Dr. Nina Mackert im Portrait.
Nina Mackert von der Universität Erfurt forscht zur Ernährung und ist Expertin zur Historie der Kalorie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ernährung Erfurter Forscherin: "Mit der Kalorie wird Politik gemacht"

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland gilt als fettsüchtig. Mit schwerwiegenden Folgen: Denn Fettleibige werden in der Gesellschaft ausgegrenzt, wie Studien belegen. Dicke gelten als Versager, Schlanke als selbstbeherrscht. Zu dieser Sicht trägt auch das Kalorienzählen bei, meint Dr. Nina Mackert. Die Historikerin forscht an der Universität Erfurt zur Karriere der Kalorie, ihr Blog findet Tausende Leser. Wir trafen uns mit ihr in einem Café auf dem Campus bei Sahnetorte und Cappuccino.

von Astrid Mudra

Dr. Nina Mackert im Portrait.
Nina Mackert von der Universität Erfurt forscht zur Ernährung und ist Expertin zur Historie der Kalorie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN: Frau Mackert, Sahnetorte und Bücher über Essensrevolution, wie geht das zusammen?

Nina Mackert: Ich bin mir nicht sicher, ob es meine Intention ist, das Essen zu revolutionieren. In unserem Forschungsprojekt haben wir uns die Art und Weise, wie wir essen und wie über Essen gesellschaftliche Ordnung verhandelt wird, angeschaut. Es ist interessant, wie Menschen über das Essen soziale Positionen zugewiesen werden. Es darf nicht jeder alles essen.

Wieso nicht?

Wenn ich als dick klassifiziert werden würde, gäbe es sicher ganz viele Leute, die sagen würden: Guck an, die isst die Sahnetorte! Aus der Art und Weise, wie ich Kalorien zu mir nehme, würden Aufschlüsse darüber gezogen werden, was für ein Mensch ich bin und wie meine Lebensführung ist. Das, finde ich, ist ein interessantes Phänomen der Gegenwart. Das möchte ich gern gegen den Strich bürsten, indem ich es mir historisch angucke.

Beim Kalorienzählen geht es heute meistens um das Abnehmen. Unsere Großmütter und Urgroßmütter dachten noch anders …

Dr. Nina Mackert während eines Einkaufs in der Gemüseabteilung.
Je nach Essverhalten werden Menschen soziale Positionen zugeschrieben, lautet die Einschätzung von Forscherin Mackert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als die Kalorie erfunden wurde, wie ich es nenne, da ging es überhaupt nicht ums Abnehmen. In den ersten drei bis vier Dekaden, in denen die Kalorie wirkte, redete keiner vom Abnehmen. Es ging eher darum, eine größtmögliche Versorgung zu sichern. Erstmals politische Bedeutung hat die Kalorie in Debatten bekommen, wie man die Versorgung von Arbeiterinnen und Arbeitern effizienter machen könne. Das ist ein bisschen wie heute, wenn Politiker argumentieren, man könne auch mit Hartz 4 günstig essen. So ähnlich wurde das schon vor 130 Jahren vermittelt: Die Kalorie zeigt, dass ihr günstig Haferflocken essen könnt. Ihr müsst nicht das teure Fleisch essen …

Sie sprechen von der Erfindung der Kalorie?

Ja, im 19. Jahrhundert hat man sich den menschlichen Körper als eine Maschine vorgestellt, die Nahrungsenergie in Arbeitsenergie umwandelt. Quer durch die Wissenschaften wie Physik oder Physiologie zog sich eine neue Idee, dass Menschen Maschinen sind. Also brauchte man Energie, um diese Maschinen zu befeuern. Da hat man sich die Kalorie herausgesucht. Die Einheit wurde schon vorher genutzt, um die Wärmeeffizienz von Maschinen zu messen.

Warum hat sich die Kalorie dann so hartnäckig gehalten?

Die Kalorie ist nach wie vor sehr beliebt, weil sie die Verantwortung für den Körper weiter auf das Individuum verlagert. Sie suggeriert, dass sich Zu- und Abnehmen eindeutig steuern lassen und ruft Menschen dazu auf, genau das zu tun. Wenn Kunden im Supermarkt ein Produkt aus dem Regal nehmen und umdrehen, schauen sie natürlich nicht nur auf die Kalorien.

Aber die Kalorie hält sich trotz der Kritik an ihr sehr hartnäckig auf diesen Nahrungsmittellabels.

In den USA wurde als Projekt von Michelle Obama ein neues Label eingeführt. Die Kalorie erscheint jetzt deutlich größer auf den Verpackungen als scheinbar eindeutige Aussage über den Wert eines Lebensmittels, ob es gut oder schlecht für uns ist. Wenn dann jemand dick ist, scheint für die meisten klar zu sein, dass das nur am übermäßigen Essen liegen kann. Diese Person war offenbar nicht diszipliniert genug, Kalorien zu zählen.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis über die Kalorie …

Meine wichtigste Erkenntnis ist, dass die Kalorie politisch ist. Sie ist keine Einheit, die einfach nur den Wert eines Essens angibt. Seit ihrer Entstehung, ihrer Erfindung im späten 19. Jahrhundert wurde sie immer wieder dafür genutzt, Politik zu machen. Zum Beispiel als über Lohnhöhen diskutiert wurde und als es darum ging zu entscheiden, wer was wie essen darf.

Und woran merken Sie das heute?

Inzwischen wird sogar davon gesprochen, dass dicke Menschen höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen sollen. Sie sollen eine Bürde für das Gesundheitssystem darstellen. Da gibt es dann eine ganze Reihe von Disziplinierungsmaßnahmen. Das Stigma ist immens, dass Dicke jeden Tag von morgens bis abends erfahren müssen. Die Essensdebatten haben damit zu tun. Unter anderem deswegen ist Essen politisch.

Was spricht denn gegen Verantwortung?

Die Kalorie verlagert die Verantwortung für Körperform auf die Individuen. Das ist ein modernes Phänomen. Menschen, deren Körper nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht, werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Angestellte mit einem hohen Body-Mass-Index (BMI) werden zum Beispiel nicht verbeamtet. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung verweist zudem auf Studien, die zeigen, dass Hochgewichtigen nicht zugetraut wird, einen verantwortungsvollen Job zu machen. Sie werden als nicht verantwortungsbewusst erklärt. Das hat Einfluss auf ihre Mitwirkung in der Gesellschaft. Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten, die zu erzählen wichtig sind …

Nina Mackert bloggt Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen mehrerer Universitäten betreibt Nina Mackert den Blog "Food, Fatness, Fitness - Critical Perspectives" (Übersetzung: Essen, Dicksein, Fitness - kritische Perspektiven).

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2019, 19:57 Uhr

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5 Kommentare

16.07.2019 13:18 KlarText 5

Auch hier mal wieder: Lesendes Verstehen ist nicht sehr beliebt: Es geht *nicht* um die physikalische Einheit Kalorie und auch nicht darum, dass Kalorie Politik ist sondern ganz einfach um die Geschichte des Essens, gerne auch um die Politisierung von Essen und um die kulturellen Wandel bei der (Be-)Deutung von menschl. Körperformen. Alles durchaus erforschenswert!
Dicksein hat nicht immer etwas mit Faulheit zu tun. Es gibt unterschiedliche Faktoren, welche die Körperform beeinträchtigen (bspw. die Gabe bestimmter Medikamente usw.).

16.07.2019 10:08 Quantix 4

Die "Kalorie" ist nicht politisch, sondern ein Maß für chemisch verwerbare Energie. Die Standardeinheit ist hierfür auch nicht Kalorie, sondern Joule. Ein Joule bedeutet, eine Sekunde lang die Leistung von einem Watt Energie zu verrichten (z.B. das Herz schlagen zu lassen). Ein Mensch verbraucht insgesamt etwa 100 Watt Energie pro Sekunde, das macht bei 24 Stunden 8.400 Kilojoule: Diese Zahl kennt man, denn diese ist als "Referenzwert für den Tagesbedarf" auf Lebensmittelverpackungen angegeben. Idealerweise nimmt der Mensch genauso viel Energie auf, wie er benötigt. Wenn er weniger aufnimmt als die oben angegebene Zahl, dann hungert er, wenn er mehr aufnimmt, dann speichert der Körper den Überschuss in Fettzellen. Reinste Physik + Biologie. Was soll die Politik daran ändern können?

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