schadstoffe nachzuweisen. Weil aber keine drin waren, wurde der "Deponie-Honig" zum heißbegehrten Geschenk.

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Die Mülldeponie in Erfurt-Schwerborn hat Streuobstwiesen, ein Insektenhotel und Steinhaufen für Molche. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Mit einem weißen Gelände-Pickup geht es hoch hinaus - zum höchsten Punkt der Deponie Erfurt-Schwerborn. Deponie-Gärtner Thomas Maul bringt uns auf 85 Meter hoch. Wir sind auf dem "Altkörper". Was hässlich klingt, sieht ganz und gar nicht nach Müllhalde aus. Überall wachsen Sträucher, Gräser, Blumen. Plötzlich rennt ein Hase über den Weg. Wie im Drehbuch. "Da drüben sind auch Rebhühner", sagt Maul und zeigt auf einen Dickicht aus Ästen.

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Das Deponie-Gelände ist 96 Hektar groß, davon sind 2/3 begrünt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Unter uns lagert "DDR-Hausmüll unsortiert" von 1978 bis zur Wende. Der Berg hat sich über die Jahre gesetzt, wurde mit Erde aufgeschüttet und bepflanzt. "Es ist ein sehr trockener Standort hier draußen", erzählt Maul. Deshalb wurden die Pflanzen vorher getestet, ob sie auch tatsächlich hier wachsen. Und das tun sie. 84.000 Sträucher haben Maul und seine Kollegen im Laufe der Jahre hier gepflanzt.

Die meisten davon tragen irgendwann im Laufe des Jahres Beeren, die sich die Vögel dann holen. Ein etwas älteres ornithologisches Gutachten bescheinigt der Deponie 64 verschiedene Vogelarten. "Ich komme vom Dorf, die Namen kannte ich nicht mal", sagt Maul.

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Die Kugeldisteln sind bei Bienen sehr beliebt. Hier sammelt eine Wildbiene. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Er ist nicht nur Gärtner, er ist auch Imker. In dritter Generation. Als Kind, sagt er, hat er gemeinsam mit seinem Bruder Mittagsschlaf auf dem Bienenkasten gemacht. Seit etwa 20 Jahren imkert er selbst. Deshalb kam ihm wohl auch die Idee, für die Deponie "summende Schadstofftester" anzuschaffen. Mit zwei Völkern ging es los.

Tatsächlich war das die Ursprungsidee: Die Bienen sollten testen, wie viele Schadstoffe hier noch austreten. Und ihr Honig zeigt bei Tests: Die Deponie ist nicht mehr belastet. Es treten keine Giftstoffe aus. Der Honig ist dabei ein Nebenprodukt.

Thomas Maul Deponie-Imker

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Hier sieht die Deponie noch nach Deponie aus. Blick auf temporäres Zwischenlager für Hausmüll. Das Schwarze/Graue ist die (inzwischen getrocknete) Schlacke aus der Müllverwertung. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Erfurt: Deponie-Honig nicht zum Verkauf

Der Honig ist ein Nebenprodukt, das zum absoluten Renner geworden ist. Allerdings werden die Gläser nicht verkauft. Die Stadtwerke verschenken den Honig, der den Namen "Buddel-Honig" trägt, Weihnachten an Mitarbeiter und Geschäftskunden. Manche sind skeptisch, denken, er schmeckt im Abgang nach Mülleimer.

Solche Geschmacksrichtungen bieten wir nicht an! Honig wird prinzipiell nur von Blüten gesammelt. Es sind ja keine Wespen, die auf Cola-Dosen oder Eis gehen. Außerdem ist es eine Deponie - keine Müllhalde. Der Unterschied ist: Hier liegt kein Müll rum. Hier wird die Schlacke des verbrannten Mülls deponiert - also mit Erde begraben, bepflanzt. Es blüht. Es ist wie ein Naturschutzgebiet: Hasen, Rebhühner, Fasane, Schafe - hier fühlt sich alles pudelwohl und will nicht mehr weg. Ich auch nicht.

Thomas Maul Deponie-Imker

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Soay-Schafe, eine schottische Rasse: Die Tiere bewegen sich frei auf dem Deponiegelände. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Geht auch nicht. Das Projekt Deponie-Honig hat sich verselbstständigt. Thomas Maul hatte es schon geahnt, als er die ersten beiden Völker auf die Deponie holte. Inzwischen hat die Deponie selbst 15 Völker, zehn hat Maul in Pflege, weitere zehn bis 15 Völker gehören ihm selbst. Bei rund 60.000 Bienen pro Volk macht das (im Sommer) zweieinhalb Millionen Bienen. Und nach allen muss er mindestens einmal pro Woche schauen, damit sie sich nicht selbstständig machen und verschwinden.

So viele Bienen bringen viel Honig. Wie viel genau, sagt Maul nicht. Aber mehr als 1.000 Gläser Honig werden kurz vor Weihnachten von ihm erwartet. In diesem Jahr ist das leicht.

Dieses Jahr ist für uns Imker überdurchschnittlich gut - sehr gut sogar. Es war in diesem Sommer nicht so trocken, wie in den vergangenen Sommern. Das haben wir gemerkt! Der Raps hat geblüht wie verrückt. Ich habe so viel Rapshonig geschleudert, das war schon Wahnsinn. Es waren 30 bis 35 Kilogramm pro Volk. Das ist sonst eigentlich ein Jahresertrag.

Thomas Maul Deponie-Imker

Das Honigjahr neigt sich nun allerdings dem Ende entgegen. Ab September etwa "ist die Verschleuderung vorbei, dann haben wir nur noch mit der Pflege und der Vorbereitung zu tun", so Maul.

Wir gehen zu seinen Bienen. Er hat welche gezüchtet, die nicht aggressiv sind, erzählt er. Weil wir aber an ihren Honig wollen - ihren Wintervorrat, wie sie dachten - ist Schutzkleidung besser. Eine dichte weiße Baumwoll-Jacke mit Imker-Hut schützt uns. Maul öffnet den Deckel einer Kiste. Der ganze Stapel wird Beute genannt, eine Kiste heißt Zarge. Darin stecken elf Rähmchen mit Honig-Waben. Und die wollen wir schleudern.

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Einmal im Jahr gibt es eine Deponie-Wanderung, bei der Thomas Maul die Besucher rund zweieinhalb Stunden über die Deponie führt und alles erklärt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Begehrte Leckerei Die Ernte des Deponiehonigs in Erfurt-Schwerborn

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Im Schleuderraum entfernt er Thomas Maul die Wachsschicht von den Waben. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Im Schleuderraum entfernt er Thomas Maul die Wachsschicht von den Waben. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Vorher hat er den obersten Deckel des Bienenstocks enfernt und die Rahmen mit Honig-Waben entnommen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Mit einem kleinen Besen kehrt Thomas Maul die Bienen ab. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Der Honig wird dreimal gesiebt, dann nur noch abgefüllt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Der Honig ist Lindenblütenhonig. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Dieses Jahr ist ertragreich. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Honig wird verschenkt an Mitarbeiter und Geschäftskunden, er ist unverkäuflich. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Autorin Isabelle Fleck mit Thomas Maul vor einem Bienenstock. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Alle (8) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. August 2020 | 05:00 Uhr

An der Farbe sieht er es schon und die Jahreszeit passt auch: Es ist Lindenblütenhonig. Golden, flüssig. Aus einem Rähmchen kommen etwa zweieinhalb Kilogramm Honig. Er fließt aus der Schleuder durch zwei Siebe in einen Eimer. Direkt so könnte man ihn aufs Brötchen schmieren. Nur Thomas Maul wird das nicht machen.

Ich esse keinen Honig. Er schmeckt für mich nach Arbeit. Nach sehr viel Arbeit. Und er klebt. Immer kleben die Finger.

Thomas Maul Deponie-Imker

Man kann es nicht recht glauben. Und dann setzt er noch einen drauf: Maul ist allergisch auf Bienenstiche. "Nicht das reine Bienengift." Aber wenn die Kartoffeln blühen und gespritzt werden und eine Biene sticht, die zuvor auf den gespritzten Kartoffeln Pollen gesammelt hat, dann haut es ihn um.

Zwei Mal bin ich ohnmächtig geworden. Deshalb arbeite ich in der Zeit nur unter Vollschutz.

Thomas Maul Deponie-Imker

„Buddelhonig“ auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn mit Imker Thomas Maul.
Die fließigen Arbeiterinnen auf der Deponie in Erfurt-Schwerborn. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Maul ist die meiste Zeit alleine hier draußen mit seinen Bienen. Auch wenn es viel Arbeit ist, so ruht er in sich. Das merkt man beim Kaffeetrinken vorm Schleudern. Seine großen, dunklen Augen wandern über das Gelände. Er hat schon vielen von seinem Projekt erzählt und er erzählt es heute wieder. Auch Deutschlands einziger Honig-Sommelier war hier.

Man kann nicht aufgeregt zum Bienenvolk gehen, man muss sich runterfahren und ruhig werden. Sonst überträgt sich die Hektik. Das geht nur im Einklang mit der Natur.

Thomas Maul Deponie-Imker

Am Tisch vor dem Imker-Häuschen ist es leicht runterzufahren. Der Blick geht ins Grüne, die Bienen fliegen aus und ein, ein paar freilaufende Deponie-Schafe rascheln in den frisch geschnittenen Hecken und holen sich was zu Knabbern.

"Wer einmal hier draußen war, denkt nicht mehr an Müll", sagt Thomas Maul und genießt es, noch kurz zu sitzen. Bald geht seine Zeit bei den Bienen zu Ende. Dann wechselt er in seinen zweiten Job bei den Stadtwerken. Im Winter arbeitet er als Dispatcher beim Winterdienst. Bis März.

Wenn ihm der Job im Büro zu stressig wird, kommt er manchmal her, erzählt er. Dann hält er den Arm rein zu den Bienen, spürt das Brummen und lässt sich mal kurz stechen. Es klingt absurd -  und doch irgendwie verständlich. Eine kleine Dosis Gift nur - denn Imkern sagt er, macht süchtig.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. August 2020 | 06:00 Uhr

2 Kommentare

part vor 4 Tagen

Auch bei ehemaligen Deponien wirkt die Schwerkraft, Niederschläge spülen Schadstoffe aus und verlagern sie in Grundwasser. Bei den üblichen DDR- Abfällen dürfte sich der Hauptanteil von Schadstoffen auf die Asche aus der Braunkohleverbrennung bezogen haben. Oberhalb des naturierten Gebietes bietet sich dagegen kein systemischer Eintrag von Herbiziden oder Fungiziden, wie bei Agrargenossenschaften üblich, daher wohl weniger Schadstoffnachweis. Das Ausdünsten von Gasen nach oben kann wohl aber hier nicht ganz ausgeschlossen werden, deshalb wohl auch der besondere Geschmack. Überdies Bienen können Streß und Angst riechen bei Menschen, sie werden dann besonders übermütig. Deshalb finde ich die Textzeilen zum Herunterfahren beim Imkern besonders wertvoll. Auch Tintenschopflinge wachsen besonders gern dort, wo einst Abfall lagerte.

Gruen_unsere_Zukunft vor 4 Tagen

wer kontrolliert den Mischmasch-Billig-Honig beim Discounter? wir geben viel mehr aus um "gesunden" honig direkt vom imker zu beziehen aber woran wird glyphosat im honig erkannt und was kann passieren? Pikel auf der Nase oder am Gesäß ist unschön oder wird Immunsystem angegriffen oder setzen lebensnotwendige Organe aus?

Mehr aus der Region Erfurt - Arnstadt

Mehr aus Thüringen