Kleingarten in Erfurt
Wie viele Kleingärten müssen in der Landeshauptstadt weichen? Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Erfurt Wenn Kleingärten für Bauland plattgemacht werden

Erfurt wächst - neuer Wohnraum soll her. Die Stadt schielt dabei auch auf die gut gelegenen Kleingartenanlagen. Deren Pächter wehren sich: Es gehe nur um die Kohle. Dabei seien Gärten auch fürs Stadtklima wichtig.

von Antje Kirsten

Kleingarten in Erfurt
Wie viele Kleingärten müssen in der Landeshauptstadt weichen? Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Der Blick ist traumschön. Von der Gartenbank können Kleingärtner wie Lothar Beer auf den Erfurter Dom schauen. Im Moment ist es zwar frostig kalt - aber für einen Spaziergang und Blick auf Dom und Gartenlaube kommen die Gartenfans auch jetzt gern mal vorbei. Die Gartenanlage "Marienhöhe" in Erfurt liegt an der Binderslebener Landstraße auf einer Anhöhe. Mit ihrer 1A-Lage gehört sie wohl zu den schönsten in Thüringen: zentrumsnah und doch mitten im Grünen. Die Gärtner können mit der Straßenbahn zur "Datsche" fahren. Die Anlage ist begehrt nicht nur bei jungen Familien, die gern einen Garten haben wollen, sondern auch bei Bauherren. "Die Begehrlichkeiten sind groß", sagt Vereinschef Lothar Beer.`

Schon vor einigen Jahren hat die "Marienhöhe" Gärten für Bauland abgeben müssen. Die nächsten 21 haben nur noch eine Schonfrist bis 2026. Dann wird auch dieses Gartenland zu Bauland. "Einen Garten auf Zeit bewirtschaften die Gärtner aber nicht mehr mit Hingabe. Sie investieren kaum noch und pflanzen auch keine Bäume mehr", stellt Beer fest. Schon jetzt stehen einiger dieser befristeten Gärten leer und verwildern so langsam.

Der Wind hat stark zugenommen

Kleingarten in Erfurt
Kleingärten - auch fürs Stadtklima gut? Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Keine gute Entwicklung sagt Klaus Schmantek, wenn immer mehr Gärten zugunsten von Bauland verschwinden. Der Vorsitzender des Stadtverbandes Erfurt der Kleingärtner e.V. fürchtet langfristig massive Auswirkungen aufs Stadtklima. Immer mehr zugebaute Flächen würden schon jetzt dafür sorgen, dass Regenwasser nicht mehr versickert, sondern in Sturzbächen in die Stadt läuft. Auf der "Marienhöhe" seien die Folgen spürbar. Vor Jahrzehnten habe auf der Höhe kaum Wind geweht. Schon allein der Bau des Möbelhauses "Ikea" und der "Messe" aber habe sich klimatisch ausgewirkt. "Der Wind hat stark zugenommen. Ab Mittag können Sie sich im Sommer im Schatten draußen nicht mehr hinsetzen", beklagt Kleingärtner Klaus Konopatzki.

Vor 28 Jahren hat er seinen Garten auf der "Marienhöhe" bekommen - zur Pacht. Damals, sagt er, habe noch kein Lüftchen um seine Hütte geweht, heute puste es ihm ständig kräftig um die Ohren. Die Gartenanlage liegt im Klimaeinzugsgebiet - in der sogenannten Frischluftzone - für Erfurt. Doch die Eigenheime rücken Jahr für Jahr immer näher an die Anlage - schon jetzt ist die "Marienhöhe" auf zwei Seiten von modernen schicken Bauhaus-Häusern umrahmt, die bestenfalls noch einen Mini-Vorgarten, eine Terrasse mit Pflanzkübeln, Büsche und Wiese haben.

Grünflächen gegen Klima

"Wir brauchen die Grünanlagen, gerade angesichts der klimatischen Veränderungen in der Welt", fordert Vereinschef Beer. In Erfurt gibt es aktuell noch rund 8.500 Parzellen. Mindestens 150 werden in den nächsten Jahren verschwinden. Die einen wie in Hochheim und am Bachstelzenweg aus Gründen des Hochwasserschutzes, die anderen weil auf ihnen Wohnungen, Einfamilienhäuser gebaut werden sollen. Auf einer Privatfläche von 7.100 Quadratmetern soll am Brühler Herrenberg gebaut werden.

Schon im Frühjahr 2018 waren zirka 2.800 Quadratmeter Kleingartenland in der Anlage "Kletterrose" gekündigt worden. Die Vermarktung der Fläche, teilt die Stadt Erfurt auf MDR Anfrage mit, ist für dieses Jahr geplant. Ein Bebauungsplan liege bereits vor. Am "Hirnzigenberg" ist eine Fläche von 8.250 Quadratmetern vakant. Hier genießen die Kleingärtner allerdings noch Bestandsschutz. Summa summarum werden in den nächsten Jahren fast fünf Hektar Gartenland verschwinden, das entspricht der Größe von fünf Fußballfeldern.

"Die Euro-Noten in den Augen"

"Die Stadtverwaltung hat nur die Euro-Noten in den Augen. Es wird nicht irgendwann zu Ende sein - die Begehrlichkeiten der Grundstückseigentümer sind sehr groß." Klaus Schmanteks Resümee klingt resignierend. Der Stadtverband hält zwar mit einem Anwalt und rechtlicher Beratung der Kleingartenverbände tapfer dagegen, auf eine Klage hat man es aber allein aus Kostengründen bisher noch nicht ankommen lassen. Die Stadt teilte MDR THÜRINGEN schriftlich mit: "Wo immer es möglich ist, wird die Verwaltung auf die Inanspruchnahme von Kleingärten verzichten. Die Schaffung von Baurecht und die Erstellung der entsprechenden Genehmigungen oder Satzungen sind das Ergebnis sorgfältiger Abwägungsprozesse unter Beteiligung des Stadtrats und der Öffentlichkeit".

Wartelisten in Stadtnähe

Blick über die Stadt mit Hotel Radisson und Hochhäusern am Stadtring.
Blick über die Stadt mit Hotel Radisson und Hochhäusern am Stadtring. Bildrechte: imago/Karina Hessland

Während am Stadtrand, in den entlegenen Ortsteilen Gärten leer stehen, gibt es in den stadtnahen Anlagen Wartelisten. Weniger Kleingärten, sagt Verbandschef Klaus Schmantek, verändern langfristig das Stadtklima. Ein Forschungsprojekt der Fachhochschule Erfurt, vorgelegt in dieser Woche, gibt ihm Recht. Danach haben nach dem Hitzesommer 2018 rund 60 Prozent der befragten Erfurter angegeben, unter der Hitze in ihrem Wohnumfeld gelitten zu haben.

Zwei Drittel gaben an, große Plätze wie den Hanseplatz oder Leipziger Platz eher selten oder nie zum Ausruhen aufgesucht zu haben. Ziel des Projektes war es, herauszufinden wie sich die steigenden Temperaturen in einer Stadt wie Erfurt spürbar verringern lassen. So wünschen sich die Bewohner mehr Bäume, schattige Sitzplätze und einen klimatisierten öffentlichen Nahverkehr. Die Stadt, heißt es, sei aufgefordert, angesichts der veränderten Klimas langfristig gegenzusteuern.

Die Kleingärtner hätten da sicher schon eine Idee. Bleiben die Kleingärten mitten in der Stadt erhalten, sorgen sie für gesundes Stadtklima. Und sie stehen allen Erfurtern offen - zum Spazierengehen, zum Gucken und gern auch zum Plausch über den Gartenzaun.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. Januar 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2019, 06:00 Uhr

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39 Kommentare

28.01.2019 17:18 FO 39

Da wird ein Forschungsprojekt der Fachhochschule Erfurt erwähnt, aber kein Name, Titel oder Ähnliches. Liebe Redaktion, bitte so etwas gerne mit aufführen! In dieser Form habe ich keine Chance die Veröffentlichung zu finden, außer jeden der fünf infrage kommenden Lehrstühle selbst anzuschreiben und zu fragen, ob jemand etwas weiß. Dabei wäre ein Blick in diese Arbeit sicher sehr interessant für einige. Liebe Grüße

MDR THÜRINGEN:
Hallo FO,
vielen Dank für Ihre Anregung. Dies ist der Link für weitere Informationen der FH zu ihrem Forschungsprojekt. Hier finden Sie auch entsprechende Ansprechpartner: https://www.fh-erfurt.de/fhe/fachhochschule/aktuelles/meldungen/2734-wohlfuehlen-trotz-sommerhitze-in-der-erfurter-oststadt/

28.01.2019 08:25 Beobachter 38

Tja, die Stadt Erfurt verdoppelt fast die pro Kopf Verschuldung für die Buga - da kommen die Einnahmen aus verkauften Bauland gerade recht. Die Verwaltung wird ebenfalls deutlich vergrößert und von irgendetwas müssen die ja auch bezahlt werden. Da sind das Klima und die Befindlichkeiten von ein paar Kleingärtnern unwichtig.

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