Thomas Mücke - Geschäftsführer Violence Prevention Network (li.) und Matthias Kanzler, Projektkoordinator (re.)
Thomas Mücke - Geschäftsführer Violence Prevention Network (li.) und Matthias Kanzler, Projektkoordinator (re.) Bildrechte: MDR/Michael Hesse

Erfurt Thüringens erste Islam-Beratungsstelle eröffnet

Thüringens erste Islam-Beratungsstelle will einerseits aufklären, andererseits aber auch Familien beraten, wenn sich Jugendliche radikalisieren. Montag wurde sie in Erfurt eröffnet.

von Michael Hesse

Thomas Mücke - Geschäftsführer Violence Prevention Network (li.) und Matthias Kanzler, Projektkoordinator (re.)
Thomas Mücke - Geschäftsführer Violence Prevention Network (li.) und Matthias Kanzler, Projektkoordinator (re.) Bildrechte: MDR/Michael Hesse

Die Mitarbeiter geben Jugendlichen, Eltern und Fachleuten Antworten im Umgang mit dem Islam, aber auch zum Thema Flucht. Nach Einschätzung von "Violence Prevention Network" gelten besonders unbegleitete Minderjährige und Jugendliche als Zielgruppe von Anwerbern aus der salafistischen Szene. Nach Auskunft des Netzwerkes werden Rekrutierungsversuche und radikale Tendenzen oft nicht rechtzeitig erkannt - weder von Eltern noch von Betreuern.

Bei der Vorstellung der Ergebnisse der Kommission Zukunft Schule steht Helmut Holter (Die Linke) am 21.06.2017 in der Staatskanzlei in Erfurt (Thüringen) vor Thüringens Landesfahne.
Helmut Holter Bildrechte: dpa

Genau da wollen die Mitarbeiter der Erfurter Beratungsstelle ansetzen. Sie wollen sensibilisieren, vorbeugen und frühzeitig intervenieren. Und: Sie wollen ebenso islamfeindliche Meinungen, Vorurteile und Ängste abbauen. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter sieht in dem Netzwerk einen erfahrenen Partner in der Präventionsarbeit. Die Mitarbeiter seien darauf spezialisiert, Menschen zu entradikalisieren. Unterstützt wird die Stelle vom Land allein in diesem Jahr mit rund 243.000 Euro. Nach den aktuellsten Zahlen haben 2015 in Thüringen mehr als 7.000 Muslime aus über 40 Nationen gelebt. Die Zahl dürfte nach der großen Fluchtbewegung noch deutlich gestiegen sein.

Salafistische Szene breitet sich aus

Der Geschäftsführer von Violence Prevention Network, Thomas Mücke, sieht Beratungsbedarf in Thüringen. Grund sei die Entwicklung der salafistischen Szene. Sein Team wolle junge Menschen im Umgang mit Extremismus starkmachen und sie nicht extremistischen Akteuren und Manipulationen überlassen. Immerhin zehn Beratungsstellen gibt es mittlerweile in sieben Bundesländern. Erste Erfahrungen sind im Bereich Rechtsextremismus gesammelt worden. Seit über zehn Jahren ist auch der Islamismus ein Thema für die Mitarbeiter.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt den Salafismus sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene als die zurzeit dynamischste islamistische Bewegung ein. So verzeichnet das Spektrum allein in Deutschland seit Jahren steigende Anhängerzahlen. 2011 waren es demnach bundesweit schätzungsweise etwa 3.800 Personen. Ende 2017 lag die Zahl der Salafisten bei circa 10.300 Anhängern.

Salafisten kämpfen oft im Syrien-Konflikt

Eingangsbereich der Islam-Beratungsstelle Erfurt
Die Islam-Beratungsstelle klärt auf Bildrechte: MDR/Michael Hesse

Laut Bundesamt für Verfassungsschutz geben Salafisten vor, ihre religiöse Praxis und Lebensführung ausschließlich an den Prinzipien des Koran und dem Vorbild des Propheten Muhammad und der frühen Muslime - der sogenannten rechtschaffenen Altvorderen - auszurichten. Ziel von Salafisten ist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes jedoch die vollständige Umgestaltung von Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk, das als "gottgewollte" Ordnung angesehen wird. In letzter Konsequenz soll demnach ein islamischer "Gottesstaat" errichtet werden, in dem wesentliche, in Deutschland garantierte Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben sollen.

Nach wie vor ist gerade der Syrien-Konflikt für die salafistische Szene von enormer Bedeutung, so der Verfassungsschutz. Es liegen derzeit Erkenntnisse zu ca. 940 deutschen Islamisten bzw. Islamisten aus Deutschland vor, die in Richtung Syrien/Irak gereist sind, um dort auf Seiten des IS und anderer terroristischer Gruppierungen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder diese in sonstiger Weise zu unterstützen (Stand: September 2017).

Kontakt Interessierte Jugendliche, Angehörige sowie Institutionen können sich mit ihren Anfragen an die Beratungsstelle Thüringen unter der Telefonnummer 0361- 30 26 20 31 oder per Email an thueringen@violence-prevention-network wenden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 16. April 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2018, 20:44 Uhr

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11 Kommentare

17.04.2018 21:58 Eulenspiegel 11

Die Salafistische Szene breitet sich aus und das seit zehn Jahren. Das heißt diese Szene hat zwar auch was mit den Flüchtlingen zu tun aber nur am Rande denn sie war schon viel früher da. Dieses Thema eignet sich somit nicht um gegen Flüchtlinge zu hetzen.

17.04.2018 21:26 martin 10

@9 andre: Ob man damit wirklich leicht Geld verdienen kann? Die habe ich Zweifel.

Die Werbung für den IS benötigt keine Erfurter Beratungsstelle - da hat das Internet deutlich bessere Möglichkeiten. Aber Prävention gegen Salafisten & Co ist meiner Meinung nach gut angelegtes Geld. Und Salafisten laufen in Erfurt mehr als genug herum ...

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