Fördermittel sind eingefroren Kreditauszahlung kam für Lesara zu spät

Der Onlinemodehändler Lesara hatte gerade erst sein Millionen-Logistikzentrum in Erfurt eröffnet, da meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die Geschäftsführung erklärt nun, unter anderem seien Kredite verspätet ausgezahlt worden. Außerdem sehen Verbraucherschützer die Preisangaben des Onlineshops kritisch.

von Karsten Heuke

Nach Ansicht des Onlinemodehändlers Lesara hat die Sparkasse Mittelthüringen einen Anteil an seiner Insolvenz. Der Lesara-Vorstand Roman Kirsch sagte in einem Interview dem Online-Magazin "Gründerszene", die Bank habe eine vereinbarte Zwischenfinanzierung in Millionenhöhe erst verzögert ausgezahlt. Das sei ein großer, aber nicht der einzige Faktor für die Insolvenz  gewesen. Das Geld sei unter anderem aufgrund der Urlaubszeit in Thüringen und wegen Bauverzögerungen des Logistikzentrums in Erfurt verspätet geflossen. Anfragen dazu von MDR THÜRINGEN hat Lesara nicht beantwortet. Nach Erscheinen dieses Berichts hat ein Sprecher des Insolvenzverwalters jedoch reagiert und das Interview nachträglich relativiert indem er erklärte, Lesara wolle der der Sparkasse keine Mitschuld geben. Fragen von MDR THÜRINGEN hat Lesara dennoch nicht beantwortet.

Sparkasse spricht von unerfahrenen Kreditnehmern

Die Sparkasse Mittelthüringen wehrt sich indirekt gegen die Kritik von Lesara. Bank-Sprecher sagte David Maisel, dass die Sparkasse "grundsätzlich bei Vorliegen aller vereinbarten Voraussetzungen jederzeit erfülle, selbstverständlich auch in Ferienzeiten ihre einmal eingegangen Verpflichtungen vertragskonform". Allerdings habe man die Erfahrung gemacht, dass gerade "unerfahrene Kreditnehmer die sehr individuell ausgehandelten Bedingungen aus den Augen verlieren". Explizit zu Details im Fall Lesara möchte sich die Sparkasse aufgrund von Verschwiegenheitspflichten nicht äußern.

Mängel verzögerten Bauabnahme

Noch im Oktober 2018 waren Vertreter des Thüringer Finanzministeriums und des Wirtschaftsministeriums bei einem Bankengespräch mit Lesara dabei. Dort seien die Voraussetzungen für die Auszahlung des Kredits besprochen worden, sagte der Sprecher des Wirtschaftsministeriums, Stephan Krauß, MDR THÜRINGEN. Nachdem Lesara noch fehlende Unterlagen eingereicht habe, seien im Ergebnis die abgerufenen Kreditbeträge ausgezahlt worden.

Mit dem Sparkassen-Geld wollte Lesara die Zeit überbrücken, bis das Land Thüringen zugesagte Fördermittel auszahlt. Diese Zeitspanne habe sich jedoch wegen Baumängeln und somit einer verspäteten Abnahme des Lesara-Logistikzentrums in Erfurt verlängert, bestätigte das Wirtschaftsministerium MDR THÜRINGEN. Denn Landesmittel dürften erst fließen, wenn ein Neubau abgenommen und bezahlt ist.

Allerdings hat die Lesara AG nur wenig später, am 9. November 2018, Insolvenz beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg beantragt. Damit konnten keine weiteren Landesmittel fließen. Etwas über eine Million Euro hatte Thüringen bereits an Lesara überwiesen. Weitere 4,6 Millionen Euro wurden laut Ministeriumssprecher Stephan Krauß vorerst eingefroren. Die Thüringer Aufbaubank habe der Lesara-Geschäftsführung klar gemacht, dass die bereitstehenden Zuschüsse erst freigegeben werden, wenn die Zukunft des Onlinehändlers gesichert ist und die Förderauflagen erfüllt werden können.

Investoren dringend gesucht

Damit es für die erst 2013 gegründete Lesara AG weitergeht, muss der Modehändler schnell neues Investorengeld beschaffen. Wenn das gelingt, könnte das Unternehmen die Eröffnung eines regulären Insolvenzverfahrens abwenden. Andernfalls droht das Ende von Lesara.

Denn einerseits muss das Versandlager aufgefüllt werden. Nach Angaben des Vorstands reicht die vorhandene Ware nur noch für ein paar Wochen. Andererseits ist die Strategie des Onlinegeschäftes auf teures Wachstum ausgerichtet. Mehrere verlustreiche Jahre werden dabei in Kauf genommen, müssen aber von geduldigen Geldgebern finanziert werden.

Und dann wäre auch Thüringen wieder im Boot. Der Freistaat hat dem Onlinemodeversender eine Gesamtförderung von knapp zehn Millionen Euro für seine Ansiedlung in Erfurt zugesagt. Das im August eröffnete Lesara-Logistikzentrum im Erfurter Güter-Verkehrs-Zentrum hat rund 45 Millionen Euro gekostet. Dort arbeiten aktuellen Berichten zufolge knapp 100 Mitarbeiter und versenden Bestellungen europaweit. 

Unklare Preisdarstellung wird kritisiert

Neben der ungewissen wirtschaftlichen Zukunft, wirft auch der Onlineshop selbst Fragen auf. Praktisch ein Markenzeichen ist die große Anzahl an durchgestrichenen Preisen und hohen Rabattprozenten. "Es wird versucht, die Verbraucher zu manipulieren, indem ihnen suggeriert wird: Hier ist alles besonders günstig", so Ralf Reichertz von der Verbraucherzentrale Thüringen.

Aber nur wer genau hinschaue, erkenne anhand einer Fußnote, dass dabei nicht mit eigenen, früheren Lesara-Preisen verglichen wird. Es sei fraglich und nur von Gerichten zu klären, ob Lesara damit der vom Bundesgerichtshof geforderten Erläuterung von Vergleichspreisen gerecht werde, so Reichertz.

Zudem können die Kunden die beworbene Ersparnis kaum überprüfen. Der Lesara-Shop verweist bei sehr vielen Artikeln seiner Eigenmarken Reverse und Maritimi auf Verkaufspreise, die ausschließlich von der Website style-discount.com/de stammen sollen. Auch ausländische Lesara-Shops, wie der italienische und der französische, verweisen auf diese Webadresse. Die rechnerische Ersparnis wird jeweils in Prozent angegeben und beträgt häufig fünfzig Prozent und mehr.

 Screenshot des Lesara Webshop mit Dumping-Preis-Angeboten
Mit solchen Anzeigen wirbt Lesara für "reduzierte" Ware. Verbraucherschützer kritisieren diese Art der Darstellung. Bildrechte: Lesara

Allerdings finden sich auf genannter Shopping-Website derzeit keine Lesara-Produkte. Von wann die höheren Vergleichspreise stammen und auf welcher Grundlage die fremde Shoppingseite exklusive Lesara-Produkte anbieten kann oder konnte, hat die Berliner Lesara AG auf Anfrage von MDR THÜRINGEN nicht beantwortet. Ebenfalls hat sich der Modeversender nicht dazu geäußert, welche geschäftlichen oder personellen Verbindungen mit dem Betreiber der Vergleichsseite bestehen. Auf schriftliche Medienanfragen erfolgte keine Reaktion und unter der zentralen Telefoneinwahl von Lesara teilt eine Ansage mit: "Unsere Servicemitarbeiter befinden sich gerade auf einer Weiterbildung und stehen Ihnen gern zu einem späteren Zeitpunkt wieder freundlich zur Seite..."

Verbraucherzentrale prüft möglichen Wettbewerbsverstoß

Die Verbraucherzentrale Thüringen will nun genauer prüfen, ob möglicherweise ein Wettbewerbsverstoß vorliegt. Verwunderlich ist die Praxis, auf einen fremden Shop hinzuweisen auch, weil Lesara eigenen Angaben zufolge bei neuer Kleidung vor allem auf Geschwindigkeit setzt. Jeweils innerhalb weniger Tage will das Modeunternehmen Trends erkennen, passende neue Kleidung herstellen lassen und online anbieten. Lesara ist mit seinen Onlineshops in mehr als zwanzig Ländern aktiv.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass der Lesara-Vorstand im Interview mit dem Online-Magazin "Gründerszene" der Sparkasse Mittelthüringen eine Mitschuld an der Insolvenz des Unternehmens gebe. Davon distanzierte sich der Pressesprecher des Insolvenzverwalters von Lesara nachträglich. Anfragen von MDR THÜRINGEN ließ das Unternehmen weiter unbeantwortet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN Nachrichten | 27. Januar 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2019, 06:00 Uhr

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5 Kommentare

28.01.2019 21:57 Petra Stein 5

Ich freue mich für Thüringen, dass hier ein "Stop-Loss" eingetreten ist, und wir für ein paar Niedriglohnjobs und Billigklamotten nichts mehr reinbuttern.

27.01.2019 14:51 Thüringer Original 4

Das ist eben das kranke am kapitalistischen System. Durch rote Zahlen von Investoren ermöglicht, will man anständige Konkurrenten aus dem System tilgen, um dann als Marktführer oder Monopolist die Preise bestimmen zu können. Klar, wenn es alle so machen, gibt auch der Freistaat für sowas Fördermittel, solange man sagen kann, man hat Arbeitsplätze geschaffen.

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