Training in der Kampfsportschule "La Familia Fightclub Erfurt". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neonazis im Sport

Erfurter Kampfsportverein will Rechtsextremisten ausschließen

von Johanna Hemkentokrax

Stand: 30. Oktober 2020, 10:29 Uhr

"La Familia Fightclub Erfurt" geht auf Distanz zu Rechtsextremen: Nach mehreren Vorfällen hat der Verein gemeinsam mit dem Landessportbund ein Konzept erarbeitet, um Neonazis aus dem Vereinsleben auszuschließen.

Die Kampfsportschule "La Familia Fightclub Erfurt" liegt in einem kleinen Hinterhof am Leipziger Platz. Auf dem Mattenbereich im ersten Stock des alten Ziegelgebäudes trainieren an diesem Morgen bereits mehrere Vereinsmitglieder. Ein ganz normaler Sportverein - könnte man denken. Doch nach Berichten über rechtsextreme Verbindungen des Vereins und seiner Mitglieder hat der Vorstand die Reißleine gezogen und will sich offensiv gegen Neonazis in den eigenen Reihen engagieren.

"La Familia" in Erfurt mit neuem Vereinskodex

"Wir haben erst relativ spät verstanden, wo die tatsächlichen Probleme liegen", sagt Tobias H.. Das langjährige Vereinsmitglied ist vor ein paar Monaten zum neuen Integrations- und Extremismusbeauftragten ernannt worden. Tobias H. hat zusammen mit dem Landessportbund Thüringen ein Konzept entwickelt, wie Neonazis dauerhaft aus dem Vereinsalltag ferngehalten werden können. Dazu gehört auch ein neuer Vereinskodex, mit dem sich der Verein offen gegen Rassismus positioniert.

Bei Aufnahmegesprächen neuer Mitglieder werde dieser Punkt direkt angesprochen. "Das große Problem ist einfach, das geht völlig konträr zu den Werten von Sport im Allgemeinen und Kampfsport im Speziellen", sagt Tobias H.. "Respekt, Fairness und Gleichheit innerhalb und außerhalb der Matte sind quasi elementar für uns als Verein und für ich denke für jede Kampfsportart."

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Erfurter Kampfsportverein sperrt Neonazis aus

Verein will rechtsextreme Verbindungen kappen

Erst im vergangenen Jahr war ein Rechtsextremist bei einer sogenannten "Fightnight" des Vereins als Kämpfer angetreten. Bei derselben Veranstaltung hatten Rechtsextremisten der als kriminelle Vereinigung angeklagten Hooligan-Gruppe "Jungsturm" als Türsteher gearbeitet. Außerdem machte der ehemalige Partnerverein der Erfurter "La Familia Fightclub Halle" in den vergangenen Monaten mit engen Verbindungen zu Neonazis Schlagzeilen. Ein neuer Präventionsplan soll künftig verhindern, dass Rechtsextremisten an den Kampfsportveranstaltungen von "La Familia Erfurt" als Kämpfer, Besucher und Mitarbeiter teilnehmen.

"Wir haben festgestellt, dass Menschen das, was wir hier vermitteln, missbrauchen und damit gewissermaßen unseren Sport missbrauchen. Wir mussten uns da einfach distanzieren und eine klare Kante zeigen", sagt Tobias H.. Gewalt abseits von sportlichen Kontexten oder zur Selbstverteidigung sei für seinen Verein inakzeptabel. Nach MDR-Informationen hat der Verein nun auch seinen Sponsorenvertrag mit einem Erfurter Neonazi-Tattoo-Studio aufgelöst.

Auch die Mitgliedschaft des Neonazi-Kampfsportler Lukas O. soll gekündigt worden sein. O. gilt als eng vernetzt mit der neonazistischen Kampfsportszene und soll zum Unterstützerkreis um den sogenannten "Kampf der Nibelungen" gehören - das bundesweit größte Neonazi-Kampfsportevent. In dem Raum, in dem Lukas O. sich in den sozialen Medien selbst gern beim Training zeigt, wurden auch Videos für die Szeneveranstaltung produziert.

Landessportbund bewertet Prozess positiv

Kampfsport ist in der Neonaziszene in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden - mit gefährlichen Konsequenzen für Menschen, die nicht ins rechtsextreme Weltbild passen. Dass "La Familia Erfurt" solche Verbindungen nun nachhaltig kappen will, bewertet der Landessportbund Thüringen positiv.

Thomas Zirkel, Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Thüringen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir sind natürlich am Anfang auch erstmal skeptisch gewesen", erzählt Hauptgeschäftsführer Thomas Zirkel. "Wir haben aber mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass da wirklich ernsthaftes Interesse dahintersteht, dass die handelnden Personen mit den Fehlern der Vergangenheit aufräumen wollen." Der Verband werde den Kampfsportverein in diesem Prozess weiter eng begleiten.

Rechtsextremismusforscher empfiehlt anonymes Beschwerdesystem

Auch Matthias Koch vom Zentrum für Rechtsextremismusforschung (KomRex) an der Uni Jena bewertet diesen Vorstoß eines Kampfsportvereins positiv. Allerdings müsse sichergestellt werden, dass der Verein seine eigenen Auflagen auch streng kontrolliere. "Ein konkretes Mittel, das Teil der Präventionsstrategie werden müsste, ist die Gewährleistung eines Beschwerdesystems, das Mitgliedern ermöglicht, die Leitung des Vereins anonym über rechtsextreme Propaganda, die bei sportlichen Aktivitäten artikuliert wird, zu informieren", sagt der Rechtsextremismusforscher.

Tobias H. von "La Familia Fightclub Erfurt" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass der Verein mit seinem aktuellen Vorstoß auf dem Prüfstand steht und erst beweisen muss, ob die neuen Leitlinien auch im Alltag Bestand haben, weiß auch Tobias H.. "Ich glaube, dass Vereine auch die Verantwortung haben, demokratische Werte zu vermitteln, mir liegt das am Herzen und ich bin bereit, da viel Arbeit zu investieren."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 30. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

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